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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B0965 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 68

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Dienstag, 16. Dezember 1851

Schlagwörter: Bundesrat, Konflikte mit Drittstaaten, Liberale Presse, Nationalrat, Neuenburger Frage (1848–1857), Parteienstreitigkeiten, Presse (allgemein), Regierungsrat ZH, Staatsstreich Louis Napoléons (1851), Wahlen

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Lieber Escher!

Gieb den beifolgenden Artikel1 gefälligst an die Redaction des Bundes ab. Es ist der dritte, den ich in der Angelegenheit Tr. für den Bund machte u. vielleicht der schlechteste unter den schlechten, aber – Gott weiß warum – wenn ich noch so viel mich plage: ich kann keinen rechten, mir gefallenden Aufsatz zusammenbringen. Du hast recht: ich bin «verkommen»! Wird übrigens die Beilage abgedruckt, so würde dann ein 2ter Artikel über die gleiche Materie folgen. –

Endlich ist Huber2 gewählt u. er bringt das Opfer, anzunehmen. Ein Opfer ist es jedenfalls; denn obschon Huber sehr gerne in Bern sein mag, so mag doch niemand gerne auf diese Weise hinkommen. Uebrigens wenn bei der nächsten Wahl im 1sten Kreise nur einige Theilnahme unsererseits stattfindet, ist von Tr.3 nichts zu fürchten. Die Minderheit, welche ihn trägt ist sehr klein u. es wäre uns ganz recht, wenn dieselbe uns durch ihre größere Rührigkeit terrorisiren würde.

Nun wer wird Regierungsrath? In Deinem Intersse liegt es jedenfalls nicht S.4 Wahl zu wünschen. Die einzige geeignete Person ist D.

Herzlichst Dein

E.

Zürich
den 16. December 1851.|

Ich habe so eben die unglückliche Beilage nochmals durchlesen u. sie gefällt mir immer weniger. Es ist ein eignes Unglück, daß man hin u. wieder, bei dem besten Willen, nicht ordentlich schreiben kann. Nun ultra posse nemo tenetur.5

Die Statthalterwahl in U6 giebt Veranlassung zu den jämmerlichsten Intriguen. Man machte sich gegenseitige Concessionen (!!) u. in Folge dieser sollen Dietrich7 (!) Weiß8 (!!) u. Wunderli9 als [Derivé?] vorgeschlagen werden. Doch soll für Pfenninger10, den einzigen – Brauchbaren, auch einige Aussicht sein.

Man denkt auch an Hagenbuch, der jedenfalls S. vorzuziehen sein würde. Allein ich bleibe bei Dubs, er allein paßt für den RR. Bollier will freilich davon nichts wissen wegen seiner Unentbehrlichkeit als Staatsan walt; allein es fragt sich, was wichtiger sei? Für Dich bleibt Dubs der einzig wünschbare Candidat. Warum? wirst Du Dir selbst sagen müssen.

Die französ. Gespenster fangen an sehr bedrückend zu werden u. wir werden nicht lange auf die Folgen warten müssen. Neuenburg wird gewiß hervorgesucht. Unsre| Conservativen werden wohl nicht faul die Hände in die Tasche stecken u. wir dürften vielleicht bald mit der Parthei Treichler Eitel11 u. Cons. eine Allianz eingehen müssen, als Verbündete gegen sie suchen (die wir übrigens nie nöthig gehabt hätten, denn diese Herren haben wenig Boden u. nur den Vorzug einer für alle wünschbaren Rührigkeit). Was thun unsre Bundesräthe? – hoffen sie auf Gott oder denken sie bisweilen – außergewöhnlicher Weise – über morgen hinaus? Die Schweiz ist bis jetzt ein verwöhntes Kind des Himmels gewesen, der in seiner Weisheit u. Liebe uns mehrere Jahre glücklich hat durchschlüpfen lassen – aber ob das immer so gehen wird?!

Doch davon kein Wort mehr. Man kann sich nur ärgern u. haben wir doch wieder unsern – Ochsenbein12! ! –

Wann kommst Du hierher zurück? Hätte ich Zeit u. Du kämst nicht mit dem großen Zuge ging ich Dir vielleicht bis Baden entgegen.

Nochmals mit aller Herzlichkeit

Dein

E.

Kommentareinträge

1Artikel nicht ermittelt. – Bei den beiden vorausgegangenen Artikeln handelt es sich möglicherweise um «Zürich. Bürkli und der Sozialismus (Korresp.)» und «Zürich (Korresp. vom 29. November). Die Sozialisten». Vgl. Der Bund, 29. November 1851, 4. Dezember 1851.

2 Karl Adolf Huber (1811–1889), Grossrat und Nationalrat (ZH).

3 Johann Jakob Treichler (1822–1906), Grossrat und Kantonsprokurator (ZH).

4 Johann Jakob Sulzer (1821–1897), erster Staatsschreiber (ZH). – Als Nachfolger des zurücktretenden Eduard Billeter wählte der Zürcher Grosse RatSulzer in den Regierungsrat. Vgl. NZZ, 25. Dezember 1851.

5Ultra posse nemo tenetur (lat.): Unmögliches zu leisten kann von niemandem verlangt werden.

6Gemeint ist der Bezirk Uster.

7Person nicht ermittelt.

8Person nicht ermittelt.

9Person nicht ermittelt.

10 Johann Jakob Pfenninger (Lebensdaten nicht ermittelt), Bezirksratsschreiber. – Pfenninger wurde in den Dreiervorschlag zur Besetzung der Statthalterstelle aufgenommen und zum Statthalter gewählt. Vgl. NZZ, 26. Dezember 1851; Regierungsetat ZH 1852/53, S. 116.

11 Jules Eytel (1817–1873), Grossrat (VD)

12 Ulrich Ochsenbein (1811–1890), Bundesrat (BE). – Ochsenbein war am 4. Dezember 1851 als Bundesrat bestätigt worden, was Alfred Escher bedauerte: «Die Wahl Ochsenbeins wird lange, sehr lange störend auf den Gang der Dinge im Nationalrathe einwirken. Die Eisenbahn-, die Hochschulfrage werden darunter zu leiden haben. Das einträchtige Zusammenwirken aller liberalen Fractionen der Bundesversammlung ist, wie die Dinge liegen, soviel als verunmöglicht. Der Nationalrath hätte nicht auf eine verderblichere Weise debutiren können!» Alfred Escher an Franz Hagenbuch, 6. Dezember 1851. Vgl. Kern, Repertorium I, S. 35.