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Korrespondenz: Alfred Escher – Johannes Kägi-Fierz

AES B0958 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#294*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 67

Johannes Kägi-Fierz an Alfred Escher, Küsnacht (ZH), Sonntag, 7. Dezember 1851

Schlagwörter: Nationalrat, Parteienstreitigkeiten, Wahlen

Briefe

J. KAEGI-FIERZ
A
KUSNACH
CANTON ZÜRICH

MHherrn Nationalrath Dr A Escher in Bern

Küsnach, am 7 December 1851.

Hochzuverehrender Herr!

Indem ich Ihnen für den warmen Antheil, den Sie für eine glückliche Beendigung unserer Schlußwahl nehmen, aufrichtig danke, muß ich mich vorerst entschuldigen, daß ich Ihr Verehrtes1 erst heute beantworte. Ich war noch am nämlichen Tage, als ich dasselbe erhielt, bei Herrn Huber2 und freute mich, ihn bereit zu finden, noch einmal den Wahlakt über sich ergehen zu lassen. Das ist auch noch das einzige Mittel, wenn es möglich sein soll, uns aus dem unerfreulichen Zustande herauszuwinden; denn was Herrn Statthalter Billeter3 betrifft, so wäre er, nach einem seiner Briefe, den ich vorletzte Woche erhielt, kaum zur Annahme einer Wahl zu bewegen gewesen.

Da mir Herr Huber mittheilte, er habe noch am nämlichen Tage von seinem Entschlusse Herrn Brändli4 Kenntniß gegeben, so hielt ich es für weniger dringlich, Ihnen sofort zu schreiben, blieb aber deshalb nicht müßig; sondern wandte mich schriftlich an alle meine Bekannten im Wahlkreise, und beschwor sie, für die gute Sache thätig zu sein. Herr Oberst Fierz5 ist ebenfalls thätig und wird von seiner Seite möglichst für Herrn Huber wirksam sein. Es war in der That eine, ich möchte fast sagen, empörende Erscheinung, daß selbst hier in Küsnach von 100 Votanten ihrer 43 dem Treichler6 stimmten. Am meisten können Fierz & ich, in unserm Wahlkreise wirken und werden | nichts versäumen, um der fatalen Gleichgültigkeit entgegen zu wirken. Da bin ich denn neuerdings der Meinung, es bleibe uns am Ende gegen diese Schlaffheit nichts übrig, als ein Zwangsgesetz, so garstig das Ding auch aussieht, und zwar auch darum, weil eine Wahl von Treichler zu den Unmöglichkeiten gehörte, wenn sich die große Mehrheit der Bürger dabei betheiligen müßte. Ich war am Wahlsonntage7 selbst noch unbesorgt, daß Tr. nur ein Duzend Stimmen bei uns auf sich vereinigen würde; kannte aber sogleich, wie die Bursche in die Kirche traten, daß diese Alle für ihn seyen und zwar geworben seyen. Sie gehören in der That nicht zum Kern unsers Volkes, sondern es sind junge Bürschlein, Gesellen und dgchn, denen man auf den ersten Blick es ansieht, wes Geistes Kinder sie sind.

Ob ich in Richtersweil Etwas thun soll oder kann, weiß ich nicht recht. Diese Gemeinde sowie Wädensweil sind grausenhaft unthätig, und da ich eines einzigen Bekannten, den ich in Richtersweil habe, nicht ganz gewiß bin, so könnte ich vielleicht mehr schaden als nützen, und möchte Sie & Herrn Brändli bitten, mit Ihrer einflußreichern Thätigkeit dahin zu wirken. Ich hätte wirklich annehmen dürfen, es würde Herr Oberst Hürlimann8 seinen Einfluß mehr geltend machen, was aber nicht zu geschehen scheint.

Ob die Treichlerianer nun neuerdings sich anstrengen werden, müssen wir gewärtigen. Ich nehme an, es werde mit größerer Kraftanstrengung geschehen & es sei nöthig, allen Mitteln aufzubieten, um ihnen Stand zu halten. Ich glaube doch, es wäre gut, eine gedruckte Wahlliste zu veröffentlichen; auch möchte eine öffentliche Empfehlung für Huber in der n. ZZeitg oder Landboten nicht unnöthig sein. |

Die Wahl ist nun auf künftigen Sonntag9 angekündigt & ich werde neuerdings mit Herrn Fierz berathen, was wir in der Sache thun können.

Soviel für heute. Empfangen Sie, hochverehrter Herr, die Versicherung meiner ungetheilten Hochschätzung & Ergebenheit.

J. Kaegi-Fierz

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Karl Adolf Huber (1811–1889), Grossrat und Nationalrat (ZH). – Huber war seit 1849 Mitglied des Nationalrates; 1851 wurde er erst im vierten Wahlgang wiedergewählt. Vgl. HLS online, Huber Karl Adolf; Gruner, Nationalratswahlen III, S. 27–28.

3 Karl Billeter (Lebensdaten nicht ermittelt), Grossrat (ZH) und Statthalter des Bezirks Meilen.

4 Benjamin Brändli (1817–1855), Grossrat und Nationalrat (ZH).

5 Hans Jakob Fierz (1787–1861), Grossrat und Oberst (ZH).

6 Johann Jakob Treichler (1822–1906), Grossrat und Kantonsprokurator (ZH).

7Der dritte Wahlgang hatte am Sonntag, 30. November 1851, stattgefunden. Gewählt worden war der ehemalige General Guillaume-Henri Dufour aus Genf, der die Wahl jedoch ablehnte. Vgl. Gruner, Nationalratswahlen III, S. 27.

8Vermutlich Hans Heinrich Hürlimann (1806–1875), Grossrat (ZH).

9Der vierte Wahlgang fand am Sonntag, 14. Dezember 1851, statt. Gewählt wurde Karl Adolf Huber, Johann Jakob Treichler unterlag. Vgl. Gruner, Nationalratswahlen III, S. 28.

Kontexte