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Korrespondenz: Alfred Escher – Oswald Heer

AES B0925 | ZBZ Nachl. O. Heer 184.2

Oswald Heer an Alfred Escher, Zürich, Mittwoch, 24. September 1851

Schlagwörter: Entomologie, Flora und Fauna, Personelle Angelegenheiten, Universität Zürich

Briefe

Mein lieber Freund!

Täglich wollte ich nach Belvoir kommen, theils um Dich und die l. Deinigen zu sehen, theils um in Hochschul Angelegenheiten mit Dir Rücksprache zu nehmen; allein das entsetzlich schlechte Wetter hat mich immer davon abgehalten. Letztere veranlaßen mich mich schriftlich an Dich zu wenden. Schon bei unserer früheren Unterre dung sprach ich die Besorgniß aus, daß Naegeli beim ersten Anlaße uns entzogen werde, wenn ihm jetzt nicht eine Stelle an unserer Anstalt gegeben werden könne. Unterdeßen hat Naegeli mit mir über diese Angelegenheit gesprochen und es geht aus Allem hervor, daß er wahrscheinlich seine Bethätigung an unserer Anstalt ganz aufgeben würde, wenn er keine Berücksichtigung bei der bevorstehenden Besetzung der Stellen finden würde. Dieß wäre aber ein großer Verlurst für unsere Anstalt. Naegeli hat durch seine ausgezeichneten microscopischen Untersuchungen und physiolog. Arbeiten einen bedeutenden literarischen Namen erworben und ist schon darum eine Zier de unserer Hochschule; hat aber auch lehrend vielfach an derselben gewirkt. Er ist eine Kraft, die uns nicht verloren gehen sollte und gerne möchte ich von meiner Seite Alles dazu thun, daß dieß nicht geschehe. Ich begreife die Bedenken, die Du schon das letzte Mal dagegen geäußert zwei Botaniker anzustellen; allein, wenn ich nicht irre, hat Frei jetzt schon 1200 Fr. und wenn sein Salarium auf 1600 Fr. gesetzt würde, bliebe für Naegeli immer noch soviel, daß er als außerordentl. Profeßor besoldet werden könnte, ohne daß für Naturgeschichte mehr ausgesetzt werden müßte, als schon bis jetzt der Fall war. Da mir die allgemeine Naturgeschichte übertragen würde, würden ferner obige 2 Profeßuren nicht für Botanik allein, sondern für diese nur allgem. Naturgeschichte bestimmt. Damit aber Naegeli auch ein allgemeines Collegium zu lesen hätte, könnte ich ihm die allgemeine Botanik ab treten. Ich habe diese zwar immer gerne gelesen, da aber die Pflanzenphysiologie den wichtigsten Theil derselben ausmacht, wird sie Naegeli mit viel größerem Erfolg lesen, als ich. Ich würde dann also wie bisher im Sommer die specielle Botanik lesen u. die praktischen Uebungen im Untersuchen u. Bestimmen der Pflanzen leiten, im Winter jedes eine Jahr allgemeine Naturgeschichte in 6 Stunden vortragen, jedes andere aber Vorträge über Petrefaktenkunde, Entomologie, Pflanzen geographie u. d. halten. Naegeli aber würde im Winter die allgemeine Botanik u. Kryptogamenkunde | lesen, im Sommer specielle physiolog. Kollegien u. die microscopisch. Untersuchungen leiten. Würden die Stellen auf diese Weise besetzt, dürften wir hoffen, daß die naturhistorisch. Fächer auf würdige Weise vertreten wären. Ein Desideratum, u. zwar ein fachliches, hätte ich freilich noch. Zu einer Hochschule sollte auch ein wohlgeordnetes, reiches Herbarium gehören. Ein solches zu beschaffen ist aber nur möglich, wenn jemand fortwährend in demselben beschäftigt werden kann. Bei der Maße des Stoffes erfordert das Ordnen u. Conserviren so viel Zeit, daß es mir rein unmöglich wäre, sie dazu zu finden. Würde aber ein Assistent für das Herbarium gewährt, wollten wir in kurzer Zeit eine reiche Sammlung zusammenbringen. Ich würde mein Herbarium, welches die Resultate langjährigen Pflanzensammlens enthält, unserer Anstalt schenken, daßelbe würde Hr. Regel thun, welcher eine sehr große Sammlung besitzt. Auch Naegeli würde wahrscheinlich folgen, wenn er eine dauernde Anstellung an unserer Anstalt erhielte. Die Doubletten würden ausgetauscht u. so die Sammlung vermehrt. Mit einer solchen Assistentenstelle würde zugleich jungen Naturforschern ein schöner Anlaß zu ihrer Fortbildung gegeben.

Es liegen diese Dinge mir so sehr auf dem Herzen, daß ich mit deren Mittheilung nicht länger zuwarten wollte. Gestatten die Verhältniße die Gewährung meiner Wünsche u. Bitten würde es ungemein freuen

Deinen Dir herzlichst Ergebenen

Osw. Heer

Zürich 24 Sept. 1851.

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