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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander Schweizer

AES B0918 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#449*

Alexander Schweizer an Alfred Escher, Zürich, Freitag, 15. August 1851

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Personelle Angelegenheiten, Rechtliches, Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Hochgeachteter Herr.

Eine gesetzliche Bestimmung, wie Sie dieselbe erwähnen, kann ich nicht auffinden, sondern nur § 6 der Universitätsordnung, die Entlassung müsse verlangt sein bevor der Lectionskata-log gedruckt worden, sonst habe der Professor noch ein Seme-ster zu bleiben. Ich hoffe, im G gegenwärtigen Fall wer-de uns dieser § helfen, da der Katalog bis Montag erscheint,Geib aber die formelle Berufungsakte noch nicht hat und zu verstehen giebt, wie lieb es ihm wäre, nicht so bald abzureisen oder überall nicht zu gehen, wenn er nicht durch Gutheißung aller von ihm gestellten Bedingungen gebun-den worden wäre. Ich weiß nicht, ob eine ehrende Zuschrift unsrer Erziehungsdirection vielleicht sein Blei-ben noch veranlaßen könnte.

Ihr letzter Brief veranlaßte mich, dem gerade anwe-senden Herrn Consul Hirzel aus Leipzig, welcher Mom-sen näher kennt und oft sieht, zu ersuchen, bei diesem ei-nen Anwurf zu thun. Da Hirzel übermorgen in Bern sein und Sie ohnehin sprechen will, so habe ich ihn auf-gefordert, Sie selbst zu fragen, wie weit er gehen dürfe. Er zweifelt nicht, daß Momsen annähme und jedenfall eine bedeutende Acquisition wäre. Ich glaube, durchHirzel könnten Sie am schnellsten mit Momsen ins Reine kommen, über dessen Befähigung & Lehrgabe wir ja gar nicht zweifeln können; auch ist er der Mann, ü- ber Römisches Recht, wenn er es übernimmt, tüchtig zu lesen.

Oken ist gestern feierlich bestattet worden, getragen von Studenten und unter Gesang. Ich halte dafür, daß eine Rede nicht nothwendig sei so oft ein Professor bestattet | wird. Grabreden sind ja bei uns nicht üblich, auch nicht wenn bedeutende Staatsmänner bestattet werden. Wo ein Todes-fall größere Kreise ausnamsweise stark erschüttert, da wird von selbst eine Rede auftreten; bei Oken war die-ses nicht der Fall, und wer eine Rede dennoch erwartet hat, mag sehen, wie er über die unbegründete Erwartung hinweg komme. Spyri hats freilich nicht lassen können, eine unnütze Bemerkung zu machen, welches Recht ich ihm gerne gönne. Durch Okens Tod scheint mehr in den Naturwissenschaften als in der Philosophie eine Lücke entstanden zu sein, so daß wir mehr auf die Bedeutung der Person als genau auf das Fach sehen dürfen, wenn es sich um einen Nachfolger handeln wird.

Mit Versicherung wahrer Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

Zürich 15 Aug. 1851