Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Müller

AES B0917 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#363*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 65

Johann Jakob Müller an Alfred Escher, Zürich, Freitag, 15. August 1851

Schlagwörter: Ausländische Einmischungen (Schweiz), Bundesrat, Konflikte mit Drittstaaten, Nationalrat, Politische und wirtschaftliche Sanktionen, Presse (allgemein), Regierungsrat ZH, Zollwesen

Briefe

MHochgeachteter Herr u. Freund!

Ich beeile mich Ihre freundschaftlichen Zeilen1 von gestern zu beantworten. Das Benehmen von Süddeutschland gegen die Schweiz hat auch mich in hohem Grade empört und nicht weniger das von gewisser Seite ausgehende Bestreben dem Publikum glauben zu machen, daß die Tarifirung des Eisens und insbesondere Ihre dießfälligen Bemühungen dazu Veranlaßung gegeben oder jene Maßregeln gar provozirt hätten. Es freute mich daher der gestrige Leitartikel im Bund2 ungemein, bei dessen Lesung ich Ihre Autorschaft sogleich erkannte. Etwas Schändlicheres und Perfideres ist mir in meinem Leben noch nie vorgekommen u. doch habe ich am 12ten d. M. mein 39tes Altersjahr zurückgelegt. –

Seit die deutschen Maßregeln bekannt sind, hörte ich schon eine Menge Leute sich darüber aussprechen u. ich kann Sie versichern daß nur ein Gefühl sich äußert, nämlich dasjenige: so könne sich die Schweiz nicht immer behandeln lassen, sie müsse nun zeigen, daß sie eine Nation und keine Milchkuh für die Schwaben sei. «Retorsion» ist wirklich das Losungswort bei allen wohlgesinnten u. vaterlandsliebenden Bürgern des Cantons Zürich u. ich müßte mich wohl sehr täuschen wenn ich nicht annähme daß die Bevölkerung des Cantons Zürich ein Beschluß der Bundes- | Versammlung, welcher auf Retorsion gerichtet ist, mit Beifall begrüßen werde, auch wenn dadurch der Eine oder Andere für einige Zeit benachtheiligt würde. Also frisch an's Werk, das Volk wird seinen Repräsentanten zur Seite stehen! Es handelt sich nicht nur um Materielles, es handelt sich um unsere Ehre u. da wäre es bedauerlich wenn die Baslerzeitung und ein Gonzenbach3 mit ihren antischweizerischen Tendenzen den Sieg davon tragen müßten. Zu beachten ist denn auch, daß gerade die gegenwärtige Zeit Maßregeln, im Sinne der Retorsion, gar nicht ungünstig ist. Unsere Leute haben Gottlob ordentlichen Verdienst u. die Erndte fällt so reichlich aus, daß so zu sagen Niemand von Nahrungssorgen gedrückt ist. Ferner ist die Witterung so günstig, daß wir noch auf einen ordentlichen Ertrag des Weinstockes hoffen dürfen. In diesem Fall werden unsere Weinbauern nun froh sein, wenn die Deutschen ihnen nicht noch mit dem Markgräfler im eigenen Lande Concurrenz machen können, zumal der deutsche Zoll auf Wein einem Einfuhrverbot beinahe gleich kommt. Wollte oder könnte man sogar auf Getreide einen größern Zoll legen, so würden sich dafür, ich bin es überzeugt, im Canton Zürich sehr viele Stimmen erheben.

Darüber, in welchem Sinne Maßregeln zu ergreifen seien, erlaube ich mir kein Urtheil. Doch will es mir scheinen, es habe der Bundesrath das Richtige getroffen4 u. es dürfte | nur noch in Frage kommen, ob nicht noch andere Artikel aufzunehmen wären. Dabei dürfte der Butter wirklich in Betracht fallen, da wir ohne deutschen Butter gewiß leben können.

Daß der Erzähler von St. Gallen, im Gegensatz zur St. Galler Zeitung, sich so energisch ausspricht, freut mich sehr. Ein Artikel5 in der letzten No vom Mittwoch ist wirklich vortrefflich und hat gut gewirkt. Wenn also die Grenzbewohner der Retorsion nicht entgegen sind, wie viel weniger haben Andere Veranlaßung zu Bedenklichkeiten.

Es ist heute Wochenmarkt. Viele Leute verlangen Audienz bei der Direktion der öff. Arbeiten, die ich nun seit acht Tagen ausschließlich besorge, da der RRath beschlossen hat, es sollen dem Hrn. Benz6 keine Briefe mehr nach Bern geschickt werden. Verzeihen Sie daher meine Flüchtigkeit. – Der Kanton Zürich darf sich glücklich nennen. Durch Überschwemmungen u. s. w. hat er wenig gelitten.

Mit Ungeduld sehe ich den Beschlüssen des Nationalrathes entgegen. Mögen sie unsern Wünschen entsprechen! – Leben Sie wohl u. empfangen Sie die erneuerte Versicherung meiner Hochachtung u. freundschaftlicher Ergebenheit.

J J. Müller.

Zürich den 15. Aug. 51.

Grüßen Sie mir meine Zürcher Freunde, Herr Blumer u. s. w.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Gemeint ist ein Artikel unter dem Titel «Zum Zollkrieg». Vgl. Der Bund, 14. August 1851.

3Vermutlich August von Gonzenbach (1808–1887), Grossrat (BE). – Der ehemalige eidgenössische Staatsschreiber hatte verschiedene Schriften über die Aussenhandelsbeziehungen der Schweiz veröffentlicht. Vgl. Gruner, Bundesversammlung I, S. 166–167.

4Die Rücknahme von Zollvergünstigungen durch die süddeutschen Staaten des Deutschen Zollvereins veranlasste den Bundesrat dazu, der Bundesversammlung eine Erhöhung der Einfuhrzölle auf bestimmte Produkte vorzuschlagen. Der Bundesrat unterstrich, dass es sich dabei nicht um Strafzölle handele, sondern lediglich um eine Korrektur jener Ansätze, welche 1849 im Hinblick auf die deutschen Zollvergünstigungen bewusst niedrig gehalten worden waren. Vgl. Le Conseil fédéral à l'Assemblée fédérale [13. August 1851], in: DDS I, S. 254.

5Gemeint ist wohl ein «Und abermals Zollretorsion!» betitelter Artikel vom Dienstag, 12. August 1851. Vgl. Der Erzähler, 12. August 1851.

6 Rudolf Benz (1810–1872), Regierungsrat und Nationalrat (ZH).