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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0896 | FA Tschudi

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 59

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 4. Juni 1851

Schlagwörter: Bundesfinanzen, Bundesjubiläum ZH (1851), Bundesrat, Eidgenössische Universität (Projekt), Eisenbahngesetze, Feiern und Anlässe, Kommissionen (eidgenössische), Landesverteidigung und Militär, Nationalrat, Postwesen, Zollwesen

Briefe

Glarus den 4. Juni 1851.

Mein theurer Freund!

Indem ich Dir diese Zeilen nach Zürich adressire, weiß ich freilich nicht, ob Du aus der Bundesstadt zurückgekehrt bist. Indessen wenn auch mein Brief dort einige Tage auf Dich warten müßte, so wäre gerade keine Gefahr im Verzuge.

Vor Allem aus habe ich Dir noch meinen herzlichen Dank auszusprechen für die gastfreundliche Aufnahme, die mir während des Maifestes in Belvoir zu Theil wurde. Es werden mir jene schönen Tage, die vorzüglich durch Deine Freundschaft u. vielen Gefälligkeiten so genußreich für mich wurden, immer in angenehmster Erinnerung bleiben; sie haben mich gleichsam noch inniger mit Zürich verknüpft, als ich es sonst war. Leid that es mir durch Zwicki1 erfahren zu müssen, daß Deine gute Mutter immer noch sehr angegriffen sey; ich hoffe von ganzem Herzen, daß es ihr bald besser gehen möge.

Sodann möchte ich Dich, da Du den Verhandlungen der nationalräthlichen Kommission über das Zollwesen2 , so viel ich weiß, auch beigewohnt hast, über einen Punkt, der dabei zur Sprache gekommen seyn wird, um Auskunft bitten. Wie ich nämlich vernommen, hat der Bundesrath, neben vielen andern Zollerhöhungen, auch die vorgeschlagen, daß rohe Baumwolltücher in Zukunft, statt 15 Batzen, 3 neue Franken Einfuhrzoll zu bezahlen hätten.3 Es wäre dies ein kleiner Schutzzoll für unsre Spinner u. Weber, über den hinwieder unsre Druckfabrikanten sehr ungehalten sind. Ein achtbarer Mann, welcher der letztern Klasse angehört, hat mich ersucht, mich bei Dir darüber zu erkundigen, was Ihr in Betreff jenes Zollansatzes dem Nationalrathe vorschlagen werdet, u. ich zweifle nicht daran, daß Du diesem Wunsche entsprechen wirst. |

Die Mehrheit Eurer Expertenkommission hat sich, wie es scheint, dafür entschieden, daß an die Errichtung einer eidgen. Universität sofort Hand zu legen sey. Immerhin denke ich, es werde kaum möglich seyn, bestimmtere Anträge schon der nächsten Sitzung der Bundesversammlung vorzulegen, die wahrlich ohnehin genug Werg an der Kunkel4 hat. So sehr ich grundsätzlich für eine eidgen. Hochschule bin, so wenig kann ich mich auf der andern Seite davon überzeugen, daß es zweckmäßig wäre, noch während der gegenwärtigen Legislatur etwas Entscheidendes darüber zu beschließen. Unser Zoll- Post- u. Militärwesen u. damit der ganze Haushalt des Bundes u. der Kantone sollte, wie mir scheint, vorerst endgültig festgestellt u. die Eisenbahnfrage auf die eine oder andere Weise entschieden seyn, ehe über die finanzielle Betheiligung des Bundes bei eidgen. Unterrichtsanstalten mit Sicherheit eingetreten werden kann. Ueberhaupt ist in den letzten drei Jahren so vieles geschaffen worden u. steht noch so manches zu schaffen bevor, daß man gewiß besser thut, das Land ein wenig zu Athem kommen zu lassen u. die neuen Schöpfungen, welche in der Bundesverfassung vorgeschrieben sind, nur allmählig in's Leben zu rufen. Wer dem neuen Bunde aufrichtig ergeben ist u. denselben eher in unitarischem Sinne allmählig entwickeln als ihn in den föderativen Schlendrian zurücksinken lassen möchte, sollte, wie mir scheint, vor Allem aus darauf bedacht seyn, zu verhüten, daß nicht aus finanziellen Gründen in den Kantonen u. im Volke Mißstimmung u. damit in der öffentlichen Meinung ein Rückschlag eintrete. Doch dies ist nur meine unmaßgebliche Ansicht; ich werde gerne auch über diese Frage Näheres von Dir vernehmen.

Wenn ich nicht etwa vorher noch in eine Kommission berufen werde, so werde ich den 25. d. M. von hier nach Bern reisen; entweder sehe ich Dich dann dort, oder schon auf der Durchreise in Zürich. Inzwischen empfehle mich bestens Deinen Eltern u. sey
herzlich gegrüßt von

Deinem

J J Blumer.

Kommentareinträge

1 Kaspar Lebrecht Zwicky (1820–1906), evangelischer Glarner Theologe.

2Die Einführung des Schweizer Frankens machte bereits 1851 eine Revision des eidgenössischen Zolltarifs nötig. Alfred Escher gehörte der vom Nationalrat eingesetzten Kommission zur Prüfung des Gesetzesentwurfs über das Zollwesen an und wirkte als deren Berichterstatter. Vgl. Bericht der zur Prüfung des Gesezentwurfes über das Zollwesen vom Nationalrathe niedergesezten Kommission (vom 11. Juli 1851), in: BBl 1851 III, S. 41–84.

3 Vgl. Entwurf eines Bundesgesezes über das Zollwesen. Definitiv vom Bundesrathe durchberathen am 10. Mai 1851, in: BBl 1851 II, 71. – Blumers nachfolgender Brief lässt darauf schliessen, dass sich Escher für die Sache der Glarner Textildrucker eingesetzt hatte: «Empfange meinen besten Dank für Deine gütige Mittheilung in Betreff des vorgeschlagenen Zolles auf Baumwolltücher. Unsere Druckfabrikanten werden sich sehr freuen zu vernehmen, daß Du ihre Interessen besser als ihr eigner Landsmann gewahrt hast.» Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 22. Juni 1851.

4Werg an der Kunkel haben: eine beschwerliche Arbeit vor sich haben, sich in acht nehmen müssen.