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Korrespondenz: Alfred Escher – Ludwig Snell
  • 1820
  • 1830
  • 1840
  • an Ludwig Snell, 21. Oktober 1849 Schlagwörter: Universitäten und Hochschulen (diverse), Personelle Angelegenheiten, Universität Zürich AES B0701
    1. von Ludwig Snell, 17. April 1850 Schlagwörter: Religion, Gemischte Ehen (Bundesgesetz), Rechtliches AES B0774
    2. von Ludwig Snell, 28. August 1850 Schlagwörter: Liberale Presse, Parteienstreitigkeiten, Personelle Angelegenheiten AES B0822+
    3. von Ludwig Snell, 2. September 1850 Schlagwörter: Regierungsrat BE, Liberale Presse, Parteienstreitigkeiten, Personelle Angelegenheiten AES B0823+
    4. an Ludwig Snell, 16. November 1850 Schlagwörter: Religion, Nationalrat, Gemischte Ehen (Bundesgesetz), Schweizerische Bundesverfassung, Rechtliches, Parteienstreitigkeiten, Kommissionen (eidgenössische) AES B0837+
    5. an Ludwig Snell, 7. Dezember 1850 Schlagwörter: Liberale Presse, Religion, Gemischte Ehen (Bundesgesetz), Freiburger Konflikte (1848 ff.), Parteienstreitigkeiten, Bundesrat, Nationalrat, Rechtliches, Grosser Rat BE, Ständerat, Sonderbund, Kommissionen (eidgenössische) AES B0840+
    1850
    1. von Ludwig Snell, 11. März 1851 Schlagwörter: Flüchtlingspolitik, Regierungsrat BE, Revolutionen (1848/49), Bundesrat, Presse (allgemein), Liberale Presse, Zürichputsch (1839) AES B0863
    2. von Ludwig Snell, 23. März 1851 Schlagwörter: Flüchtlingspolitik, Regierungsrat BE, Regierungsrat ZH, Ausländische Einmischungen (Schweiz), Bundesrat, Presse (allgemein), Liberale Presse AES B0867+
    1. von Ludwig Snell, 14. April 1852 Schlagwörter: Liberale Presse, Polemiken und Anwürfe (Escher), Regierungsrat ZH, Parteienstreitigkeiten, Bankwesen (allgemein) AES B1017
    2. an Ludwig Snell, 15. April 1852 Schlagwörter: Presse (allgemein), Nationalrat, Bildungswesen, Eidgenössische Universität (Projekt), Eisenbahngesetze, Rechtliches, Bundesfinanzen, Kommissionen (eidgenössische) AES B1019
    3. von Ludwig Snell, 25. April 1852 Schlagwörter: Universitäten und Hochschulen (diverse), Eidgenössische Universität (Projekt), Zürichputsch (1839), Verfassung BE, Berufsleben, Rechtliches, Gymnasien, Religion, Parteienstreitigkeiten, Flüchtlingspolitik, Kommissionen (eidgenössische) AES B1025
    4. von Ludwig Snell, 21. Mai 1852 Schlagwörter: Rechtliches, Bildungswesen, Universitäten und Hochschulen (diverse), Eidgenössische Universität (Projekt), Flüchtlingspolitik, Kommissionen (eidgenössische) AES B1031
  • von Ludwig Snell, 24. Juni 1854 Schlagwörter: Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Erziehungsrat ZH, Wahlen, Presse (allgemein), Bildungswesen, Personelle Angelegenheiten, Familiäres und Persönliches AES B1332+
  • 1860
  • 1870
  • 1880
  • o. J.

AES B0867 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#457*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 56

Ludwig Snell an Alfred Escher, Küsnacht (ZH), Sonntag, 23. März 1851

Schlagwörter: Ausländische Einmischungen (Schweiz), Bundesrat, Flüchtlingspolitik, Liberale Presse, Presse (allgemein), Regierungsrat BE, Regierungsrat ZH

Briefe

Verehrter Herr Regierungsrath!

Die wohlwollenden Bemühungen, welche Sie, Verehrter Herr! der Angelegenheit des Hn Wintersberg1 gewidmet haben, und wofür ich Ihnen meinen wärmsten Dank abstatte, machen es mir zur Pflicht, Sie von dem neuen Stadium, in welches dieses schwierige Geschäft überzugehen im Begriffe ist, in Kenntniß zu setzen.

Herr Polizeidirektor Bolier hatte mir auf meine Fürsprache für Hr Wintersberg in der freundschaftlichsten Weise, wie ich nur erwarten konnte, geantwortet, aber an seiner Ihnen bekannten Ansicht festgehalten, dass es im Interesse der dem K. Zürich zugetheilten Flüchtlinge keinen aus einem andern Kanton aufnehmen könne; jedoch, fügte er hinzu, wenn er für Hn Wintersb. bei der Regierung von Bern etwas thun könne, so werde er mit Freuden dazu bereit sein. Inzwischen erhielt H. Wintersb. von Herrn Pfarrer Kälin2 die sichere Nachricht, daß die Berner Regierung nicht gerade alle ihre Flüchtlinge ausweise, aber von den begnadigten eine Caution verlange, was in der Ordnung ist. Darauf hin habe ich Hn Wintersb. den Rath ertheilt, er möge bei dem Substituten des Hn Bolier, Hr Regierungsrath Benz3, da der erstere unwohl ist, mit dem Gesuch einkommen, daß die hiesige Polizeidirektion sich für ihn in Bern verwenden möchte. Das wird er nun wohl thun, und nach der Aeußerung des Hn Bolier zweifle ich nicht, daß die Polizeidirektion ihm diese Gefälligkeit erzeigen werde. Geht die Berner Regierung auf diese Verwendung ein und gewährt | dem Supplikanten das Asyl, so unterliegt der fernere Aufenthalt desselben in Zürich wohl eben so wenig einer Schwierigkeit, wie im verflossenen Winter, wo er auf der Liste der Berner Flüchtlinge stand. Denn nur äußerst ungern würde er Zürich verlassen, theils wegen der meist freundlichern und humaneren Lebensverhältnisse, theils wegen der glücklichen Fortschritte, die seine Tochter4 in den Zürcherischen Bildungsanstalten macht. Sollte aber die Berner Regierung das Gesuch abschlagen, so bleibt ihm nichts übrig, als Ihre edelmüthige und vielvermögende Protektion, um durch diese im K. Zürich das Asyl zu erhalten. Und ich hege die nicht ungegründe Hoffnung, daß dann Ihre höhere und umfassendere Ansicht, wornach Humanitätsfragen, wohin doch gewiß die Ertheilung des Asyls, wie die Ausübung einer jeden Wohlthat gehört, die Entscheidung weniger nach generellen Kategorien als nach der Eigenthümlichkeit der einzelnen Fälle zu fassen ist, im Regierungsrathe den Sieg davon tragen werde. Und wenn auch wegen besonderer Verumständungen solche allgemeinen Kategorien einen bedeutenden Einfluß behaupten, so widerspricht es doch in Fragen, wo es sich um die Appellazion des Unglücks an das menschliche Herz handelt, gar zu sehr einer menschlichen Auffassung der Sache, nun alle Fälle, die nicht in die – im Grunde doch willkührliche, wenn auch nicht ganz zu vermeidende – allgemeine Kategorie passen, absolut auszuschließen, als daß ich glauben sollte, der Regierungsrath würde sich selbst durch das Gesetz einer solchen dira necessitas5 binden. Schon das Ausland hat Kategorien gemacht, der Bundesrath neue hinzugefügt und wenn in dieser Weise das schweizerische Recht der Asylgewährung fort und fort nur und allein in die Schranken von Kategorien eingezwängt wird, so verliert das, was übrig geblieben ist, zuletzt allen innern Werth; es wird von dem Gebiet der Humanität auf den dürren Boden der Convention versetzt. |

Verzeihen Sie, wenn ich in diesem reichen Feld, worüber unser sel. Caspar Orelli6 einst eine ganze Broschüre7 geschrieben hat, meinen Gedanken einen zu freien Spielraum gegeben habe. Das, auf welches ich zuletzt hinüberschweife, ist freilich nicht weniger reich, allein ich will es nur mit den «Flügelspitzen des Gedankens» bereichern.

Die N.Z.Z. hat sich an dem lapis Lydius der Berner Frage so unheilbar prostituirt 8, daß ich glaube, es würde jetzt nicht schwer fallen, ein liberales Tagblatt zu gründen, das die jetzige Richtung der Zürcher Regierung, die jeder Mensch von gesundem Verstand billigen muß, aufrichtig und ehrlich vertritt und zugleich die Gesammtüberzeugung der liberalen Partei des Kantons, ohne die einzelnen Excrescenzen, repräsentirt. Der Mangel eines täglichen Organs der Liberalen in der Presse kann durch den «Landboten» und «Republikaner» nicht ersetzt werden; der erstere hat sein eignes Publikum, für das er auch fortbestehen würde. Diesem Mangel schreibe ich es auch zu, daß der K. Zürich trotz dem bedeutenden Contingent an Talenten, das er in die eidgenöss. Zentralbehörden liefert, doch nicht das Gewicht im Bunde ausübt, das er naturgemäß ausüben könnte und sollte. Viele in den andern Kantonen werden durch die N.Z.Z. in die Irre und in Zweifel geführt; andere können sich den Widerspruch der Politik dieses Blattes mit derjenigen der Zürcherischen Staatsmänner nicht genügend erklären, und jedenfalls fehlt in allen wichtigen Fragen die bestimmte stets erneute Einwirkung auf die öffentliche Meinung, die jetzt nicht mit der Sicherheit, wie bei dem Vorhandensein eines liberalen Tagblattes, sagen kann: Das ist der Ausdruck der Zürcher Liberalen. Ich bin, bei meinen schwachen Kräften, doch jeden Augenblick bereit, mich mit einer Aktie von 50 Fr. zu betheiligen, und | hundert Aktien, mit denen man getrost an das Werk gehen kann, zusammen zu bringen, ist wohl nicht so schwer. Einen Redaktor oder zwei zu finden, ist auch noch möglich. Die liberalen Verbindungen in andern Kantonen, welche Felber9 als die alte von Usteri10 hinterlassene und von Daverio11 gut verwaltete Erbschaft besitzt, würden dem neuen Blatte sehr bald zufallen. So sehe ich mithin nirgends bedeutende Schwierigkeiten. Doch ich breche ab, indem ich hoffe, mich nächstens in Zürich über dieses Thema mit Ihnen unterhalten zu können.

Mit der Versicherung meiner unwandelbaren Hochachtung und Ergebenheit.

der Ihrige

Dr. Ludw. Snell

Küssnacht, d. 23. März
1851.

Kommentareinträge

1 Engelbert Wintersberg (1803–1879), österreichischer Flüchtling, Schriftsteller.

2 Robert Kälin (1808–1866), katholischer Pfarrer in Zürich.

3 Rudolf Benz (1810–1872), Regierungsrat und Nationalrat (ZH).

4Vermutlich Hedwig Wintersberg (geb. um 1839), Tochter von Engelbert Wintersberg.

5Dira necessitas (lat.): die grausame Notwendigkeit (Zitat aus den «Oden» des Horaz).

6 Johann Caspar von Orelli (1787–1849), Zürcher Altphilologe. – Orelli hatte verschiedene lateinische Texte veröffentlicht, unter anderem solche von Horaz. Vgl. HLS online, Orelli Johann Caspar von.

7Schrift nicht ermittelt.

8Sachverhalt nicht ermittelt.

9 Peter Jakob Felber (1805–1872), Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung».

10 Paul Usteri (1768–1831), erster Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» (1821–1831).

11 Ludwig Herkules Daverio (1804–1849), Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» in den Jahren 1848/49.