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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B0861 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 37 | Jung, Aufbruch, S. 381–383 (auszugsweise)

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, Zürich, Mittwoch, März 1850

Schlagwörter: Bundesfinanzen, Bundesrat, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahngesetze, Eisenbahnlinie Zürich–Basel, Expropriationen, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Kommissionen (eidgenössische), Konflikte mit Drittstaaten, Postwesen, Rechtliches, Regierungsrat ZH

Briefe

Zürich. Mittwochs1

Lieber Freund.

Ihr habt jedenfalls den Entwurf des Bundesrathes 2 wesentlich verbessert & es scheint mir, daß Eure Arbeit kaum etwas zu wünschen übrig läßt. Beim Durchgehen derselben fällt mir gar nichts auf, was ich zu bemerken hätte. – Ich habe mich die Zeit her in Gedanken (sogar im Traume) unvernünftig viel mit dem Schweizerischen Eisenbahn-System beschäftigt; ich habe ordentlich das Eisenbahnfieber gehabt. Hoffentlich wird es nun bald vorbei sein; denn es kommt doch nichts Gescheidtes dabei heraus & zieht einen von nützlichern & nothwendigern Sachen ab. Das Resultat meiner Lucubrationen3 wäre ungefähr Folgendes.

a. Die Eidsgenossenschaft kann weder selbst bauen noch Zinsen garantiren, weil man, um alle Theile der Schweiz zufrieden zu stellen, viel zu viel unternehmen & neben einigen Linien, die vielleicht im Durchschnitte 3% eintragen könnten, auch solche herstellen müßte, die viel kosten – & nichts abwerfen. Für eine solche Riesenunternehmung würde auch der Eidsgenossenschaft der Credit abgehen, da sie ohnehin bei den Kapitalisten weniger Vertrauen genießt als die Kantone.

b. Die Eidsgenossenschaft muß sich also darauf beschränken, ein Expropriationsgesetz4 zu erlassen, die Anwendung desselben für gewisse Linien, die sie genau feststellt, den Kantonen oder Privaten, die bauen wollen, gestatten & mit Beziehung auf die Post u. s. f. die Bedingungen so günstig als möglich stellen. |

c. Spekulanten werden ohne Zinsengarantie nicht bauen. Das System der Zinsengarantie scheint mir aber das Verwerflichste von allen zu sein. Also bleibt nichts Anderes übrig als daß einzelne Kantone sich verbinden, Linien, für welche sie sich interessiren, selbst zu bauen.

d. Für Zürich kommen wohl hauptsächlich zwei Linien in Frage, bei denen es sich betheiligen könnte: 1. Über Winterthur entweder nach Schafhausen oder nach dem Bodensee. 2. Nach Basel. – Die Route nach Italien ist wohl sehr wichtig für den Handel; aber baut man bloß von Wallenstadt etwa nach Chur, so ist die Unternehmung ohne großen Werth, vielleicht kaum die Mühe des Umpackens in Chur & Wallenstadt lohnend & eine Bahn über die Alpen kostet enorm & kann keine 2% ertragen, weil auf ungeheuer lange Strecken der Locale Verkehr gleich Null ist. Wenn St. Gallen & Bünden den kolossalen Muth hätten, den größten Theil des auf die Schweiz fallenden Fünftheils zu decken, so ließe sich dieß noch erklären, weil ihre Angehörigen die Bahn täglich benutzen könnten. Zürich hingegen wäre schwerlich im Falle, sich auf erhebliche Weise dabei zu bethätigen. – Die Linie von Baden nach Brugg & längs der Aare & dem Rhein nach Basel wäre nicht nur für Zürich sondern auch für die weiter nach Osten liegenden Gegenden der Schweiz außerordentlich | nützlich. Eine Eisenbahnverbindung von Zürich direct über Straßburg & Paris nach dem Havre & auf deutschem Boden nach Frankfurt etc bedarf keiner Empfehlung. Terrain-Hindernisse keine u. Aussicht auf einen hübschen Ertrag, der zu andern Unternehmungen ermuntern würde: Alles dieses leuchtet in die Augen. Aber Zürich alleine darf so etwas nicht wagen; Zürich & Aargau zusammen wären vielleicht der Sache gewachsen & wenn Basel mitspielen wollte, so wäre an einem glücklichen Erfolge gar nicht zu zweifeln. Aber da steckt der Hase im Pfeffer. Basel wird nicht nur nicht helfen, sondern auf alle Weise ein solches Project (das Günstigste, das gedenkbar ist) zu vereiteln streben & den Hauensteindurchbruch wie bisdahin als Vorwand benutzen. –

Am ehsten würde man vielleicht eine Coalition von Kantonen zu Stande bringen, um von Baden über Brugg, Aarau & Solothurn nach Bern zu bauen. Diese Linie ist jedenfalls wesentlicher Bestandtheil eines schweizerischen Eisenbahn-Netzes; aber es scheint mir Zürich hat zu wenig Interesse daran, um sich stark zu betheiligen, wenn ihm nicht anderweitig auch entsprochen wird.

Sollte vor der Hand Alles scheitern, so habe ich schon daran gedacht, ob nicht Zürich die jetzige Geldfluth benutzen könnte, um für sich eine Localbahn nach Winterthur zu bauen. Daß sie früher oder später fortgesetzt würde, wäre nicht zu bezweifeln. Ich glaube, sie käme uns nicht theurer zu stehen, als die Bahn nach Baden, die etwa 3,200,000 Fr. gekostet hat. Das höhere Bau-Personale haben wir ja schon & brauchen | es nicht besonders zu bezahlen. Die Expropriation geht bei uns leicht & einfach von Statten. Winterthur würde gewiß gern ⅓, vielleicht die Hälfte des Kapitals mit Gewinn & Verlurst herschaffen. Die Verkehrsverhältnisse sind jedenfalls die günstigsten, die man sich denken kann. (Wenn nur die neue Straße, die eine halbe Million gekostet hat, nicht schon gebaut wäre!) Was die Geldmittel betrifft, so könnte man vielleicht durch ein s.g. Lotterie-Darlehen, wie sie jetzt überall üblich sind, den größten Theil des Betrags auf vortheilhafte Bedingungen hin erhalten. Um zB. 3 Millionen in drei Jahren zu beziehen, würde man 100,000 Loose ausgeben, die während 3 Jahren in Raten von 10 Frken ein zu zahlen wären. Im vierten Jahre würde die Rückzahlung beginnen, die etwa in 20 Jahren zu vollenden wäre, so daß jedes Jahr 5000 Aktien heraus gelöst & getilgt würden. Jede heraus gelöste Aktie erhielte das Kapital nebst dem aufgelaufenen Zins zu ungefähr 3%:

Also im ersten Jahre 5000 Aktien zu 32 Fr. 7 Btzn.
zweiten " " " " 33 " 6 "
dritten " " " " 34 " 5 "
zwanzigsten Jahre 5000 Aktien à 50 Frken (ungefähr)

& damit wäre die Schuld getilgt. Um aber die Leute an zu locken, müßte man bei jeder Ziehung von 5000 Aktien eine Anzahl Prämien in den Kauf geben. Kann die Stadt Frankfurt jedes Jahr den Leuten beinahe zwei Millionen Franken auf diesem Wege aus den Taschen locken, ohne daß die Einleger in der Regel von ihrem Gelde je wieder etwas zu sehen bekommen, so würde uns die Plusmacherei für einen gemeinnützigen Zweck wohl auch gelingen. – Doch genug von diesen Hirngespinsten!|

Die äußern Verhältnisse scheinen sich allerdings etwas besser zu gestalten. Doch hängt Alles an schwachen Fäden. Unsere Hauptstütze ist Palmerston5. Dessen Regiment scheint aber gerade jetzt auch in Gefahr zu sein. Die Protectionisten setzen ihm arg zu. Auf Frankreich kann man vollends nie zählen. Zum Glücke steht es bei unsern Feinden auch nicht gar brillant.

Mit dem Antrage, den Großen Rath in der Woche vor der Charwoche zu versammeln, bin ich in der Minderheit geblieben, weil vom 18 bis 23 Merz die Volkszählung6 vor sich geht & neben den Statthaltern auch viele andere Mitglieder des Großen Rathes bei dieser Operation sich werden bethätigen müssen. Vorläufig hat man sich nun für den 2ten April verständigt. Die zweite Berathung der von Dir entworfenen Gesetze7 wird wohl am 2 April Vormittags schon beendigt werden können, so daß Du Abends schon nach Bern reisen kannst. Im Nothfalle wäre auch ein anderes Mitglied des RegRathes bei dieser zweiten Berathung zu referiren im Stande, so daß Du jedenfalls durch diese Vertagung nicht genirt sein wirst. – Die Berathung des Gesetzes betr. die Versicherung der Fahrhabe8 hat uns schon zwei volle Sitzungen auf ziemlich langweilige Weise beschäftigt. Ich bin übrigens mit Dir einverstanden, daß es besser ist, diese Gesetzesentwürfe dem neuen Großen Rathe zur Behandlung zu überlassen. Vorlegen | kann man sie aber doch noch. Was die Einführung der Jury betrifft, so habe ich mich überzeugt, daß es nach dem Reglement9 der Minderheit einer Commission nicht zusteht, Anträge zu bringen, bevor die Mehrheit zum Eintreten ebenfalls bereit ist, so daß ich nun verzichte, diesen Weg ein zu schlagen & die Sache einsweilen Gott & der Zeit anheim stelle.

Auf baldiges Wiedersehen.

Ganz der Deinige

J R.

Kommentareinträge

1Der Brief muss zwischen dem 25. Februar (Entwurf des Bundesrates für ein Expropriationsgesetz) und dem 18. März 1850 (Volkszählung) verfasst worden sein.

2 Vgl. Entwurf eines Bundesgesetzes über Abtretung von Eigenthum zu Errichtung öffentlicher Werke, also berathen vom Bundesrathe am 25. Februar d. J., in: BBl 1850 I, Beilage A nach S. 172 (S. 1–7); Rudolf Eduard Ullmer an Alfred Escher, 28. Februar 1850.

3Lucubration: Arbeiten bei Licht, Nachtarbeiten.

4Die Bundesversammlung verabschiedete am 1. Mai 1850 ein entsprechendes Gesetz. Vgl. Bundesgesetz, betreffend die Verbindlichkeit zur Abtretung von Privatrechten (vom 1. Mai 1850), in: BBl 1850 II, S. 47–62.

5 Henry John Temple Palmerston (1784–1865), Aussenminister Grossbritanniens.

6Die schweizerische Bundesversammlung hatte am 22. Dezember 1849 eine allgemeine schweizerische Volkszählung angeordnet. Die Daten dienten unter anderem als Basis für die Berechnung der Anzahl Sitze im Nationalrat. Vgl. Bundesgesetz Volkszählung; Volkszählung Kreisschreiben.

7 Vgl. Gesetz Organisation Regierungsrat; Gesetz Organisation Kirchenrat; NZZ, 3. April 1850, 4. April 1850.

8 Vgl. Gesetz betreffend Aufsicht des Staates über Versicherung von Fahrhabe und von der Kantonalbrandassekuranzanstalt nicht einverleibten Gebäuden gegen Feuerschaden [vom 21. Dezember 1852], in: Sammlung Gesetze, Beschlüsse, Verordnungen IX, S. 150–162.

9 Vgl. Reglement für den Großen Rath des Standes Zürich [vom 19. Mai 1831], in: Sammlung Gesetze, Beschlüsse, Verordnungen I, S. 52–81.