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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0853 | FA Tschudi

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 52

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Samstag, 15. Februar 1851

Schlagwörter: Bundesjubiläum ZH (1851), Familiäres und Persönliches, Flüchtlingspolitik, Konflikte mit Drittstaaten, Krankheiten, Nationalrat, Neuenburger Frage (1848–1857), Parteienstreitigkeiten, Presse (allgemein), Rechtliches, Regierungsrat BE, Regierungsrat SG, Verfassung SG, Wahlen

Briefe

Glarus den 15. Februar 1851.

Mein lieber Freund!

Sobald mir es meine Zeit verstattet, die in den letzten Wochen gar vielfältig in Anspruch genommen worden ist, beantworte ich Deinen l. Brief1 vom 28. v. M. Ich hätte allerdings nicht erwartet, daß Du noch im Großen Rathe Zeit finden würdest mir zu schreiben; indessen mußte ich eben nachher auch mit Bedauern vernehmen, daß Du darob Deine Pflichten gegen das Vaterland, d. h. gegen die Eidg. Ztg versäumt habest, der zu Gefallen Du eine «donnernde Phillipika2 » u. verschiedene andere Reden hättest losgeben sollen. Diesem liebenswürdigen Blatte kannst Du es freilich nicht leicht ertreffen!

Sehr leid thut es mir aus Deinem Briefe zu erfahren, daß sich die Gesundheitsumstände Deiner guten Mutter während dieses Winters wieder recht schlimm gestaltet haben. Möge es ihr nur recht bald besser gehen! Erfreulich ist es, daß wenigstens Dein Vater, seines vorgerückten Alters ungeachtet, sich des besten Wohlseyns erfreut. Um die körperliche u. geistige Frische, die er sich zu erhalten gewußt hat, würden ihn allerdings manche Altersgenossen beneiden. – Von den Meinigen kann ich Dir diesmal nur gute Berichte mittheilen; sie sind Gottlob! alle wohl. Meiner Frau3 thust Du sehr unrecht, wenn Du glaubst, sie bearbeite mich in konservativem Sinne; sie ist im Gegentheil oft radikaler als ich. Eine bestimmte politische Farbe hat sie übrigens nicht, u. das ist in meinen Augen ganz recht; dagegen besitzt sie in hohem Maße den, ihrem Geschlechte eignen | sichern Takt in der Beurtheilung menschlicher Dinge u. Verhältnisse, u. von diesem Standpunkte aus hat sie mir schon hin u. wieder gute Räthe ertheilt.

Mit Deinen Ansichten über die Vorgänge des letzten Monats bin ich einverstanden. Daß in St. Gallen die Abstimmung über die Revisionsfrage4 der liberalen Parthei ungemein geschadet hat, ist klar, u. von diesem Standpunkte aus wäre es vielleicht klüger gewesen, die Frage nicht anzuregen, da das Ergebniß doch jedenfalls höchst unsicher war. Unser Freund Aepli hat sich in dieser Sache gut gehalten; er wird dafür wohl auch zum Regierungsrath befördert werden. In Bern hat die Regierung jedenfalls mehr im Interesse ihrer Parthei als in dem des Landes gehandelt; ich glaube aber wirklich, daß sie bei der Geschichte gewonnen hat, u. nicht die Opposition, die auch bei dem leisesten Scheine von Ungesetzlichkeiten nur verlieren kann. Für die bevorstehenden Nationalrathswahlen scheinen mir in Bern wie in St. Gallen die Aktien nicht günstig zu stehen, u. die Konservativen werden diesmal sicherlich alle ihre Kräfte aufbieten, um, wenn nicht die Mehrheit, doch eine ansehnliche Minderheit für sich zu erhalten. In diesem Augenblicke müssen unsere Beziehungen zum Auslande unsre Aufmerksamkeit vorzugsweise in Anspruch nehmen. Daß man uns von dorther noch einmal beunruhigen werde, ließ sich wohl voraussehen; es ist aber auch möglich, daß sich das Gewitter wieder, wie letztes Jahr, verziehen wird. Wenn die Flüchtlingsfrage in den Vordergrund gestellt wird, so ist sie offenbar bloß Vorwand; Oesterreich mag wohl in Olmütz gegen Preußen Verpflichtungen eingegangen seyn.5 Alles wird nun darauf ankommen, was England u. Frankreich dazu sagen. Ich weiß nicht, ob ich die Sache zu rosenfarben ansehe, aber für den Augenblick scheint mir die Gefahr für uns noch nicht groß zu seyn. Daß wir an Neuenburg unter allen Umständen festhalten müssen, versteht sich von selbst. Etwa eine | Ehrenerklärung oder nöthigenfalls auch eine Geldsumme könnte man Sr Majestät6 schon noch geben.

Was Du mir über zürcherische Partheiverhältnisse schreibst, hat mich sehr interessirt. Es ist jedenfalls sehr zu bedauern, daß Ihr kein rechtes publizistisches Organ mehr habt, wie früher die N.Z.Z. es war, das die Liberalen zusammenhielte; gegenwärtig befehden sich die freisinnigen Blätter unter einander selbst, u. dabei können am Ende nur die Konservativen gewinnen. Der «Landbote» scheint mir dermalen unter allen Zürcherblättern die gesundeste Haltung einzunehmen, aber zum Tonangeber eignet er sich schon darum nicht, weil er wöchentlich nur einmal erscheint. – Von hier kann ich Dir um so weniger etwas Neues von Belang melden, da Du nun meine Zeitung7 liesest u. aus derselben fortwährend ersiehst, was in unserm Kanton vorgeht. Mein Zweck ist, wie ich Dir mündlich sagte, hauptsächlich der, ein gutes Kantonalblatt zu schreiben, u. deßhalb suche ich meinen Stoff vorzugsweise in unsern kantonalen Verhältnissen, wo eben mehr materielle als politische Fragen im Vordergrunde stehen. Dabei gehe ich indessen der eidgenössischen Politik keineswegs aus dem Wege, sondern suche bei meinen Lesern immerfort ein richtiges Verständniß derselben, sowie eine besonnen-freisinnige Richtung rege zu erhalten. Bis jetzt habe ich wegen meiner Zeitungsredaktion keinerlei Anfechtungen erlitten, sondern nur Aeußerungen der Zufriedenheit über dieselbe gehört. In den ersten Wochen hat sie mich, in Verbindung mit vielen Amts- u. Privatgeschäften, die sich gerade zusammendrängten, von der Fortsetzung meiner historischen Arbeiten gänzlich abgehalten; ich hoffe nun aber dieselben ernstlich wieder aufnehmen zu können, nachdem ich mich in das neue Geschäft ein wenig hineingearbeitet habe.

Was Deine gütige Einladung betrifft, Dich wieder einmal zu besuchen, so ist nun vorerst zu gewärtigen, ob wir nicht etwa außerordentlicher Weise nach Bern berufen werden. Wäre dieses nicht der Fall, so würde ich allerdings sehr gerne im Frühlinge einen Ausflug machen, am liebsten auf Euer Jubiläum, da ich ein Freund solcher Volksfeste bin. – Die mir übersandten Grüße der zürcherischen «sehr verehrlichen» Präsidialgesandtschaft bitte ich bestens zu erwiedern.

Empfehle mich bestens Deinen verehrten Eltern, u. sey herzlich gegrüßt von

Deinem treuen

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Philippika: leidenschaftliche Rede.

3 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine und ab 1843 Ehefrau von Johann Jakob Blumer, ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.

4Die Stimmberechtigten des Kantons St. Gallen hatten am 19. Januar 1851 eine Revision der Kantonsverfassung abgelehnt. Vgl. Dierauer, Politische Geschichte SG, S. 89.

5 Österreich und Preussen hatten am 29. November 1850 die sogenannte Olmützer Punktation geschlossen. In diesem Abkommen musste Preussen einer Wiederherstellung des Deutschen Bundes unter österreichischer Führung zustimmen, womit ein Krieg zwischen den beiden rivalisierenden Mächten vorerst verhindert werden konnte. Auch bildete es die Basis für ein entschiedenes und geeintes Vorgehen gegen die Revolution. Vgl. Lenger, Revolution, S. 260–264.

6 Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861), König von Preussen.

7Gemeint ist die von Blumer redigierte «Glarner-Zeitung».