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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Friedrich Peyer im Hof

AES B0851 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#391*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 51

Johann Friedrich Peyer im Hof an Alfred Escher, s.l., Montag, 10. Februar 1851

Schlagwörter: Bundesfinanzen, Eisenbahngesetze, Eisenbahnlinie Zürich–Basel, Konflikte mit Drittstaaten, Parteienstreitigkeiten, Rechtliches, Regierungsrat BE, Wahlen, Währungssystem, Zollwesen

Briefe

Meine theure Alice!1

So wäre also der arme Robert dem diabolischen Bischoff-Bertram erlegen!2 – Doch nein, mein Lieber, so ist es nicht; – der einzige Achilleus3 war dießmal ganz passiv, ich glaube sogar, er wäre wohl am liebsten allein nach Karlsruhe gereist. Meine Gründe habe ich Dir dargelegt4, ich komme darum nicht darauf zurück, obgleich Du mir auch in deinem letzten lb Briefe noch eine Verantwortlichkeit für mein Ausbleiben von der Zollkommission zuschiebst. Nur noch die Bemerkung, daß nach meiner Ansicht die Revision des Tarifs und deßen Uebertragung nicht so schwierig sein sollte. Was zunächst die Klassifikation der verschiedenen Artikel und deren Benennung betrifft, so sind hierüber hinreichende Erfahrungen gemacht worden, die leicht anzuwenden sind. – Die finanzielle Seite der Sache hat sich bewährt, denn das Resultat der ersten 11 Monate | ist gewiß mehr als befriedigend. Also auch in dieser Beziehung hat man eine bestimmte Grundlage. Das Hauptbestreben sollte nun nach meiner Ansicht darauf gerichtet sein, den Organismus zu vereinfachen, denn dadurch werden einerseits unsere volkswirthschaftlichen Verhältniße in einer gesunden Richtung erhalten, andrerseits erfordert die Verwaltung selbst einen weit geringern Aufwand. Du wirst dich erinnern, daß ich nur aus dem Grunde, um keine 16 Fr Klasse zu erhalten, die 10 Fr mit der sich daran anschließenden 5 Fr Klasse festhielt. Die Abstimmungen haben s. Z. die Richtigkeit meiner Anschauungsweise bestätigt, denn hätte ich mich dem Tarif von Erpf5 & Lambelet6 angeschloßen, so hätten wir jetzt statt der 5 & 10 Fr Kl, drei höhere von 8, 12 & 16 Fr Diese Gefahr ist nun beseitigt, und werden nun bei der Reduktion von der alten in die neue Währung die untern Klassen nur unmerklich noch etwas erhöht, nur soviel als es eine bequeme Abrundung erfordert, so kann oben ohne die mindeste Einbuße soviel als die Vereinfachung der Verwaltung erfordert, zweifelsohne abgebrochen werden. Die Tabellen, welche gegenwärtig über die vorjährige Einfuhr ausgefertigt werden, müßen hierüber Gewißheit | geben, allein vorläufig glaube ich mich nicht zu irren. – Ich beschränke mich auf diese allgemeinen Bemerkungen, bin aber mit Vergnügen zu einläßlichern Mittheilungen bereit, wenn einmal die Anträge des Bundesrathes vorliegen.

Von dem unvergleichlichen Vertreter von Baselstadt7, an den ich beiläufig wegen Verschiebung der Eisenbahnfrage geschrieben habe, erhielt ich nach seiner Rückkehr von Karlsruhe einen in hochpatriotischem Tone gehaltenen Bfe, in dem er entgegen meinen Bemerkungen, viel von Ueberwinden von Rivalitäten, Besiegen persönlicher Ansichten, unbefangener Anschauungsweise und dergleichen spricht. Ich habe ihm wieder geantwortet, und ihn unter Anderm auch darauf verwiesen, daß man anderwärts in Eisenbahnsachen gegenwärtig wohl eben so unbefangen seie als in Basel, wo die badischen Eisenbahnbeschlüße einige Fieberschauer hervorgerufen hätten.

Was die Sache selbst betrifft, so wirds mir ganz unheimlich dabei zu Muthe. Die allgemeine Theilnahmlosigkeit erschreckt mich, – kaum daß die Presse einige dürftige Fragmente aus den Berichten gebracht hat, und schon ist Alles wieder verstummt, und dazu diese Schwüle am politischen Horizont! Diese Unkenrufe von da und dort, diese Niederlagen welche die | Parthei Derjenigen, die nun doch einmal allein die Träger der neuen Schöpfung sein werden, erleiden mußte, das Alles macht auf mich den Eindruck eines warnenden: N'y touchez- pas! – Ist der dießjährige Wahlkampf glücklich ausgekämpft, dann, ja dann mit frischem Muthe an das große Werk, für das ich so warm begeistert bin als irgend Einer. Aber warum in eine Falle gehen, warum sich die politische Stellung erschweren und noch dazu dann auch die Sache ruiniren. – Es mag sein, daß Herr Naeff8 in seinem ledernen Phlegma hievon nichts sieht, daß seine Begierde nicht nur Bundesvater, sondern auch Eisenbahnvater zu sein, ihn vorwärts treibt, – der Sache ist damit schlecht gedient! –

Die große Revolution im Kanton Bern9 geht aus, wie das Hornbergerschießen10. Die Regierung hat sich mit ihrem ungeheuern Allarm blamirt, aber auch die liberale Parthei hat nichts dabei gewonnen. Doch wohl, einen Gewinn darf man von all' diesen Geschichten erwarten, ich meine die Lostrennung Stämpfli 's von den vielen unsaubern Elementen, von diesen Leuten ohne sittlichen Halt, ohne republikanische Selbstbeherrschung, ja ohne auch nur politischen Takt und Verstand! – Und nun zum Schluße, ein herzliches Lebewohl, – eine durch Umwerfen des Wagens meiner Frau11 und mir drohende Gefahr, ist Gott sei Dank wie durch ein Wunder glücklich vorübergegangen, und so befinden wir uns Alle, Groß und Klein, gesund und fidel in unserm kleinen Hauswesen. Herzliche Grüße und höfliche Empfehlungen an Dich und die Deinen von uns Allen

1851. 2/10

Dein

Peyer im Hof

Freundliche Grüße an Dubs und Herrn Rüttimann. –

Der saubere Grieshaber12 hat für gut befunden, sich fortzumachen, wahrscheinlich nach Amerika.13 |

P. S. Noch lege ich Dir die Antwort14 von Herrn Koller15 bei, deßen Aufschlüße sehr interessant sind. – Ich bin von jeher von der Ansicht ausgegangen, daß die schweizerischen Eisenbahnlinien als ein Ganzes aufgefaßt werden sollten, und ich werde diese Ansicht festhalten. Auch Speiser16 pflichtete mir bei, daß nur auf diesem Wege von einem nationalen Werke die Rede sein könne. Aber zu einem solchen paßen die letzten Momente von einer Integralerneuerung kaum, da muß man im Gegentheil einen festen, sichern Boden unter sich fühlen. Daß ich hier meine Person nicht im Auge habe, sondern die allgemeinen Verhältniße, brauche ich Dir kaum zu bemerken. – Wollte im Widerspruch mit obiger Ansicht eine Abtheilung in gesonderte Einzelunternehmungen angenommen werden, so würde die Gabel ZürichWinterthurRorschach/Schaffhausen17 mit der berechneten Rentabilität von nahe 3½% auszuführen sein, ohne von dem Bund und den Kantonen große Opfer zu fordern. Daß aber diese Gabel nicht wieder zerstückelt, sondern als Eines behandelt werde, das liegt in Zürichs hohem Interesse, wie in dem unsern.

Kommentareinträge

1Alice: Figur aus der Oper «Robert le Diable» von Giacomo Meyerbeer. Gemeint ist Alfred Escher. Vgl. Wagner, Oper, S. 834–835.

2Auch Robert und Bertram sind Figuren aus der Oper «Robert le Diable» von Giacomo Meyerbeer. Vgl. Wagner, Oper, S. 834–835.

3Anspielung auf Achilles Bischoff (1795–1867), Nationalrat (BS). – Angesichts der anhaltenden Beschwerden des Deutschen Zollvereins gegen den eidgenössischen Zolltarif sowie der von deutscher Seite geäusserten Drohung, bisher gewährte Zollerleichterungen per 1. Februar 1851 einzustellen, äusserte der Bundesrat gegenüber dem Deutschen Zollverein den Wunsch, «dass man sich auf dem Weg kommissarischer Verhandlungen über ein den gegenseitigen Interessen des Deutschen Zollvereins und der Schweiz entsprechendes Abkommen verständigen möchte» . Proposition du Chef du Département du Commerce et des Péages, F. Frey-Herosé, au Conseil fédéral [11. Januar 1851], in: DDS I, S. 209. – Zu Kommissären ernannte der Bundesrat die Nationalräte Achilles Bischoff (BS) und Johann Friedrich Peyer im Hof (SH). Vgl. Prot. BR, 10. Januar 1851.

4 «Karlsruhe, Eisenbahn-Kommission, Zoll-Kommission, und dann eine lange July-Sitzung! Das ist soviel, um einem Geschäftsmanne die nationalräthliche Stellung überhaupt unmöglich zu machen.» Peyer im Hof hatte Escher mitgeteilt, dass er sich bei einem Zustandekommen von Verhandlungen in der Zollangelegenheit nach Karlsruhe begeben wolle. In der Vergangenheit habe er allzu oft die Wünsche der Bevölkerung seiner engeren Heimat «einem allgemeinern Stadtpunkt unterordnen» müssen. Nicht so bei der Karlsruher Mission: Bei «dieser Mission hingegen biethet sich mir nun auch einmal eine Gelegenheit dar, im Einklang mit den allgemeinen Interessen, von meinem Kanton & meiner Vaterstadt möglicherweise einige wesentliche Dienste zu leisten» . Johann Friedrich Peyer im Hof an Alfred Escher, 19. Januar 1851.

5 Franz Eduard Erpf (1807–1851), verstorbener Regierungsrat und Nationalrat (SG), Textilunternehmer. – Erpf war wie Peyer im Hof und Alfred Escher Mitglied der nationalrätlichen Kommission zur Prüfung der das Zollwesen beschlagenden Gesetzesvorschläge gewesen. Vgl. Eintheilung der Geschäfte, in: BBl 1849 II, S. 11.

6 Fritz Lambelet (1817–1876), Grossrat und Nationalrat (NE). – Lambelet war ebenfalls Mitglied der nationalrätlichen Zollkommission. Vgl. Eintheilung der Geschäfte, in: BBl 1849 II, S. 11.

7Gemeint ist wiederum Achilles Bischoff.

8 Wilhelm Matthias Näff (1802–1881), Bundesrat (SG); Vorsteher des Post- und Baudepartements.

9Im Januar 1851 war es im Amt Interlaken und im Jura zu Ausschreitungen gekommen, wogegen die konservative Regierung hart vorging. Von radikaler Seite wurde der Einsatz von Truppen als übereilt und übertrieben kritisiert. Vgl. Junker, Geschichte Kt. Bern II, S. 238–244.

10«Ausgehen wie das Hornberger Schiessen»: Redensart zur Bezeichnung einer Sache, um die viel Lärm gemacht wird, welche aber ohne Ergebnis endet.

11 Sophie Peyer im Hof (gest. 1893), Tochter des Johann Georg Neher, seit 1841 Ehefrau von Johann Friedrich Peyer im Hof.

12 Johann Martin Grieshaber (1814–1897?), Schaffhauser Anwalt und Politiker. – Grieshaber wurde des Betrugs angeklagt; 1851 wurde er wegen drohender Verurteilung landesflüchtig. Gerüchten zufolge ging er nach England, wo er im Jahre 1897 starb. Vgl. HLS online, Grieshaber Johann Martin.

13Ergänzung am Rand der vierten Seite: «ein Wunder [...] Amerika».

14Beilage nicht überliefert.

15 Gottlieb Koller (1823–1900), Ingenieur und Leiter des Eidgenössischen Eisenbahnbüros in Bern.

16 Johann Jakob Speiser (1813–1856), Basler Bankier.

17Im Brieftext als Vergabelung dargestellt.