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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Schweizer

AES B0803 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#452*

Heinrich Schweizer an Alfred Escher, Rüti (ZH), Montag, 3. Juni 1850

Schlagwörter: Bildungswesen, Erziehungsrat ZH, Personelle Angelegenheiten, Rechtliches, Regierungsrat ZH, Religion, Wahlen

Briefe

Mein Lieber!

Und schon wieder e. Schreiben vom Pastor in Rüti! Unsre Wahlangelegenheit scheint noch nicht am Ziele zu sein. Die abgewiesenen Recurrenten od. eigentlich die hinter den Coulissen agirende Mächte wollen an den neuen RegRath recurriren od. gar Revision des erziehgsräthl. Beschlußes verlangen. Der Umstand, daß am 12 Mai 23 junge Bürger sich beeidigen ließen, die der ganzen polit. Gde angehören u. theilweise auch auswärts wohnen, scheint sie dazu ermuthigen zu wollen, in der Meinung, dadurch scheinbar ein anderes Ergebniß begründen zu können. Sie wollen also dem Acte der Beeidigung rückwirkende Kraft geben u. vorgeben, als hätten Alle zur Minderheit gestimmt, während doch ein Theil der Schulgenossenschaft Fägschweil angehört u. Andere ganz entschieden zur Mehrheit halten. Die unermüdlichen Führer der Minderheit pochen u. drohen fort u. fort mit den materiellen Kräften, die sie hingeben wollen, um e. neue Wahl zu erhalten u. diese nach ihrem Sinne durch zu setzen, koste es dann, was es wolle. Man versichert, sie haben Herrn Proc. Sulzberger in Wädenschweil zur Erreichg ihres Zweckes angegangen. – Was sie nun wirklich thun werden, ist noch verborgen. Einen Recurs gegen den erziegsräthl. Beschluß resp. Wahlbestätigung glauben wir nicht fürchten zu dürfen. Ob aber die Aufnahme neuer Recursgründe, nachdem die Recursfrist längst abgelaufen, gestattet od. die Revision d. Beschlußes zulässig erfunden werde? Gegen jene würden wir gerne protestiren, od. wenn solche ange nommen würden, uns wenigstens deren Beantwortung ausbitten; ebenso bei e. Revision, wenn es zu e. solchen kommen müßte. – Je mehr u. mehr beweist sich der entschieden böse Wille namentlich von 2 ganz jungen Fabrikherren mit einer Anzahl ihrer Alters- u. Gesellschafts genossen, hinter denen die famose Braut u. ihre Eltern stecken; «zu Leid» müße Alles umgekehrt werden! Dieser Sinn hat sich schon wiederholt in nächtlichen Katzenmusiken u. Drohungen geoffenbart, u. ihr Ärger ist um so größer, da sie mit Sicherheit auf Cassation d. Wahl durch den ErzRath gerechnet u. schon zur Feier ihres Sieges sich zum Schießen mit Böllern rüsten wollten. – Die Bestätigung der Wahl hat bei der Majorität große Freude bereitet, u. 10-12 Mann, meistens Väter von Schulkindern, äußerten ihr dieselbe dadurch, daß sie letzten Montag u. Dienstag den ganz verwahr losten Garten b. Schulhaus u. das Pflanzland f. d. Lehrer bearbeiteten u. ganz fix u. fertig Alles bepflanzten, auch e. Gartenhäuschen, das ganz zerfallen u. zerstört war, neu herstellten. Sie wollten sich diese Arbeiten nicht nehmen lassen, mußten aber ihre Tagesarbeiten nachher mehrere Nächte hindurch bewachen, da die «gebildeten u. aufgeklärten» jungen Herrchen mit Zerstörung gedroht hatten. – Inzwischen wirkt u. arbeitet der gewählte Lehrer, wenn schon fortwährend zwischen Furcht u. Hoffnung schwebend, in seiner Schule mit Geschicklichkt u. Treue, u. die Schüler hängen mit Freude u. Liebe an ihrem Lehrer. Die Hausväter u. selbstständigen Bürger leben der frohen Zuversicht, daß ihre gerechte und gute Sache auch vom h. RegR. Unterstützung u. Anerkennung finden, das wühlerische Treiben der wenigen Führer der Minderheit aber die verdiente Würdigung u. Abweisung erhalten werde!|

Ein andere Angelegenheit bewegt in den obern Kreisen unsrer Bezirksgenossen Vieler Herzen: der Dreiervorschlag des Bezirksgerichtes für die Schuldenschreiberstelle. Hr. Hotz, der 12 Jahre lang mit aller Umsicht u. Treue dieses Amt bekleidete, ist von jenem im Vorschlage nicht berücksichtigt worden!! Der vor 1 Jahre vom Bezirksrathe beseitigte Rathschrbr Fd. Weber v. Ottikon, alt Lehrer u. Armenpfleger Hug v. da, u. Zunftrichter von Tobel v. Fägschweil, Rüti, bilden nun den Vorschlag; der letztere soll als Lückenbüßer zu Gunsten der verbundenen 2 Erstern dienen!! Ohne mich in diese Angelegenheit mischen zu wollen, kenne ich Hrn. von Tobel (nicht der Dir theilweise bekannte Präsident v. Tobel aus d. Amtshof Rüti) als einen Mann, der seit vielen Jahren im hies. Gemeinderathe u. in d. Schulpflege, daneben zuerst als Friedensrichter, u. nun seit einigen Jahren als Zunftrichter sich als umsichtigen u. sehr brauchbaren Beamten erzeigt hat. Man ist vielseitig sehr gespannt, wie das begutachtende Obergericht u. der wählende Regierungsrath die Sache ansehen u. erledigen wird. Näheres will ich mir gerne auf e. mündliche Besprechg vorbehalten, sobald die kirchlichen Visitationen im Bezirke, welche morgens beginnen u. in nächster Woche vollendet werden sollen, mit den damit für mich nachher verbundenen Actuariatsgeschäften hinter mir sein werden.

Noch bitte ich Dich recht angelegentlich, mir gef. einen freundl. Wink geben zu wollen, wenn in unsrer Lehrerwahl-Angelegenheit von Seite der Mehrheit d. Schulgenossenschaft od. der Wahlvorsteherschaft zur Sicherstellung unsrer getroffenen, gewiß sehr guten Wahl irgend etwas gethan werden sollte!

Möge Dir, mein Theurer! in Deiner neuen Stellung u. Deinen neuen Arbeits kreisen Dein Wirken reichlich Anerkennung u. dem Ganzen viel Segen bringen.

Mich Deinem freundlichen Andenken und dem fernern Wohlwollen Deiner hochverehrten Eltern bestens empfehlend, verharre ich in nie alternder Liebe u. treuer Anhänglichkeit

Dein

Pfr. H. Schweizer in Rüti

Rüti Montags 3 Juni 1850.