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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Schweizer

AES B0792 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#452*

Heinrich Schweizer an Alfred Escher, Zürich, Dienstag, 14. Mai 1850

Schlagwörter: Bildungswesen, Erziehungsrat ZH, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Personelle Angelegenheiten, Rechtliches, Regierungsrat ZH, Reisen und Ausflüge, Religion, Sängerfeste, Wahlen

Briefe

Mein lieber, theurer Freund!

Heute morgens noch vor Tagesanbruch verließ ich Rüti, in der Hoffnung einen schönen Tag zu haben, u. in der Absicht, Dich nach Deinem vollendeten Jahreswerke in Bern in der Heimat zu begrüßen und Dich u. die verehrten Deinen nach langer Zeit wieder einmal zu sehen. Auf dem Dampfschiffe traf ich 2 Männer von Rüti an, welche an d. Spitze der Opposition gegen die getroffene Lehrerwahl sich gestellt haben, wohl in d. Absicht, beim h. Erziehungsrathe sich für die Kassation der Wahl umzuthun. Dieser Umstand ver bunden mit der ungünstigen Witterung des Tages bei andauerndem Unwohlsein halten mich nun hier (an d. Wühre bei m. Schwager Dreher Labhardt-Maag) zurück, u. bewegt mich nun, schriftlich mich an Dich zu wenden, mit der dringenden Bitte, in der morndrigen Sitzung des ErzRathes möglichst darauf einwirken zu wollen, daß die Wahl des Lehrers Baumberger bestätigt werde. Vor Allem ersuche ich Dich sehr, die Beantwortung des Recursschreibens Deiner gef. Prüfung unterlegen zu wollen. Der erste Recurspunkt betrifft die Wegweisung der noch nicht beeidigten jungen Bürger. Die Vorsteherschaft, eine äußerst gespannte Wahl voraus sehend, glaubte mit möglichster Umsicht die gesetzl. Vorschriften beobachten zu sollen, u. wies jene ab, indem der Buchstabe u. Geist des Gesetzes solches zu verlangen schien, u. weil seit 1831 factisch die noch nicht beeidigten jungen Bürger auch von den gewöhnlichen Gemeindeversammlungen ausgeschlossen blieben. Der Erfolg der Wahl wäre übrigens derselbe gewesen, wenn die Abweisung nicht erfolgt wäre, auch abgesehen davon, daß auch von der Mehrheit (Baumberger) solche junge Bürger ausgeschlossen worden. Hätten wir die Verfügungen des h. Regierungsrathes für die Wahlen in den Großen Rath zu unsrer Wahlzeit (21 April) schon ge kannt, so würden wir jene nicht abgewiesen haben. – Der 2te Punkt betrifft die Ausschließung der nicht auf Eigenthum Niedergelassenen. Dieser wird indessen weniger stark betont, u. dürfte seine volle u. genügende Erledigung in unsrer Beantwortung gefunden haben. Dieß in Kürze der Hauptinhalt des Offiziellen, Amtlichen.

Nun aber erlaube ich mir, die wesentlichen Factoren privatim zu berühren, welche das Facit des Recurses bewirkt u. unsre sonst so einige u. für das Schulwesen wackere Ge meinde im Innersten entzweit u. in bittere Parteien gespalten haben. – Der gewählte Lehrer Baumberger lebt u. wirkt nun bald 2 Jahre in der Gemeinde (½ Jahr in Fägschweil, u fast 1½ J. in Rüti) mit ausgezeichnetem Eifer, mit großer Tüchtigkt u. den schönsten Erfolgen. Und doch sollte derselbe gegenüber d. Bewerber Abdorf nun gesprengt werden. Den ersten Impuls dazu gaben... Weiber! Die Frau des Mühlemacher Egli im nur 10 Minuten entfernten, benachbarten Tann hat e. Tochter, die sich diesen Winter mit Abdorf versprochen hat; u. die Mutter möchte nun Tochter u. Tochtermann gerne in d. Nähe behalten . Dieselbe steht sehr befreundet mit d. Frau des Küfer Dietrich in Rüti, deren Tochter, wie man sagt, mit e. Sohne der Fr. Egli versprochen sein soll! Frau Egli hat früher ihren Kindern durch Hr. Baumberger, den sie nicht genug rühmen konnte, Privatstunden geben lassen u. wollte dieselben sogar nach Rüti zu Bbrgr in d. Schule schicken! – – Sodann kommt der nun pensionirte Lehrer Boßhard, der alles Mögliche gegen s. Vicar B. in Bewegung setzt, weil er gegen diesen e. persönliche Malice hegt, indem B. sich mit dem gesetzlichen Honorar v. 3 fl. wöchentlich | nicht begnügen wollte, indem Boßhard die ganze Zeit über in Glattfelden seinem einträglichen Wirtschafts- u. Fuhrwesen-Geschäfte obgelegen u. Bbrgr die große, schwere Schule immer ganz allein besorgen mußte. Auch Boßhrd hat seinen Vicar, bis dieser nach seinem Entlassungsgesuche im Januar 1850 wieder in Rüti eingetroffen, die splendidesten Zeugnisse der Tüchtigkeit oft u. viel ertheilt. Dieser alt Lehrer Boßhard hat vor d. Wahl persönlich gegen s. Vicar v. Haus zu Haus umgeschlagen, u. nach der Wahl in Verbindung mit e. Falliten v. Dürnten (in Rüti wohnend) u. einem Schuster u. Krämer Bickel v. Bubikon (in Ober-Dürnten, u. in Egli's Solde stehend!) nicht geruhet, bis der Recurs er griffen worden war: was sonst höchst wahrscheinlich nicht geschehen wäre. So lohnt Boßhard die Nach sicht, womit d. Schulgde ihn immer getragen! – Eine 3t Macht gegen d. gewählten Bbrgr bilden viele der jungen Bürger, die noch nicht verheiratet sind. Diese suchen sich e. Gesellschafter im Lehrer, der in d. Wirthshäusern mit Trinken u. Singen sich mit ihnen unterhalte, u. darüber d. Schule ganz außer Acht lassen. Diesen Gesellschafter glauben sie in Abd. zu finden, währd Bbrgr gerne mit ihnen im Schulhause singt u. wirklich e. Männerchor um sich versammelt hatte, aber daneben eines stillen, eingezogenen Lebens sich befleißt. Dieselben jungen Männer haben Bbrgr, der 2 Jahre ihre öffentlichen Aufführungen an d. Fastnacht geleitet, wiederholt Geschenke gemacht, u. ihn im letzten Herbste bei seiner Abreise v. Rüti bis nach Hinweil begleitet! Anderer Züge nicht zu erwähnen! – – Endlich tritt noch e. Fabrikherr , der da meint, Kirche u. Schule seien getrennt u. darum nicht gut, wenn Pfarrer u Lehrer gut mit einander stehen, mit seinen abhängigen Arbeitern auf, von denen es heißen muß: Wess' Brot ich iß, des Lied ich sing'! Besonders sind 2 ganz junge Söhne aus Fabriken, die Allem aufbieten wollen, damit Bbrgr fort u. Abd. herkomme. Eine Charakterschilderung über diese will ich gerne weglassen. – – Gegenüber diesen Schattirungen der Opposition erscheinen in der Mehrheit weit die meisten Hausrüter, deren Kinder jetzt d. Alltagschule besuchen, alle Mitglieder d. Gemeindrathes, des Stillstandes u. der Schulpflege, (e. einziges hat seit d. Wahl zu d. Opposition sich hinüber begeben): kurz im Durchschnitte die selbstständigere Classe d. Bewohner. Bei den Probelectionen erschien Bbrgr sehr fließend, gründlich u. systematisch, Abd. viel oberflächlicher aber durch Witze u. z. Theil triviale Beispiele mehr Effect machend, die Schüler unter ihrem Classenstande fassend. Jeder competente Beurtheiler wußte bald, wer der Vorzüglichere!

Bereits soll die Opposition, in sicherer Hoffnung auf d. Kassation d. Wahl, auf die neue Wahl Unterschriften gesammelt u. sich b. den auswärts wohnenden Bürgern umgesehen haben! Schon jetzt hat das Schulwesen tiefe Wunden erhalten, deren Heilung Jahre erfordern wird; u. mit tiefem Schmerze würde u. müßte es mich erfüllen, wenn der unlautere Zweck erreicht u. das Wohl d. Schule unterliegen müßte, vielleicht um e. äußern Form willen, die, wie wir glaubten, e. gesetzliche sei u. in Rüti bisher factisch beobachtet worden ist. – Gewiß von keinerlei persönlicher Zuneigung od. Abneigung, sondern rein u. aufrichtig im wahren Interesse unsrer Schule habe ich Dir, mein theurer Freund! diese meine Herzensangelegenheit in kurzen Andeutungen mitgetheilt, u. darum | würde es mir nur zur Beruhigung dienen, wenn Du der Sache Deine Aufmerksamkeit zu wenden u. vielleicht wohl auch im Sinne der Mehrheit d. Wähler die Bestätigung der Wahl mit Deinem Worte unterstützen würdest.

Auf den Fall hin, daß die Opposition durchdringen würde, u. daher dann eine neue Wahl angeordnet werden müßte, bitte ich Dich sehr, mir – gelegentlich – die beiliegenden Fragen, wenn auch noch so kurz, beantworten zu wollen. – – Diese ganze Angelegenheit hat, wie noch nichts in meinem amtlichen Leben, mich imm Innersten ergriffen und so, ferne ich mich auch von derselben bis zur Beantwortung des Recurses gehalten, bittere Kränkungen zugezogen. Reden od. Schweigen, Alles wird zum Verbrechen gedeutet! Doch ich will nicht klagen, so wohl eine Erleichterung dem Herzen thäte, sondern nur Dir die wichtigsten Factoren melden. Wollte od. dürfte ich jenes, so müßte ich auch auf häusliche Verhältnisse (schwere Krankheit meiner l. Fr. Pfr. den Winter hindurch u. eigenes Unwohlsein) zu sprechen kommen. Das aber mag e. persönlichen Wiedersehen allen falls vorbehalten bleiben, das, wenn auch vielleicht noch nicht in d. nächsten Woche, doch bald gesche hen dürfte.

Schließlich bitte ich Dich, Deinen hochverehrten Eltern mich empfehlen und mich – trotz obiger Heimsuchung in Deiner Geschäftsthätigkeit – in freundlichem Andenken behalten zu wollen. Gott erhalte und segne Dich und Deine Lieben!

In herzlicher Liebe u. unveränderlicher Anhänglichkeit
Dein

Pfr H Schweizer
v. Rüti.

Zch 14. V. 50. Vorm.

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