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Korrespondenz: Alfred Escher – Eduard Suter
  • 1820
  • 1830
  • 1840
    1. von Eduard Suter, 19. April 1850 Schlagwörter: Personelle Angelegenheiten, Wahlen, Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Berufsleben, Bildungswesen, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Parteienstreitigkeiten, Regierungsrat ZH, Rechtliches AES B0775
    2. von Eduard Suter, 2. Mai 1850 Schlagwörter: Nationalratspräsident, Nationalrat, Grosser Rat ZG, Zürichputsch (1839), Vereinheitlichung des Strafrechts, Parteienstreitigkeiten, Revolutionen (1848/49), Flüchtlingspolitik, Flüchtlinge (Baden), Flüchtlinge (Italien), Münsinger Versammlungen, Grosser Rat BE, Sonderbund AES B0782+
    1850
  • von Eduard Suter, 17. Mai 1852 Schlagwörter: Bildungswesen, Wahlen, Personelle Angelegenheiten, Rechtliches, Erziehungsrat ZH AES B1030
  • von Eduard Suter, 7. Dezember 1854 Schlagwörter: Wahlen, Nationalrat, Bundesrat, Kommissionen (eidgenössische), Einzelschicksale/Härtefälle, Bittbriefe (diverse), Berufsleben, Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Regierungsrat ZH, Regierungsrat BE AES B1382
  • 1860
  • von Eduard Suter, 16. Mai 1863 Schlagwörter: Eidgenössisches Polytechnikum, Universitäre Studien, Eidgenössischer Schulrat, Rechtliches, Universität Zürich, Bildungswesen AES B2000
  • von Eduard Suter, 17. Oktober 1865 Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Regierungsrat ZH AES B2139
  • von Eduard Suter, [März 1866] Schlagwörter: Eidgenössisches Polytechnikum, Eidgenössischer Schulrat, Universität Zürich AES B2151
  • 1870
  • von Eduard Suter, 14. März 1875 Schlagwörter: Schweizerische Nordostbahn (NOB) AES B7469
  • 1880
  • o. J.

AES B0782 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#492*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 41

Eduard Suter an Alfred Escher, Zürich, Donnerstag, 2. Mai 1850

Schlagwörter: Flüchtlinge (Baden), Flüchtlinge (Italien), Flüchtlingspolitik, Grosser Rat BE, Grosser Rat ZG, Münsinger Versammlungen, Nationalrat, Nationalratspräsident, Parteienstreitigkeiten, Revolutionen (1848/49), Sonderbund, Vereinheitlichung des Strafrechts, Zürichputsch (1839)

Briefe

D. Ch. Keller
in
Zürich

Zürich 2. Mai 50.

Lieber Freund,

Für deine Aufmerksamkeit sehr verbunden, hätte ich deiner Einladung zur Mittheilung meiner Ansicht über deine Eröffnungsrede 1 eher Folge geleistet, wenn mich nicht die zu machende Ausstellung hätte zögern lassen. Denn nach dem Platzregen der feindlichen Seite, wovon dir freilich keine Haare grau geworden sind, müßte ein freundlicher Regenbogen angenehmer sein, als ein Nachtröpfeln mäckelnder Bemerkungen. Indessen da du meine Meinung anhören willst, sag ich sie unverholen wie es mein Brauch ist. Ich zweifle nicht, du wirst sie geruhig hinnehmen. Vielleicht findest du sie gegründet, jedenfalls aber nichts anderes als den unmittelbaren Eindruck auf meine Anschauung.

Bei Anlaß dieser Rede wurde die Ansicht geäußert, ein solches Produkt sollte sich auf eine bloße Geschäftseinleitung beschränken. Ich nähme von dieser doktrinären Frage Umgang, wenn sie nicht mit der Kritik der Rede selbst zusammenhinge. Bei einem solchen politischen Umblick, wie ihn deine Rede enthält, ist es allerdings schwer, nicht, es allen, son- allen denjenigen zu treffen, als deren Organ der Präsident einer derartigen Behörde vorzugsweise zu betrachten ist. Daraus folgt natürlich nicht, daß der letztre sich als bloßer Geschäftsführer zu benehmen habe. In den Augen aller Vernünftigen besteht die Bestimmung des Nationalrathes nämlich nicht bloß in der Erledigung der laufenden Vorlagen, sondern zugleich darin, daß er der politischen An| schauungsweise der Majorität des Schweizervolks die ihn gesandt, jederzeit bewußt, ihr auch im geeigneten Momente Ausdruck leihe. Die besondre Stellung welche unsre gesetzgebenden Körper im Vergleich zu andern einnehmen, gibt hiefür auch die Form der Präsidialrede an die Hand, die keine Thronrede ist, in der aber manches gesagt werden kann und soll wozu sich sonst keine Gelegenheit findet. Ich gehe davon aus, eine solche Rede solle wo möglich den Geist der die Majorität des Rathes belebt in großen Zügen wiederspiegeln oder was davon nicht verschieden sein sollte, den Geist der Partei überhaupt, die diese Majorität gesandt hat. Ueber die Partei hinweg träumen sich nur die Ideologen und gegen dieselbe eifern nur die, welche sich aus der gegnerischen Erschlaffung die Waffen zur eignen Entschiedenheit schmieden wollen. Wenn also eine solche Rede den Ansichten der verschiedenen Fraktionen der eignen Partei ein gerechtes Zugeständniß macht, so bewährt sie damit nur ihre Unbefangenheit.

In deiner Rede, deren Gehaltenheit ihr geringster Vorzug ist, haben drei Punkte besonders die Galle der Gegner erregt, die «Völkersolidarität», & die Erwähnung der Zuger2 und Berner Vorgänge. Nach dem oben Gesagten bin ich dagegen mit der letztern ganz einverstanden. Die Majorität des Nationalrathes, die im Besitz und Recht ist & die liberale Partei der Schweiz können den Gang der kantonalen Ereignisse nicht gleichgültig an sich vorbeigehn lassen. Den Zugern wird die Ausübung ihres freien Wahlrechtes niemand beschränken, aber ebenso wenig entsteht der Schweiz, die der Nation die Haltung gibt, die Befugniß der freien Kritik & das Verlangen nach einem homogenen Ganzen. Diejenigen ehemaligen Sonderbundskantone, welche guten | Willen zeigen, sich uns zu nähern, werden uns gewiß billig finden, die wir wohl wissen, daß Rom nicht in einem Tage gebaut wurde. Die andern aber sollen sich nicht einwiegen, als ob wir uns nicht darum kümmerten, was innerhalb ihrer Marken vorgehe. – Die Ausstellungen, welche die Liberalen anderer Kantone an den berner'schen zu machen hatten, haben in die Beurtheilung der neusten Kämpfe viel Verwirrung und Unentschiedenheit gebracht. Schon deßhalb that eine entschiedene Parteinahme von gewichtiger Stelle aus gut. Grunholzer3 theilte mir neulich erwünschte Aufschlüsse über die berner Verhältnisse mit, die mich vollends entschieden, während ich darüber nie im Zweifel war, daß ein Sieg der bernerschen Opposition in seiner Nachwirkung auf die Eidgenossenschaft nur als ein Unglück zu betrachten wäre. Diese hat also ein nahes Interesse daran, gegen diejenigen sich auszusprechen, die in der zürcher Septemberei4 ihr pium desiderium5 & damit eine wo möglich allgemeine Umwälzung der Schweiz erstreben.

Du erräthst, wohinaus mein Tadel läuft. In der That aber gilt er nicht den Grundsätzen, die du bei Erwähnung der Völkersolidarität aufstellst, sondern dieser Erwähnung selbst. Du scheinst mir nämlich mit dir selber in Widerspruch zu gerathen. Die Gründe, welche du für die beobachtete und zu beobachtende Politik der Schweiz aufführst, das Prinzip der Selbsterhaltung sind wesentlich nationaler, egoistischer Natur, die Erfahrung hat uns bisher auch nur den Völkeregoismus gezeigt, von dem das berühmte Manifest Lamartine's6 ebenso wenig abgewichen ist. Dadurch werden natürlich die Sympathien des einen Volkes für das andre und die Einwirkung des einen auf das andre nicht ausgeschlossen. Das letztre liegt in der Natur der Menschheit und das erstere enthält, genau besehn, sehr viel egoistisches Interesse für seine eigene nationale Sicherheit. Ich zweifle aber, ob diejenigen | welche die Idee der Völkersolidarität aufbrachten, mit deiner Definition einverstanden seien & halte dafür sie entspreche ihr wirklich nicht. Die deutschen Demokraten finden z. B. nicht, daß wir der Idee der Völkersolidarität nachgelebt, die Italiener ebenso wenig. Der einfache Begriff der Solidarität müßte zur Anwendung gekommen sein, was nicht geschah. Die Schweiz hat sich, mit Recht in ihren staatlichen Entschlüssen sehr egoistisch benommen. Trotzdem würden ihr im Fall eines Angriffs vielleicht die übrigen Völker zu Hülfe kommen, aber nicht um sich für die Schweiz, sondern für ihr eigenes egoistisches Interesse zu wehren. Damit bist du vielleicht einverstanden. Warum du gerade die Gelegenheit gewählt, der Völkersolidarität zu erwähnen, sah ich nicht ein, um so weniger als doch die neuste Politik der Schweiz nur Widerstrebendes dafür darbot. Dagegen sind deine Erörterungen über diese Politik selbst vortrefflich und gewiß der Mehrzahl unsers Volkes aus dem Herzen geschrieben. Ich kann mir denken, daß du der Genfer Fraktion einige Gerechtigkeit wolltest widerfahren lassen, denn ich bin ganz der Meinung, eine Partei, die aus unser aller Boden entsprungen ist, soll man nicht leichtsinnig über Bord werfen.

Die Anregung der Zentralisation der Kriminaljustiz scheint unzeitig gewesen zu sein & nur geeignet der Befestigung der Bundesverfassung zu schaden. Durch die Erfahrungen der neusten Zeit bin ich noch mehr Föderalist geworden als vorher, ohne behaupten zu wollen, daß jene Zentralisation ihr den Tod brächte. Aber die Gränze ist schwer zu ziehn & ich glaube wir Zürcher ließen sie nicht zu weit vorrücken. Selbst die Anregung ist einstweilen unzeitig.

Durch die Besetzung der Schuldenschreiberstelle Pfäffikon7 fielen ich und noch manche aus den Wolken. Fatal daß du in Bern sein mußtest.

Ich schließe mit einem Glückauf! für den 5. Mai.

Herzlich grüßend

Dein

Ed Suter

Kommentareinträge

1 Vgl. Escher, Rede NR (5. April 1850); Alfred Escher an Franz Hagenbuch, 13. April 1850; Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, 14. April 1850.

2Escher kam in seiner Rede auf die Zuger Grossratswahlen vom 6. Januar 1850 zu sprechen, welche die Konservativen wieder an die Macht brachten: «Das Volk des Kantons Zug hat, indem es diese Wahlen traf, Kraft eines ihm unbestritten zustehenden Rechtes gehandelt. Aber ebenso unbestritten wird das Recht der Stellvertreter des schweizerischen Volkes sein, auf die Gesinnung, welche das zugerische Volk durch jene Wahlen der Eidgenossenschaft gegenüber an den Tag gelegt hat, hinwieder bei ihrem Verhalten gegenüber dem Kanton Zug in vorkommenden Fällen die geeignete Rücksicht zu nehmen. Und denen, welche sich dem Glauben hingeben, mit der Auflösung des Sonderbundes sei auch der sonderbündische Geist in der Eidgenossenschaft untergegangen, werden die zuger'schen Januarwahlen, wenn es dessen noch bedurft hätte, neuerdings den Beweis geleistet haben, daß ihr Glaube ein eitler Wahn ist.» Escher, Rede NR (5. April 1850), S. 254–255. Vgl. Luzerner Zeitung, 8. Januar 1850.

3 Heinrich Grunholzer (1819–1873), Seminardirektor in Münchenbuchsee.

4Suter spielt auf den Zürichputsch und den konservativen Umschwung vom September 1839 an. Vgl. Die Hochschulmotion von Regierungsrat Bürgi: Alfred Eschers erstes öffentliches Hervortreten (1839), Zürichputsch: Der 6. September 1839.

5Pium desiderium (lat.): frommer Wunsch, an dessen Erfüllung man zweifelt.

6 Alphonse de Lamartine (1790–1869), französischer Dichter, Historiker und Staatsmann. – Im Zuge der Februarrevolution 1848 wurde Lamartine Mitglied der provisorischen Regierung, in der er das Amt des Aussenministers übernahm. Berühmt wurde Lamartines Manifest vom 6. März 1848. Vgl. Meyers Konversations-Lexikon X, S. 424; Lamartine, Révolution de 1848, S. 34–41.

7Die Schuldenschreiberstelle in Pfäffikon wurde 1850 mit Josua Greutert (Lebensdaten nicht ermittelt) von Kyburg besetzt. Vgl. Regierungsetat ZH 1850/51, S. 157.