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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0747 | FA Tschudi

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 35

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 3. Februar 1850

Schlagwörter: Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Grosser Rat SG, Kirchenrat ZH, Landrat GL, Nationalrat, Parteienstreitigkeiten, Rechtliches, Regierungsrat ZH, Religion, Schweizerische Bundesverfassung, Ständerat, Wahlen, Währungssystem

Briefe

Glarus den 3. Februar 1850.

Mein theurer Freund!

Deinen l. Brief1 von vorgestern habe ich heute Morgen erhalten, u. verdanke Dir bestens Deine ausführlichen Mittheilungen. Daß nach einem vielbeschäftigten Leben in Bern eine fast noch anstrengendere Thätigkeit in Zürich auf Dich warte, wußte ich, u. habe es mir wohl vorgestellt, daß seit Deiner Rückkehr die Entwerfung eines Organisationsgesetzes für den Regierungsrath2 Deine Zeit vorzugsweise werde in Anspruch genommen haben. Ohne Zweifel ist Deine Arbeit eine sehr gelungne, u. es ist an u. für sich eine organisatorische Thätigkeit in solchen Dingen etwas sehr erfreuliches. Weniger beneide ich Dich darum, daß Du Dich nun auch mit der «Theologie» beschäftigen mußst; nach meiner kurzen Erfahrung gehören die kirchlichen Fragen überhaupt zu den allerheikelsten u. unangenehmsten. Mit Freuden entspreche ich Deinem Wunsche, nähere Auskunft über unsre gemischte Synode zu erhalten, durch Uebersendung unsrer Kirchen-Ordnung von 18443. Die äußere Beschaffenheit des mitfolgenden Exemplars wirst Du gefälligst entschuldigen; es ist das einzige, das ich gerade bei der Hand habe, u. die | Sache hat eben Eile. Die Organisation der Synode findest Du in Artt. 14 u. 15; aus Art. 9 & 10 wirst Du ersehen, daß ihre Kompetenz eine sehr beschränkte ist, indem sie über rein kirchliche Gegenstände bloß Anträge an die Gemeinden, über gemischte hingegen Vorschläge an die Landesbehörde berathen kann. Ich bekenne offen, daß ich, zur Zeit ihrer Einführung, ein sehr eifriger Anhänger der gemischten Synode war, in welcher ich eine dem Wesen der Kirche, die aus Geistlichen u. Laien zugleich besteht, entsprechende repräsentative Behörde erblickte, – weniger zwar nach dem jetzigen, sehr beschnittnen Gesetze, sondern nach einem frühern Entwurfe, der ihr eine größere Kompetenz gegenüber den Gemeinden eingeräumt hatte. In unsern Verhältnissen war auch ein solches Institut gewissermaßen eine politische Nothwendigkeit, weil unser Kanton ein paritätischer ist u. man daher nicht wohl einer aus beiden Konfessionen gemischten Landesbehörde die Entscheidung rein kirchlicher Fragen übertragen konnte, noch weniger aber ein evangelisches Landrathskollegium, dem dann ein katholisches hätte entsprechen müssen, einführen wollte, nachdem man kurz vorher ( durch die Verfassungsänderung von 18374) die frühere konfessionelle Spaltung mit ihren unseligen Folgen aufgehoben u. dadurch einen gewaltigen Schritt vorwärts gemacht hatte. Seitdem indessen die gemischte Synode, deren Mitglied ich bin, besteht, ist mein Eifer für dieselbe bedeutend abgekühlt worden. Nicht daß sie ein politisch gefährliches Institut wäre, – im Gegentheil sie schadet durchaus nichts, aber sie hat auch bis dahin | nichts genützt, weil überhaupt ihre Wirksamkeit eine höchst unbedeutende war. Lähmend hat schon der Umstand eingewirkt, daß in der Regel nur die geistlichen Mitglieder fleißig, die weltlichen dagegen in sehr spärlicher Anzahl erschienen sind, was um so mehr von großem Mangel an Interesse zeugt, als bis dahin die Synode sich jährlich höchstens einmal (einen Tag) versammelte. Auch haben weltliche Mitglieder hin u. wieder sehr unnütze Motionen gestellt, z. B. für die Einführung des Kirchenrockes, über welche eine lange u. höchst unerbauliche Diskussion geführt wurde, während man wichtigern Berathungsgegenständen aus dem Wege zu gehen schien. Hierarchisch-orthodoxe Bestrebungen traten zwar wohl hin u. wieder hervor, aber sie wurden nicht bloß von den anwesenden weltlichen, sondern auch von den aufgeklärtern geistlichen Mitgliedern bekämpft, u. blieben immer in der Minderheit, obschon die Geistlichen in der Regel die Mehrheit der Synode ausmachten. Ich bin nun zwar entschieden der Ansicht, daß bei etwas größerer Kompetenz, welche das Interesse heben würde, u. in einem größern Kanton, wo sich mehr Laien finden, welche sich kirchlichen Diskussionen gewachsen fühlen u. für dieselben Neigung haben, das Institut der gemischten Synode sich besser machen würde, als bei uns. Gleichwohl könnte ich nicht finden, daß dasselbe für den Kanton Zürich gerade ein Bedürfniß wäre, indem ja gegenwärtig auch geistliche u. weltliche Mitglieder der Kirche über kirchliche Fragen zu entscheiden haben, – nur gleichsam in zwei Kammern getrennt, | was wohl das bessere System ist. Ob bei Euern Geistlichen, welche eine gemischte Synode verlangen, politische Absichten mit unterlaufen, weiß ich nicht; ich denke aber, es würden ungefähr die gleichen Leute in die Synode gewählt werden, wie in den Großen Rath. Nach meiner Erfahrung giebt es sehr wohl gesinnte Theologen, welche eine gemischte Synode darum wünschen, weil sie hoffen, daß durch ein solches Institut mehr kirchliches Interesse bei den Laien geweckt werde. Ich kann diesen Zweck an u. für sich nicht mißbilligen, aber die Erfahrung in unserm Kanton wenigstens hat gezeigt, daß derselbe nicht erreicht wird.

Nach Bern möchte ich Dich auch nicht schon so bald wieder begleiten, da ich an der Zeit, während deren mich der Ständerath an die Bundesstadt fesselt, mehr als genug habe. In der Münzfrage wird es wohl im Nationalrathe gehen wie im Ständerathe. Obschon ich mit den beidseitigen Mehrheiten durchaus nicht einig gehe, glaubte ich doch der «Motion P. Jenni»5 entschieden entgegentreten zu sollen. Dieselbe hätte mir zwar den Anlaß geboten, auf Unkosten meiner beiden Kollegen einen Sieg im Landrathe zu feiern; allein ich erblickte in derselben durchaus unkonstitutionelle Tendenzen, die von einer Seite her kommen, auf welcher man eben der neuen Bundesverfassung bei jedem Anlasse ein Bein unterzuschlagen sucht, u. die Du in Deiner Eröffnungsrede vom 12. November6 ganz | richtig gezeichnet hast. Unbegreiflich ist es mir, wie der «Erzähler» jene Motion in Schutz nehmen kann, nachdem im Großen Rathe von St. Gallen selbst im letzten Herbst ein Hr. Steinlin7, der einen ganz ähnlichen Antrag gestellt hatte, mit der ganz richtigen Bemerkung abgewiesen worden ist, daß es nicht mehr in der Stellung der Großen Räthe liege, sich über Traktanden der Bundesversammlung auszusprechen. Von diesem Standpunkte aus hat mich auch die neuliche Niederlage Eytels8 sehr gefreut; zugleich aber habe ich auch sein ganzes Benehmen in dieser Sache sehr unklug gefunden.

Für die freundliche Art, in der Du meiner historischen Arbeiten9 gedenkst, danke ich Dir. Da mit Nächstem auch noch die 4te Lieferung erscheinen soll, so lege ich eben die letzte Hand an den ersten Theil meines Werkes, u. finde dabei freilich, daß im Einzelnen Manches unvollkommen u. mangelhaft erscheinen wird, schon darum, weil immer neue Quellen bekannt oder leichter zugänglich werden. Möge man wenigstens im Ganzen den redlichen Willen, die Liebe zur Sache nicht verkennen!

Meiner guten Mutter10 geht es Gottlob! immer besser, obschon sie noch etwas schwach ist. Ich hoffe, daß auch die werthen Deinigen sich recht wohl befinden. Empfehle mich ihnen nebst meiner l. Frau11 bestens, u. sey herzlich gegrüßt von

Deinem

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Vgl. Gesetz betreffend die Organisation, die Befugnisse und Pflichten so wie die Geschäftsordnung des Regierungsrathes und der Direktionen desselben u. s. f. [vom 2. April 1850], in: Sammlung Gesetze, Beschlüsse, Verordnungen VIII, S. 117–188; Turicensia, Absatz 10.

3 Vgl. Evangelische Kirchenordnung GL 1844.

4Die am 2. Oktober 1836 beschlossene und am 27. Juli 1837 in Kraft getretene Glarner Verfassung veränderte die politische Organisation des Kantons grundlegend, indem sie die konfessionelle Trennung aufhob. Bis dahin hatte je eine Landsgemeinde der reformierten und der katholischen Bürger ihre eigenen Behörden, Beamten und Richter gewählt. Über Gesetzesvorlagen und Steuerfragen hatte eine dritte gemeinsame Landsgemeinde beraten. Angesichts des Widerstandes von katholischer Seite gegen die neue Verfassung mussten zu ihrer Durchsetzung Truppen eingesetzt werden.Vgl. HLS online, Glarus (Kanton).

5 Peter Jenny (1800–1874), Ratsherr und Mitglied der Standeskommission (GL). – Jenny, ein Gegner des französischen Münzfusses, forderte mit seiner Motion vom 23. Januar 1850, dass sich der dreifache Landrat über die Münzfrage ausspreche und mit seinem Beschluss an die Bundesversammlung gelange. Die Motion wurde an eine Kommission überwiesen, der auch Johann Jakob Blumer angehörte. Auf Blumers Antrag wurde sie beauftragt, «in erster Linie die Frage zu prüfen, ob ein Schritt, wie der vorgeschlagene, überhaupt der Stellung der Behörde und dem Geiste der Bundesverfassung angemessen sei» . Es sei zu bedenken, dass «wenn die obersten Kantonalbehörden bei jedem Anlasse Traktanden der Bundesversammlung in den Bereich ihrer Diskussionen ziehen wollen, damit das alte Instruktionswesen in einer neuen Form wieder hergestellt werde» . NZZ, 26. Januar 1850.

6 Vgl. Escher, Rede NR (12. November 1849).

7 Georg Leonhard Steinlin (1784–1856), Grossrat (SG).

8 Jules Eytel (1817–1873), Grossrat und Nationalrat (VD). – Sachverhalt nicht ermittelt.

9 Vgl. Blumer, Staats- und Rechtsgeschichte.

10 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter der Susanna Heer-Zwicky und des Ratsherrn Joachim Heer.

11 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine und ab 1843 Ehefrau von Johann Jakob Blumer, ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.