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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B0743 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 40

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, s.l., Sonntag, 14. April 1850

Schlagwörter: Bundesrat, Erziehungsrat ZH, Flüchtlingspolitik, Konflikte mit Drittstaaten, Nationalrat, Nationalratspräsident, Parteienstreitigkeiten, Personelle Angelegenheiten, Regierungsrat BE, Universität Zürich

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Mein lieber Escher!

Vielen Dank für Deinen Brief1. Die in demselben enthaltenen Aufträge sind bereits erfüllt. Ich habe sämmtliche in meinen Händen liegenden Briefe an Hon.2 übergeben, der seit einigen Tagen hier ist, auch mit Fries3 darüber gesprochen. Hon. wird Dir über Alles schreiben. Man sollte auf jeden Fall Fricke 4 zu bekommen suchen u. wie mir Fr. sagte dürfte es nicht unmöglich sein, ihm einen fixen Gehalt von fr 1400 zu ermöglichen. Auch die Reisespesen dürften gefunden werden können, da ja dem Erziehungsrathe von den unbesetzten Stellen mehrer Professoren einige Hundert Franken zu diesem Zwecke verwendet werden könnten. Fr. würde jedenf zum Rufe unserer theol. Facultät vieles beitragen; könnten wir nur eine annähernde Acquisition für die jurist. Facultät machen!

Daß Du durch die wenigen Zeichen der Ermuthigung in unserer Presse wegen Deiner Rede5 nicht entmuthiget bist, freut mich übrigens habe ich dies nie in Zweifel gezogen. Hagenbuch6 hat doch meinen leider etwas flüchtigen Aufsatz7 aufgenommen. Ich bin von Tage zu Tage mehr in meiner Ueberzeugung von der Wahrheit u. Trefflichkeit Deiner Rede überzeugt worden; allein ich habe mich neuerdings überzeugt, daß ein großer Theil der Stimmführer der radicalen Parthei sehr weit davon entfernt sind auf dem politischen Standpunkt zu stehen, den die Gegenwart von denjenigen fordert, die Zeit begreifen u. mit der Zukunft nicht brechen wollen. Wie in der ganzen Welt wird auch in der Schweiz der Proceß durchgemacht werden müssen, der die bisherigen Partheien auflößtu. neue bildet. | Diese Uebergangsperiode wird aber hier mehr Kämpfe fordern, als irgendwo; denn sie ist noch in gar wenigen Köpfen angeregt, geschweige denn, daß sie in größern Kreisen Terrain gewonnen hätte u. die welche daran arbeiteten, ein Stämpfli u. seine Freunde haben sonst viel Antipathie hervorgerufen. Du wirst deshalb mit sehr großer Vorsicht handeln müssen, wenn Du die Sache wieder in Ordnung bringen willst u. eine für die jetzigen Verhältnisse noch sehr nothwendige Allianz zwischen dem bisherigen Radicalismus u. dem Fortschritte aufrecht halten willst. Doch das ist so eine hingeworfene Idee, die wohl allerlei Berichtigungen bedarf u. über welche ich mir übrigens den Kopf nicht zerbrechen will u. werde. Was sagst Du zu Steiger8 im Erzähler? Schändlich! eine solche sogen Hausmannpolitik ist keinen alten Hund werth.

Von unsern Bekannten ist niemand gegen die Rede; allein Bedenken wie von Blumer u. Rüttimann werden wohl auch geltend gemacht. Honegg war ganz erschrocken u. mahlte sich eine Reihe von ganz unangenehmen Folgen für Dich aus, namentlich fürchtete er sehr für deinen Einfluß im Nationalrathe. Ich muß offen gestehen: ich fürchte gar nichts. Brändli9 ist begeistert, besonders wegen der Parthie betr das Ausland, nur wünschte er, daß Du die Rede in einer Debatte gehalten hättest, was freilich unmöglich gewesen wäre; denn ich wüßte nicht wie irgend eine Discussion Dir hätte Veranlassung geben können, dies Alles zu berühren. Uebrigens ist es | richtig, daß Benjamin sehr, sehr viel guten Fond hat u. einen guten Blick für Gegenwart und Zukunft.

Den Bernern kannst Du nicht genug ins Gewissen reden. Verständige Mäßigung u. nochmals verständige Mäßigung. Feine Dosis Steigerscher Hausmannspolitik; dann wird die Sache gehen. Vor allen Dingen Frieden u. zwar redlicher Frieden mit dem Bundesrathe, das wird für Beide gut sein. Gieb Dir alle Mühe, diese Verständigung zu Stande zu bringen. Nicht wahr der Bundesrath wird in den Flüchtlings- u. Handwerksburschenaffairen recht glimpflich, ja recht artig behandelt? Eine Differenz mit dem Bundesrathe in diesem Augenblicke wäre eine Landescalamität u die Gegner desselben hätten in diesen so ganz unpopulären Fragen die Masse, die große Masse der Bevölkerung gegen sich.

Ich bin jetzt mit meinem Besuche da in Belvoir sehr zur Last gefallen. Deine Eltern haben uns mit der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit behandelt.

Schreibe mir – bald – einmal. Ich bin sehr an Deine Briefe, aus Ermangel der mündlichen Unterhaltung gewöhnt, daß ich sie nur ungern für mehrere Tage vermisse.

Die besten Grüsse von Deinen Bekannten

Adieu!

Stets Dein Freund

E.

14. Abends.10

Findest Du nicht, daß die ganze Polemik gegen den ausländischen Theil Deiner Rede11 um ein Wort «Völkersolidarität» drehte. Lächerlicherweise wollen die| Narren Dir die [G...?ische?] in die Schuhe schieben. Dümmer kann man es doch nicht anfangen!12

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Gemeint ist wohl Johannes Honegger.

3 David Fries (1818–1875), Grossrat und Mitglied des Erziehungsrats (ZH), Kantonsschullehrer und Diakon.

4 Gustav Adolf Fricke (1822–1908), ausserordentlicher Professor für Theologie und Philosophie an der Universität Leipzig.

5 Vgl. Escher, Rede NR (5. April 1850); Alfred Escher an Franz Hagenbuch, 13. April 1850; Eduard Suter an Alfred Escher, 2. Mai 1850.

6Vermutlich Johannes Hagenbuch (1789–1863), Buchhändler und Mitinhaber von Orell Füssli & Co. (Herausgeberin der «Neuen Zürcher Zeitung»).

7Der Aufsatz erschien am 13. April 1850 ohne Titel mit dem Hinweis «eingesandt» in der «Neuen Zürcher Zeitung». Vgl. NZZ, 13. April 1850.

8 Georg Peter Friedrich Steiger (1804–1868), Regierungsrat und Ständerat (SG), Redaktor des «Erzählers».

9 Benjamin Brändli (1817–1855), Grossrat und Kantonsprokurator (ZH).

10Aufgrund des Inhalts muss der Brief im April 1850 verfasst worden sein.

11In seiner Rede zur Eröffnung des Nationalrates im April 1850 kam Escher unter anderem auf die Idee der Völkersolidarität zu sprechen. Dabei unterstrich er, dass der «großen Sache der Volksfreiheit» mit blosser Begeisterung nicht gedient sei. Die Pflichten eines kleinen Staates würden sich grundlegend von denjenigen grösserer Staaten unterscheiden. In diesem Sinne folgerte Escher: «Die Schweiz ist dazu berufen, durch die Macht des Beispieles der heiligen Sache der Völkerfreiheit Vorschub zu leisten. Ja, meine Herren, unser Alpenland soll der Hochaltar der Freiheit in Europa sein.» Escher, Rede NR (5. April 1850), S. 249–250. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 922.

12Ergänzung am Rand der zweiten und dritten Seite.