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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0741 | FA Tschudi

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 33

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 6. Januar 1850

Schlagwörter: Eidgenössischer Bundesvertrag (1815), Liberale Presse, Nationalrat, Presse (allgemein), Sonderbund, Ständerat, Währungssystem

Briefe

Glarus den 6. Januar 1850.

Mein theurer Freund!

Unmittelbar nach meiner Zurückkunft von Bern habe ich den wesentlichen Inhalt meines Votums in der Münzfrage der Glarner-Zeitung mitgetheilt, wozu ich namentlich dadurch veranlaßt wurde, daß dieselbe bloß berichtet hatte, ich habe an der Abstimmung keinen Theil genommen, ohne zu erwähnen, daß ich mich in der Diskussion ausgesprochen habe. Ich trug damals Bedenken, Dir diesen Zeitungsartikel1 zu übersenden, weil ich befürchtete, es möchte den Anschein haben, als ob ich auf Deine, soviel mir bekannt, noch nicht ganz fertige Ansicht einwirken wollte, während ich gar wohl weiß, daß Du Dich nur nach sorgfältiger Prüfung der, von sachverständiger Seite geschriebnen Aktenstücke entscheiden wirst. Was mich nun über jene Bedenken erhebt, ist das in der N.Z.Z. erschienene Votum2 des «hochge» Herrn Pestalutz3, dessen Veröffentlichung kaum einen andern Zweck haben kann, als die noch unentschiednen zürcherischen Nationalräthe für den franz. Münzfuß zu gewinnen, u. welches mich, als Reminiszenz an die mir werthe Persönlichkeit des Redners u. Einsenders, sehr erheitert hat. Ich kann mich zwar nicht rühmen, die gleiche Münzgelehrsamkeit, wie Hr. Pestalutz, zu besitzen; gleichwohl glaube ich immer noch, daß ich die Sache von einem ziemlich praktischen Standpunkte aus be| trachtet habe. Die materiellen Reformen, mit denen wir uns dermalen befassen, sind durchaus nothwendige für die Schweiz, u. wir können uns nur freuen der politischen Ruhe in unserm Innern, welche dieselben möglich machte. Aber was das Volk von uns verlangt, ist nicht die bloße Einheit der materiellen Verhältnisse, die eher nur von dem Gebildeten als unerläßlich erkannt wird, sondern es sind wirkliche Erleichterungen seiner Lage, u. wir haben uns daher wohl zu hüten vor der nahe liegenden Versuchung, dem Staate u. den Einzelnen größere Opfer aufzubürden, als für den Zweck der Reformen durchaus erforderlich ist, oder auch nur in althergebrachte Gewohnheiten, die das Verkehrsleben berühren, gar zu tief einzuschneiden. In der Masse des Volkes steckt immer eine gewisse vis inertiae4, die, wenn sie auf unsanfte Weise aufgerüttelt wird, auch ihrerseits etwas derb verfährt. Daß man überhaupt dermalen Ursache zu behutsamem Handeln hat, ergiebt sich namentlich aus der Wahrnehmung, daß unsre Reaktionäre wieder mit einer Keckheit u. Rückhaltlosigkeit auftreten, die sich kaum anders erklären läßt, als daß ein auswärtiger Wind in ihre Segel bläst. Wer etwa glaubt, der 1815er Bundesvertrag u. der Sonderbund seyen abgethane Dinge, die bloß noch der Geschichte angehören, der lese nur die letzten Nummern der Neuen Schweiz, wo Baumgartner5 bereits das Grab geöffnet hat, um, gleich unserm Schutzheiligen Fridolin, die Todten wieder aufzuerwecken. Das werden zwar hoffentlich wohl unfruchtbare Studien bleiben aber immerhin müssen wir uns davor hüten, in materiellen Dingen das Volk zu sehr zu verletzen, indem wir sonst den Gegnern der neuen Bundesverfassung in die Hände arbeiten. Diesen freundschaftlichen Herzenserguß konnte ich nicht unterdrücken, sonst bin ich in der Münzfrage zum voraus gefaßt auf die nicht zweifelhafte | Mehrheit, die sich auch im Nationalrathe ergeben wird, u. werde mich ihr als guter Republikaner ohne Murren unterziehen, zumal ich keinerlei persönliche Interessen dabei habe.

Ich hoffe, Du werdest wohl zurückgekehrt seyn u. Dich in Deinem heimathlichen Wirkungskreise wieder recht wohl befinden. Von mir kann ich das Nämliche sagen; ich fühle mich wieder recht glücklich in meiner gewohnten, regelmäßigen Lebens- u. Beschäftigungsweise, die ich während der letzten Sitzungsperiode in Bern sehr vermißte. Der Nationalrath hatte dieselbe auch mit seinen täglichen Sitzungen bis 2 Uhr; der Ständerath aber war großentheils auf eine bloß zuschauende u. zuwartende Stellung angewiesen, die mir höchst widerwärtig war. Hoffentlich wird es in Zukunft besser gehen! – Meine gute Mutter6 habe ich bei meiner Rückkehr sehr leidend angetroffen; seither aber hat sich ihr Zustand wesentlich gebessert. Meine l. Frau7 ist immer recht wohl. Ich wünsche von Herzen, daß sich die Deinigen alle ebenfalls recht wohl befinden mögen. Empfehle mich Ihnen bestens, u. sey herzlich gegrüßt von

Deinem treuen

J J Blumer.

Kommentareinträge

1In dem beigelegten Artikel mit dem Titel «Höre auch den andern Theil!» führte Blumer die Argumente aus, mit welchen er sich in der Ständeratsdebatte vom 13. Dezember 1849 gegen den französischen Münzfuss ausgesprochen hatte. Vgl. Glarner-Zeitung, 26. Dezember 1849.

2Gemeint ist ein Artikel unter dem Titel «Votum des zürcherischen Standesraths, Herrn Dr. Pestalutz, in der Münzfrage». Vgl. NZZ, 5. Januar 1850.

3 Hans Jakob Pestalozzi (1801–1874), Grossrat und Ständerat (ZH).

4Vis inertiae (lat.): Kraft der Trägheit.

5 Gallus Jakob Baumgartner (1797–1869), Grossrat (SG), Herausgeber und Redaktor der «Neuen Schweiz».

6 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter der Susanna Heer-Zwicky und des Ratsherrn Joachim Heer; ab 1811 Ehefrau des Kaufmanns und späteren Appellationsgerichtspräsidenten Adam Blumer.

7 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine und ab 1843 Ehefrau von Johann Jakob Blumer, ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.