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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Eduard Ullmer

AES B0731 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#510*

Rudolf Eduard Ullmer an Alfred Escher, Enge, Montag, 17. Dezember 1849

Schlagwörter: Bildungswesen, Gemeinderat Enge, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Kommissionen (kommunale), Nationalrat, Nationalratspräsident, Parteienstreitigkeiten, Rechtliches, Reisen und Ausflüge, Ständerat

Briefe

Mein lieber Freund.

Verzeihe, daß ich deinen l. Brief vom 21. v. Ms. erst heute beantworte; ich hoffe aber Hr. RR. Rüttimann werde Gruß & Abbitte, um deren Verrichtung ich ihn heute vor 8 Tagen ersucht, ausgerichtet & du dich dadurch überzeugt haben, daß nur die eiserne Nothwendigkeit Schuld an der langen Verzögerung trägt.

Für deine mir übermittelte Präsidialrede sage ich Dir meinen besten Dank, die freundliche Aufmerksamkeit, die Du dadurch aufs Neue gegen mich bewiesen sowie ganz besonders der echt vaterländische Geist – in Form & Inhalt gleich ausgezeichnet – der sich in der Rede so schön abspiegelt, haben mir einen wahren Genuß verschafft. Es kann Dir zwar dieses Urtheil, nachdem der Nationalrath so deutlich gesprochen, & so ex post gleichgültig sein & in den Augen Anderer als von einem incompetenten Richter sogar lächerlich erscheinen, ich hoffe aber, du nehmest es als von Herzen kommend laeto animo auf & dann bin ich zufrieden.

Du wirst wahrscheinlich schon gehört haben, daß wir in Deiner Abwesenheit eine Gemeinde-& eine Schulgenossenversammlung gehabt haben. Mit dem Ergebnisse der erstern glaube ich können wir wol zufrieden sein, denn abgesehen davon, daß die Gemeinde fand, es sollen die Wuhrarbeiten in Leimbach für einstweilen als geendigt angesehen werden (offenbar geschah es blos, weil für den Spitalerrain ein Credit von 400 Fkn. verlangt & bewilligt worden) sind alle unsere Anträge angenommen worden & zwar zum Theil mit bedeutendem Mehr. Namentlich freute es mich bewirkt zu haben, daß der G. Rath mit seiner nobeln Begründung & ebenso mit seinem Antrage, daß dein Herr Vater zu einer Nachzahlung von 37 Fkn. an die Straßenkasse angehalten werde unters Eis kam & ich kann auf dieses Resultat um so eher stolz sein, als ich es allein erzielte, da kein einziger der Anwesenden mich unterstützte. Auf gleiche Weise haben wir es mit der Gratification zu Gunsten Herrn Arter zum Siege gebracht, ungeachtet mit Feuer & Flammen dagegen zu Felde gezogen & namentlich behauptet wurde, Hr. Arter habe theils als Commissionsmitglied überall keine Entschädigung zu beanspruchen|

da dieses gegen alle Übung streite, theils habe er in den Ansätzen für Baumaterialien &sw. bereits schon sattsame e Entschädigung gefunden. – Nicht so erfreulich ging es in der Schulgemeindeversammlung. In einem Punkte (Schatzung des Ausgeländes bei den Schulhäusern) war ich genöthigt selbst gegen Herrn Arter zu votiren & zu stimmen, in der Motionsfrage (Auslegung der Schulgutsrechnung im Schulhause & Abhaltung von Schulgemeinden im Bethause oder in der Schule) blieben wir in Minderheit & endlich wurde mit dem absoluten Mehr Hr. a. OR. Stocker in die Schulpflege gewählt gegenüber Herrn Emanuel Heß, der 3 Stimmen weniger auf sich vereinigte. Daß über diesen Sieg im conservativen Lager ein Hallo angeschlagen wurde, ist erklärlich; daß aber die Hoffnung, die andere politische Ansicht sei zum Durchbruche gekommen, eitel & leer ist, davon bin ich zur Stunde noch fest überzeugt. Eintracht hat immer noch stark gemacht, das haben wir erlebt & wir werden das nicht vergessen.

Der nächsten Sitzung des Gr R. wirst Du nicht beiwohnen können & Gleiches wird bei den übrigen Mitgliedern des National- & Ständerathes der Fall sein; außer den Wahlen enthalten auch die Tractanden nichts von Bedeutung, sodaß dir die Abwesenheit nicht gar schmerzlich sein wird. Auf die zweite Hälfte der Wintersitzung werden jedenfalls drei Gesetzesvorschläge, Erleichterungen im Schuldrechte bezweckend, in Berathung kommen können. Zwei hat, wie Du weißt, Hr. RR Rüttimann verfaßt; einer davon ist so viel als fertig, denn ich zweifle daran, daß die engere Commission noch viel daran ändern wird; bei dem zweiten habe ich einen Gegenantrag schriftlich gemacht & endlich besitzt Hr. OGPrest Finsler schon seit 14 Tagen einen von mir verfaßten Entwurf zu einem neuen Rechtstriebgesetze. Die Hauptänderungen wirst Du aus dem Briefe an Herrn Rüttimann ersehen haben, den Entwurf selbst aber kann ich auch jetzt noch nicht beilegen, da er immer noch in der Hand des Herrn F. liegt. Wenn dann noch die Bankfrage zur Behandlung kommen kann, so bin ich überzeugt, daß das Volk mit der gegenwärtigen Legislation zufrieden ist & diese Zufriedenheit in den Maiwahlen beurkunden wird.|

Daß ich keine Zeit gehabt habe, an den Jahrmarkt nach Bern zu kommen, wirst Du begreifen, ich hoffe aber, daß es nächsten Sommer geschehen kann, zumal nun die Sitzungen der Bundesversammlung in eine Zeit fallen, wo es unser einem auch möglich sein wird, die Notabeln versammelt zu sehen. Daneben werde ich dann noch Zeit bekommen, endlich einmal den Bazar zu besuchen, um die schon längst gewünschten Einkäufe zu machen, was mir auf Deine Empfehlung hin ein Leichtes sein wird.

In der Hoffnung Dich & meine andern Freunde, die ich bestens grüßen lasse, bald im lieben Zürich wiederzusehen, grüßt Dich von Herzen

ganz Dein

R E Ullmer

Enge 17. Dzbr. 49.