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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B0728 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 31

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Dienstag, 11. Dezember 1849

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Bundesrat, Flüchtlingspolitik, Kunst und Kultur, Liberale Presse, Nationalrat, Parteienstreitigkeiten, Regierungsrat BE, Ständerat, Währungssystem

Briefe

Mein lieber Escher!

Immer besser: Alice als Robert!

Für Deine Verwendung für B. meinen Dank. Hoffentlich wird derselbe Deiner Empfehlung jede Ehre machen.

Dein Brief über den Stand der Partheien haben wir, die wir ihn lasen, mit Interesse lesen müssen. Ich bin mit dir ganz einverstanden, daß die von Dir als Mittelparthei bezeichnete den einzig ersprieslichen Weg einschlägt u. besonders der Bundesrath sollte eine solche Parthei auf den Händen tragen; denn sie allein kann ihn decken u. halten. Die Satisfaits könnten den BR – u. das mag vielleicht die Ab-sicht einiger unter ihnen sein – Optima Forma in kurzer Zeit rein zu Grunde richten. Ihr haltet übrigens den BR auch dadurch, daß er durch Euch darauf hingewiesen wird vorsichtig zu prüfen u. zu handeln. Wenn auch bei der jetzt ventilirten Frage dies nicht so sehr in die Au-gen springen wird, so wird doch aus ihr allerlei Gutes für die Zukunft man sich draus hohen Ortes folgern können. Hoffentlich wird bei der noch bevorstehenden Schlußdiscussion alles durch die bundesr. Eröffnungen satisfait sein u. die Berner Regierung einen directen oder indirecten Schnauz erhalten; denn die Ostentation mit welcher sie gegen den BR aufgetreten ist, ist jedenf so criant, daß sie wenn anders ein Central Gewalt fortbestehen soll, solche bübische Rennomistereien nicht zu dulden sind. Die letzte Ausweisungsangelegenheit ist allseitig bis jetzt mit einer gewissen Courtoisie behandelt; der BR hat | keine strenge Execution gefordert, da er bemerkte, daß die Cantonalregierungen nicht vollkommen mit seiner Maßregel einverstanden waren u. die letztern, in Anerkennung der anzuerkennenden Bundesgewalt, haben auch Alles vermieden, was als Offensive angesehen werden könnte. So war ein ganz erträglicher u. dem bisherigen Status quo gar angemes-sener Modus vivendi entstanden; nur die Berner R, hat es für gut gefunden mit Ostentation eine deshalb doppelt ostensible Renitenz zur Schau zu tragen. Wäre ich Mitglied des BR so würde ich hier eine Satisfaction durch die Bundesversammlung fordern oder zurücktreten. Wäre man boshaft, so könnte man annehmen, die Berner R wolle um jeden Preis die Flüchtlinge so bald wie möglich ausgewiesen sehen, denn durch ihr Benehmen muß sie den BR stimuliren auf seinen Beschluß ehren halber zu insistiren.

Ueberhaupt findest Du nicht, daß die Berner R, wenn man auch erkennen muß, daß einige sehr gute Köpfe in ihr sich befinden, alle Grundsätze der Staatsklugheit auf die ärgste Weise ins Gesicht schlägt? Mir erscheint sie immer mehr, als ein von Seiten des politischen Verstandes ganz un jetzt noch ganz unfähiges Conglomerat von jetzt noch zum Regieren u. Administriren unfähigen Personen. Wo-mit ich aber bei einigen die Befähigung für die Zukunft gar nicht in Abrede stellen will, dieselbe sogar bei Stämpfli zB sogar entschieden annehme. Aber die Hörner haben sich die Herren noch nicht abgelaufen u leider glauben sie, daß hübsche Theorien | eine ebenso hübsche Praxis machen müssen. Satis, superque!

Die Münzfrage scheint jetzt nicht behandelt zu werden. Für die Schweiz wiegt diese Frage hundertmal wichtiger als Alles was von materiellen Fragen behandelt wurde. Selbst wenn man, wie ich, nur die «N.Z.Z.» hierüber lesen würde. Wobei man leider sich gestehen muß, daß unser HauP Hauptorgan «für sich» gar keine vernünftige Ansicht des Thatbestandes dieser Frage hat. Jüngst habe ich mit 2 guten Autoritäten, noch meine Auffassung der Münzfrage, a RR Krauer u. Ctsr Arbenz in Andelf gesprochen u. sie sind so ziem-lich meiner Ansicht: französ. Münzfuß; allein damit 2 Maßregeln nothwendig verbunden 1) Erschaffung des erforderlichen entsprechenden Münzbedarfes (das ist gut möglich an u. für sich) 2) Abhaltung der Nachbarmünzen zu dem jetzigen infamen Course (das wird sehr [...?] schwierig möglich zu machensein; denn gesetzliche Werthung hilft hier nichts, wie wir im Canton Zürich ja schon längst wissen). Wir haben Fabricanten die das Reichsgld natürlich im Großhandel zu dessen wahren Werthe beziehen u. an ihre Arbeiter den Gulden zu 15 Batzen, somit mit 10 Prozent Gewinn ausgeben. Gegen diesen innern Wucher müßt ihr in Bern helfen, sonst ist nichts gewonnen u. die, welche am meisten unter solchen Schändlichkeiten leiden müssen, kommen | aus dem Regen in die Traufe. Da ist freilich schwer zu helfen; denn der Arbeiter ist immer in den Händen des Arbeitgebers u. muß sich solche Infamien in der Regel gefallen lassen. Der Classe helft, die großen Kaufleute wissen sich selbst zu helfen. Die letztern sind hier u. in deröstlichen Schweiz überhaupt gegen den Franz. Fuß, weil sie behaupten, Basel müsse dann ihr Geldmarkt werden, wie bisher Augsburg [u.?] Frankfurt. Das ist nun meiner Ansicht nach ein sehr unpratiotischer u. deshalb nicht zu beachtender Einwurf; aber wer die kaufmänn. Jalou-sie gegenüber Basel, die der BundesR nicht kluger Weise jüngst noch mehr hervorrief kennt, wird darin nichts Auffallendes entdecken. Mögt ihr in Bern machen, was ihr wollt: Allen werdet ihr es diesmal kaum recht machen!

Hier nichts Neues – Samstag [gewöhnlich?] Ball in der Attingerei. Carli als Musicant – Heiri & ich als Tänzer – Hon. als Moralist Der Präsident als [Sünder?] – Brändli abwesend in [Gomor?] –

Hebe meine Briefe auf, wie ich die Deinen, wir wollen sie später drucken lassen: «Briefwech-sel eines Eidgen. Staatsmannes mit einem Particülar- Zürcherischen Idioten». –

Schreibst Du mir noch einmal, so wird es mich freu-en; wo nicht begreife ich es; denn Du bist sonst geplagt genug.

Stets Dein

E.

Z. 11. XII. 49.

Grüsse an alle Freunde!