Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Hans Locher-Wild

AES B0727 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#334*

Hans Locher-Wild an Alfred Escher, Zürich, Freitag, 7. Dezember 1849

Schlagwörter: Universität Zürich

Briefe

Hochverehrtester Herr!

Mögen Sie versichert sein, verehrter Herr, daß es in der That eines triftigen Motives bedarf, um den Unterzeichneten zu vermögen, sich mit einer Privatangelegenheit in Ihr Geschäftsleben zu drängen, welches gerade jetzt in mehr als gewöhnlichem Maaße für allgemeinere und umfassendere Interessen in Anspruch genommen ist. Auf der andern Seite hat aber derselbe geglaubt, daß auch unter solchen Verhältnissen und in einem solchen Kreise der Einzelne in dem Augenblicke, in welchem es sich um seine moralische Würde handelt, es wagen darf, ohne Scheu seine Stimme zu erheben und seine Ehre, sein Recht und damit sein Wohl zu wahren.

Nachdem mir schon seit geraumer Zeit das Benehmen der HH. Professoren Löwig und Hizzig gegen mich bei verschiedenen Gelegenheiten aufgefallen war, mußte mich endlich die Art und Weise, in welcher sich verwichenen Samstag im Docentenkränzchen der erstere jener beiden Herrn, neben welchen ich mich arg- und harmlos niedergesetzt hatte, betrug, auf die unzweideutigste Weise überzeugen, daß irgend etwas, wenn auch mir noch so unbekannt, vorgefallen sein müsse, um ein Benehmen zu erklären, das, so motivirt mir jetzt auch dasselbe von dem Gesichtspunkte der Herrn Professoren erscheinen mag, mich damals um so schmerzlicher berührte, als ich mich nicht der leisesten Schuld bewußt war und als es sich um einen meiner theuersten und hochverehrtesten akademischen Lehrer handelte. Ein Besuch, den ich behufs einer Aufklärung gleich am nächsten Morgen bei H. Pr. Löwig machte, hellte mich allerdings bald genug über die ganze Sache auf und wenn sich in Folge dieser Mittheilung meine Stimmung insofern wieder völlig beruhigen konnte, als mein Gewissen mich nicht nur aller und jeder Theilnahme an der niederträchtigen Korrespondenz, sondern aller und jeder Kenntniß derselben bis auf den genannten Augenblick frei sprach, so hatte auf der andern Seite der Gedanke für mich doch immerhin etwas fortwährend Bitteres und Peinigendes, in eine Angelegenheit verwickelt worden zu sein, welche überhaupt schon an und für sich ihren Urheber brandmarkt und deren besudelnde Tendenz dabei noch gegen Männer gerichtet ist, deren öffentliches und wissenschaftliches Leben | und Wirken von jeher von meiner reinsten Hochachtung begleitet wurde. Dieser Gedanke und dieses Gefühl haben mich veranlaßt, Ihnen, verehrtester Herr, durch vorliegende Zeilen die einfache Versicherung zu geben, daß ich jenem lügenhaften Aufsatze in der deutschen allg. Zeitung in Sinn, Wort und That so ferne stehe, als es nur irgend eine Person sein kann. Hiebei gestehe ich Ihnen offen, daß ich bis zu dieser Minute es noch nicht recht zu begreifen vermag, wie ein größerer Kreis der würdigsten und in jeder Hinsicht bedeutender Männer sich durch einen Umstand wie die zufällige, jedoch nur im allgemeinen Überblick sich kund gebende, keineswegs aber bei einer Detailprüfung fortbestehende Ähnlichkeit der Schriftzüge hat bestimmen lassen können, mit solcher Sicherheit und Überzeugung ihren Verdacht auf einen jungen Mann zu richten, dessen bisheriges Thun ihn vor den Augen des Publikums, dessen Herz ihn vor sich selbst von jedem solchen niedrigen Treiben frei spricht; denn mit einem gewissen schmerzlichen Unwillen erkläre ich mich fest und bestimmt dagegen, daß man aus meinem Referate der Herbstsitzung der med. chirurgischen Kantonalgesellschaft in der eidgen. Zeitung als Consequenz habe meine Urheberschaft der fraglichen Korrespondenz ziehen können und dürfen. In jenem Falle hatte es sich um einen rein wissenschaftlichen Zweck gehandelt und mochte die dort versuchte Darstellungsweise mir als dem jüngsten Mitgliede – wenn man denn einmal immer u. ewig nach dem Taufscheine fragt – nicht ganz angestanden haben, so hat der Aufsatz selbst Niemanden berechtigt, politische Konsequenzen, und noch dazu durch und durch falsche, daraus herzuleiten, und es ist der Artikel in der leipziger Zeitung und der meine in der zürcher Zeitung gerade durch jene Kluft von einander getrennt, welche feige tückische Anonymität und offenes Auftreten, und ferner noch durch jene unendlich tiefere und weitere Kluft, welch Unwahrheit von Wahrheit scheidet. Daß man aber nichtsdestoweniger geglaubt hat, eine Brücke über diese Kluft bauen zu können, sehen Sie, verehrtester Herr, das ist's, was mir weh gethan hat. –

Im Gefühle einer Hochachtung, ebenso tief als warm, zeichnet sich
Ihr ganz ergebener

Hans Locher, Dr Me.

Zürich.
7. Dec. 49. |

P. S. Nicht als ob ich befürchte, daß nach dieser wahr und unbefangen meinem Innern entquollenen Erklärung ein solch äußerer Umstand noch wesentlich bestimmenden Einfluß bei Ihnen haben werde, erlaube ich mir noch, Sie zu benachrichtigen, daß ich bereits vor mehrern Tagen nach Leipzig geschrieben und mir von der Redaktion die wenn auch negative doch für mich den grösten positiven Werth besitzende Erklärung gebeten habe, daß der Verfasser der fraglichen Einsendung nicht ich sei.

Kontexte