Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Dominik Steinauer

AES B0725 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#471*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 30

Dominik Steinauer an Alfred Escher, Einsiedeln, Samstag, 1. Dezember 1849

Schlagwörter: Flüchtlingspolitik, Kantonsrat SZ, Klöster (Aufhebungen), Landsgemeinde SZ, Liberale Presse, Parteienstreitigkeiten, Rechtliches, Regierungsrat SZ, Religion, Sonderbund, Sonderbundskriegsschuld

Briefe

Einsiedeln den 1 Dec. 1849.

Werthester Freund!

Seit dem die von Reding1 verfaßte Denkschrift2 um theilweisen Nachlaß der Kriegsschuld zum Zwecke der Erbauung von Strassen nach Bern abgegangen, gibt man sich hier von konservativer & liberaler Seite, versteht sich aus entgegengesetzten Gründen, der Hoffnung hin, daß dem Gesuch von der obersten Bundesbehörde entsprochen werden dürfte. Man rühmt allgemein die klare & gewissenhafte Auffassung mit der die Verhältnisse des Kantons Schwyz in ihrer Beziehung zur Eidgenossenschaft in dieser Schrift dargestellt werden & den versöhnlichen eidgenössischen Geist, welcher derselben als Folie dient. Ich in meinem Winkel bin natürlich außer Stande, die dießfällige Stimmung, die in Bern herrscht beurtheilen zu können, dennoch glaube ich aus Mittheilungen mehrerer liberaler Blätter & namentlich der N.Z.Z. & des Erzählers & ihren lobenden Erwähnungen über die Zustände des Kt. Schwyz entnommen zu haben, daß sich die Stimmung manches ehrenwerthen Eidgenossen gegen Schwyz wesentlich gebessert hat.

Dies veranlaßt mich Dir meine Gedanken, namentlich in Beziehung auf die erwähnte Denkschrift, mitzutheilen. Es ist nicht zu bestreiten, daß sich die Schwyzer Regierung bestrebt, durch manigfache legislatorische Abmühungen den Kanton in seinem Innern zu regeln; – mit andern Worten, an die Stelle der rücksichtlosesten Willkür | & Schurkerei früherer Zeit, ist nun die papierne Herrschaft der Verordnungen getretten. Daß aber damit allein nicht geholfen ist weiß Jedermann, sogar der Schwyzerbauer & daß es der Regierung mit der Durchführung ihre Beschlüsse & Verordnungen nicht besonders Ernst ist, oder daß es ihr dazu an Kraft gebricht, beweist mäniglich ihr hosensch.. . Auftretten in Bezirk Ammanns Düggelis3 Sache. – Doch so ganz ohne ist die Sache nicht, & es hat sich während zwei Jahren im Lande Schwyz Manches besser gestaltet. Daß aber auch der eidgenössische Sinn in den Herzen der Schwyzern erstarkte & sie sich den neuen Einrichtungen im Vaterlande allmählig mit Vertrauen nähern, wie der Erzähler meint, daran ist das Gegentheil wahr & leider hat die Regierung nicht wenig dazu beigetragen. Ich habe Dir früher ein Mal den schwyzerischen Kt.Rath geschildert & erzählt, wie es sich die Regierung angelegen sein ließ alle liberalen Elemente & vorzüglich die ältern Kräfte aus den Dreißiger Jahren fern zu halten, & so vollkommen gelang ihr damals ihr Werk, daß sie nun selber durch die unwägbare Zentripedalkraft ihres Kt.Rathes manchmal in Verlegenheit geräth & sich in ihrem staatsmännischen Pegasusfluge behindert sieht. Nicht besser hat es die Regierung getrieben als es sich um die Annahme zur Bundesverfassung handelte; die zur Verwerfung auffordernde Ansprache strotzte vor Sonderbundeien mit sanfter Hinweisung auf die heranziehende Religionsgefahr. Ebenso ungebahrlich benahm sie sich in der Flüchtlingsangelegenheit4; – mit einem Wort, sie | tritt der Eidgenossenschaft entgegen so oft sich der Anlaß biethet & bringt nur dann versöhnliche Worte & heuchelt eidgenössische Gesinnung wenn sie etwas haben will. Mit welcher Rücksichtslosigkeit man gegen die Eidgenossenschaft handelt beweist auch der Umstand, daß man immer die Rothesten in die eidgenössischen Behörden nach Bern schikt, so den ohrenspreitzenden Schorno5; den F. Öthiker6, der in der letzten Sitzung der Tagsatzung vor dem Beginn des Sonderbundskrieges von seinen Kollegen einen so zärtlichen Abschied nahm. – Noch einmal Robert eh' wir scheiden [f?] –

Ein Hauptgrund, auf welchen sich die Schwyzerregierung in ihrer Bitt- sage Bettelschrift stützt, ist die bedrängte ökonomische Lage des Landes. Schon gut. Aber warum wird die Schlußnahme der Landesgemeinde vom 15 Dec. 18477, welche die Anstifter des Sonderbundes für die Folgen als haftbar erklärt, so ganz der Vergessenheit anheimgegeben! Warum wird der von Säckelmstr. Fischlin8 hinterlassene Kostendefekt nicht eingetrieben! Warum wird Holdener9 wegen seinen tageskundigen Betrügereien & Unterschlagungen als Salzdirektor nicht ins Recht gefaßt! Warum läßt man den Düggelin wegen seinen saubern Postspekulationen10 so ganz ungeschoren! Und endlich das Kloster Einsiedeln. Warum wird in Beziehung auf dasselbe die Verfassung nicht zur Wahrheit gemacht. Weßhalb bleibt das Kloster | ausgenommen von der gesetzlichen Steuerbarkeit; auch welchen Gründen begnügt man sich mit einer freiwilligen Loskaufsumme von der allgemeinen & in Beziehung auf das Kloster besonders ausgesprochnen Steuerpflicht, während jeder arme Teufel genöthigt ist, seine Tasche am hellen Tag umzuwenden, um der Regierung eine wirklich ins Kleinlichte gehende Kenntniß seines Vermögenszustandes zu verschaffen!11 So lange man es nicht der Mühe werth hält mit dergleichen Sächelchen aufzuräumen, sollte man sich nicht über ökonomische Bedrängniß beklagen.

Sieht man aber von allem dem ab, so wird man doch zugestehen müssen, daß ein theilweiser Nachlaß der Kriegsschuld zu was immer für Zwecken bei der größten Zahl der Eidgenossen Unwillen hervorrufen & das Rechtsgefühl gröblich verletzen würde. Es bedarf nur einer ganz gewöhnlichen Überlegung, um sogleich herauszufinden, daß es eine baare Ungerechtigkeit ist, daß die Eidgenossen bei ihren vielen Opfern, die sie an Geld & Leben dem Vaterlande gebracht, den Anstiftern alles Unheils noch obendrein die Zeche bezahlen sollen. Und Landesverräthern & Feinden, die ihre goldnen Hoffnungen heute noch auf russische & östreichische Interventionen setzen, Straßen zu bauen, halte ich, gelinde gesagt, für eine Albernheit. –

Und was würde endlich mit einer solchen Milde gewonnen werden? Gerade das, was mit dem Nachlaß der Occupations Kosten in den Dreissiger Jahren12 gewonnen | wurde. Wie sehr die Wohlthat der Eidgenossen die Herzen der Schwyzer rührte & wie würdig sie dieselbe vergolten, das lehrt uns der Sonderbund. Ich weiß bestimmt, daß es, ich will nicht sagen Regierungs Mitglieder, aber viele Sonderbündler gibt, welche sich ob der Milde der Eidgenossenschaft in die Faust lachten & den ersten besten Anlaß benützen würden, das Volk unter Hinweisung auf die Nachgibigkeit & Schwäche der Bundesbehörde zu jrgend einem uneidgenössischen Unsinn aufzustacheln. O ich versichere Dich, es wurde gleich13 nach Okkupierung der Kantone genug, mehr als genug Milde geübt. Und wer bürgt am Ende für die Verwendung der Gelder im Sinne der erwähnten Denkschrift; wer bürgt endlich dafür, daß die Regierung die nächsten Wahlen überleben wird, ob sie vielleicht nicht einer vorsonderbündischen den Platz räumen muß! Eine zweite, höchst bedenkliche Folge hievon wäre die, daß die übrigen Sonderbundsstände sogleich bei der Hand wären, mit gleichen Gesuchen einzukommen. Da würde es an ein Betteln gehen. Eidgenössischen Brudersinn regnete es in Fülle & Ergebenheitsbezeugungen würden sich stromweis ergießen. Was gilts, Uri würde sich den Vorzug nicht rauben lassen, eidgenössischer als Zürich zu sein! Dies meine Ansichten über diesen Gegenstand; ich will Dich nicht bestimmen, sondern sie nur Deiner Beherzigung empfehlen. –

Grüsse an Dubs, Planta14 & andere Freunde.

Steinauer

Kommentareinträge

1 Nazar Reding (1806–1865), Landammann und Kantonsrat (SZ).

2Dokument nicht ermittelt. – Mit Schreiben vom 17. November 1849 gelangte die Schwyzer Regierung an die Bundesversammlung und bat darum, die am 1. Januar 1850 fällige Rate an der Sonderbundskriegsschuld für den Bau eines Hauptstrassennetzes einsetzen zu dürfen. National- und Ständerat beschlossen am 8. bzw. 11. Dezember 1849, nicht auf das Gesuch des Kantons Schwyz einzutreten, der bereits 1848 mit einem ähnlichen Antrag an die eidgenössische Tagsatzung gelangt war. Vgl. Behandlung des Gesuches des Kantons Schwyz, um Nachlaß seiner 1. Januar 1850 verfallenden Rate von der Sonderbundskriegsschuld, behufs Verwendung derselben zu seinen Straßenbauten, in: BBl 1849 III, S. 383, 393; Henggeler, Nachspiel, S. 28.

3 Josef Benedikt Düggelin (1795–1851), Bezirksammann der March (SZ). – Düggelin musste im Dezember 1847 sein Amt als Kantonsstatthalter abgeben und die untergeordnete Stelle eines Bezirksammanns übernehmen. Weil er mit seinen Geschäften stark im Rückstand war und Mahnungen der Schwyzer Regierung ignorierte, beantragte diese im September 1849 im Kantonsrat, Düggelin wegen «Vernachlässigung der Amtspflicht aus Vorsatz und der Widerspenstigkeit gegen die Obern» in den Anklagezustand zu versetzen, was gutgeheissen wurde. Steinauer spielt wohl darauf an, dass die Regierung Düggelin auch ohne Zustimmung des Kantonsrats in den gerichtlichen Anklagezustand hätte versetzen können. Statt dessen liess sie sich absichern, um nicht beschuldigt zu werden, sich an ehemaligen Machthabern rächen zu wollen. Bericht und Klage Düggelin, S. 34; Wyrsch, Reding, S. 236–237.

4Steinauer spielt vermutlich darauf an, dass der Kanton Schwyz im Juli 1849 angesichts der Niederschlagung der badischen Revolution und der dadurch ausgelösten Flüchtlingswelle offiziell erklärte, neutral bleiben zu wollen. Daraus schloss die «Neue Zürcher Zeitung», dass der Kanton sein Truppenkontingent zur Sicherung der Schweizer Grenze nicht stellen wolle. Ein Korrespondent berichtete, dass statt dessen ein Regierungskommissär ernannt und ermächtigt worden sei, Schwyzer Truppen an der Kantonsgrenze zu Zürich und St. Gallen zu stationieren, um den Eintritt badischer Flüchtlinge zu verhindern. Vgl. NZZ, 14. Juli 1849; Flüchtlingswesen, Absatz 32.

5 Karl von Schorno (1813–1874), Kantonsratspräsident und Ständerat (SZ).

6 Franz Anton Oetiker (1809–1852), Regierungsrat und Ständerat (SZ).

7Am 15. Dezember 1847 beschloss die Landsgemeinde, die abgetretene Regierung nicht zu entlasten und sie für die Folgen des Sonderbundskriegs als verantwortlich zu betrachten. Vgl. Schwyzerisches Volksblatt, 16. Dezember 1847.

8Vermutlich Wendelin Fischlin (1787–1849), Kantonssäckelmeister 1833–1847. – Jedoch schuldete auch alt Bezirkssäckelmeister Josef Fischlin dem Kanton Geld. Vgl. Wyrsch, Reding, S. 220.

9 Fridolin Holdener (1803–1849), alt Landammann und ehemaliger Salzdirektor.

10Sachverhalt nicht ermittelt.

11Steinauer spielt wohl auf die zur Deckung der Kriegsschuld erhobene Vermögenssteuer an, von der das Kloster Einsiedeln, das sich anderweitig an der Begleichung der Kriegskosten beteiligte, befreit war. Vgl. Henggeler, Nachspiel, S. 33.

12Ein Verfassungsstreit führte 1831 zur Abspaltung des «Kantons Schwyz äusseres Land». Angesichts anhaltender politischer Spannungen beschloss die eidgenössische Tagsatzung im August 1833 die Besetzung beider Kantonsteile und verfügte deren Wiedervereinigung. Die Besatzungskosten wurden dem «Kanton Schwyz inneres Land» auferlegt. 1835 trat die Tagsatzung auf ein Gesuch des wiedervereinigten Kantons Schwyz ein und erliess dem Kanton einen Grossteil der noch ausstehenden Zahlungen. Vgl. Wyrsch, Schwyz, S. 44; Steinauer, Geschichte Schwyz II, S. 196; HLS online, Schwyz (Kanton); Heinrich Schweizer an Alfred Escher, 14. / 23. August, 4. September 1838, Fussnote 6.

13Sofortige Korrektur, zuvor «schon».

14Vermutlich Andreas Rudolf von Planta (1819–1889), Grossrat und Nationalrat (GR), Bezirksgerichtspräsident (Maloja).