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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Schweizer

AES B0724 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#452*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 29 | Jung, Aufbruch, S. 865 (auszugsweise)

Heinrich Schweizer an Alfred Escher, Rüti (ZH), Dienstag, 27. November 1849

Schlagwörter: Bundesfinanzen, Eidgenössische Universität (Projekt), Eisenbahngesetze, Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Kirchenrat ZH, Landesverteidigung und Militär, Nationalratspräsident, Personelle Angelegenheiten, Religion, Währungssystem

Briefe

Rüti 27 Novbr 1849.

Mein Lieber!

Obschon ich Deine Eröffnungsrede bereits in der Beilage zur N. Z. Zeitung1 aus Dir leicht erräthlichen u. nahe liegenden Gründen mit dem größten Interesse gelesen, so war mir doch Deine freundschaftliche Zusendung derselben eine überraschende, aber höchst willkommene Erscheinung. Sie war u. ist mir ein lieber, sprechender Beweis, daß Du auch mitten in Deinen Staatsgeschäften u. umgeben von Größen jeder Art des fernen, einsam u. stille seines Amtes lebenden Landpastors freundlich eingedenk bist. Glaube es mir, wenn ich Dir sage, daß ich b. d. Durchsicht der öffentlichen Blätter, welche mir zu Handen kommen, jede Stelle zwei u. drei Mahle durchlese, welche von Dir oder über Dich lauten. Ich kann nun einmal nicht anders; mein ganzes Wesen ist an Dich gekettet u. hängt mit einer Liebe an Dir, die mit den Jahren nicht schwächer geworden ist, die vielmehr, wenn schon mehr innerlich lebend, sich steigert, ja höhere u. weitere Ansprüche an Dich u. Dein öffentliches Wirken für Gegenwart u. Zukunft, fürs engere u. weitere Vaterland sich geltend machen. Es gereicht mir stets zur wahren Seelenfreude, wenn Deine Bestrebungen mit gesegnetem Erfolge gekrönt werden u. ein ruhiges u. competentes Urtheil Dir Anerkennung werden läßt. Gibts doch der gemeinen Kläffer nach links u. nach rechts so manche, welche jene verdächtigen u. verhudeln möchten. Eines gewährt mir dabei stets einen wahren Triumph, daß sie Deinen persönlichen Charakter nicht antasten können u. daß gerade die Einsichtsvollsten u. Edelsten zu Dir stehen. Schon oft dachte ich bei solchen Angriffen: Je edler u. vortrefflicher das Obst, desto mehr macht sich das Ungeziefer daran!

Aus Deiner Rede sind mir besonders 2 Punkte als vom höchsten Gewichte vorgekommen, beide wahre Existenzfragen für uns: die Eisenbahnen u. die eidsgenössische Hochschule. Wie jene die materiellen, so soll diese die intellectuellen u. geistigen Lebenskräfte unserm Lande bringen u. bewahren, wenn wir nicht vom neuen Völkerverkehr u. Völkerleben ausgeschlossen werden sollen. Hoffentlich werden die äußern Mittel für die eisernen Bahnen für unser Land sich ebenso wohl finden lassen, als in den oft so tief in Staatsschulden eingeklemmten monarchischen Staaten, u. unser republikanisches Ländchen sollte doch auch bei den Geldspeculanten wenigstens so viel Credit finden, als jene! Gewiß wird der Patriotismus der Bürger, wenn dieser einmal in Anspruch genommen wird, sich auch wieder bewähren. – Was die eidsgen. Hochschule betrifft, so ist da jedes Wort Deiner Rede mir aus dem Herzen gesprochen u. ich möchte Dir für diesen zeit- und ortsgemäßen Passus meinen wärmsten Dank sagen. Wofür auch ich in meinen Studienjahren fast geschwärmt; was zu Anfang der Dreißigerjahre Gegenstand meiner schönsten Hoffnungen gewesen; was die neue Bundesverfassung in Aussicht gestellt hat: das wird doch, so Gott will, nicht ins Reich utopischer Träume gehören, sondern in nicht zu ferner Zukunft seine Verwirklichung finden können. Hic Rhodus, hic salta!2 möchte ich Dir u. jedem Dir gleich Gesinnten zurufen, u. Dich bitten, daß Du diese Lebensfrage Dir bei jedem Anlaße zu einem ceterum censeo3 wählen mögest!

Mein Besuch auf Belvoir während der letzten Synodaltage lebt in sehr angenehmer u. dankbarer Erinnerg bei mir fort. Wäre die Entferng von R.4 nur nicht so groß, so würde ich einem innern Zuge dorthin mehr folgen, da es mir e. wahres Bedürfniß ist, directe mich vom Befinden des lieben, verehrten Kleeblattes5 dort öfter überzeugen zu können. – Wärest Du gegenwärtig in Zürich, so könnte ich nicht umhin, den « Herren Kirchenrath » einiger Maßen zu belästigen. In Goßau nämlich ist die Stellung des Vicars eine höchst betrübende u. unglückliche, zumal mit Hinsicht auf die Bedürfnisse d. Gemeinde. Der schlaue Hr. Pastor6 wußte jenes Johanneische Wort: «Er muß wachsen, ich aber abnehmen»7, in umgekehrtem Sinne geltend zu machen. In Folge einverlangter Berichte u. persönlichem Einvernehmen mit dem Vicar (Hr. Tobler8 ) wird u. muß d. Bezirkskirchenpflege um Versetzg dieses gutmüthigen, aber unerfahrenen u. tactlosen Mannes beim KRathe einkommen. Hier bedarf es für den in der Berücksichtigg nur seiner Personal-Interessen maßlosen Hrn Pfarrers eines Amtsgehülfen, der mit schon gemachten Erfahrungen ruhige Umsicht u. Selbstständigkt des Charakters verbindet, um festen u. sichern Schrittes aufzutreten und im ganzen ihm zugetheilten Wirkungskreise handeln zu können. Ohne das wird aus übel nur ärger. Hr. Tobler hätte nie nach G. kommen sollen; u. jetzt wäre es wohl gethan, wenn der Kirchenrath e. tüchtigen Vicar bestimmen würde, ohne dabei etwa nur von den Wünschen des Pfarrers sich leiten zu lassen. Das heikle Geschäfte einer Berichterstattg u. Antragstellg an d KR. ist e. Arbeit, die ich in diesen Tagen zu besorgen habe. – In Fischenthal stehen d. Actien f. Spyri9, der gestern Hochzeit gemacht, ganz prächtig. Es soll ihm auf den 19 Decbr. ein solenner Einzug u. Empfang bereitet werden. Charakteristisch f. d. Fischenthaler! Doch genug solcher profanen u. speziellen Mittheilungen für den theuern Hrn Präsidenten d. Nationalrathes; indessen doch e. kleines Intermezzo in den eidsg. Militär- u. Münzgefechten. Decretirt uns e. Münzfuß, bei dem auch der Arbeiter u. Bauer wohl fährt u. die reichen Herren zu Crösus10 werden; u. rüstet u. waffnet unser Volk so, daß Alle dieser Kraft sich getrösten u. ruhig ihres Schutzes sich freuen dürfen. Aber militärpflichtig mit 17 Jahren: ach, Katechismus u. Exerciren wollen nicht recht zus. passen!

Nun aber lebe recht wohl, mein herzlich Lieber! Dank Dir f. Deine Begrüßung! Gott segne u. stärke Dich in dem hohen Amte, zu dem Du berufen bist, u. lasse Dich gesund u. befriedigt bald wieder zu den verehrten Deinen heimkehren.

In steter herzlicher Liebe u. Treue Dein

H. S.

Kommentareinträge

1 Vgl. Escher, Rede NR (12. November 1849). – Die Rede erschien auch in der «Neuen Zürcher Zeitung». Vgl. NZZ, 17. November 1849 (Beilage).

2Hic Rhodus, hic salta! (lat.): Hier ist Rhodos, hier springe! Übertragen: Zeig hier, was du kannst!

3Ceterum censeo (lat.): Im übrigen meine ich... (als Ausdruck einer vehement vertretenen Ansicht).

4Gemeint ist Rüti (ZH).

5Gemeint sind wohl Alfred Escher und seine Eltern Lydia Escher-Zollikofer und Heinrich Escher.

6 Heinrich Waser (1785–1852), Pfarrer in Gossau (ZH).

7 «Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.» Johannes 3, 30 (Luther-Bibel).

8 Johann Rudolf Tobler (1824–1884), Pfarrvikar in Gossau (ZH).

9 Johann Ludwig Spyri (1822–1895), Pfarrverweser in Fischenthal

10Krösus: steinreicher Mann, Millionär.