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Korrespondenz: Alfred Escher – Franz Hagenbuch

AES B0721 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#244*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 28

Franz Hagenbuch an Alfred Escher, Zürich, Sonntag, 25. November 1849

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahngesetze, Eisenbahnlinie Zürich–Basel, Flüchtlingspolitik, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Nationalrat, Regierungsrat ZH, Verfassung ZH

Briefe

Zürich 25 Nov. 49.

Mein Freund!

Für die gefällige Mittheilung deiner Eröffnungsrede1, welche sogar in den Debats Anerkennung gefunden hat, meinen verbindlichsten Dank; noch mehr für deinen Brief, der mich so «zart» an meine Pflichten erinnert. Einen schlimmern Berichterstatter hättest du aber auch nicht wählen können, als mich, der mutatis mutandis2 lebt, wie ein Einsiedler.

In der Anlage erhältst du einen Auszug aus dem Tableau über die Volksabstimmung , das ich unter vielem Brummen erst gestern so weit fertig brachte, als bis jetzt bei den noch mangelnden & fehlerhaften Verbalprozessen möglich war. Du wirst dich selbst überzeugen, daß von einer Opposition im ernstern Sinne nirgends die Rede war, sonst wäre der Besuch ein zahlreicherer gewesen. Über diese Theilnahmlosigkeit schreibt Statthalter Schenk3, man solle sie nicht bösem Willen zumessen, namentlich über das Gesetz betr: Einführung des Directorialsystems haben die Leute keine klare Ein| sicht, & seien überdieß von der Voraussetzung ausgegangen, da der Reg:Rath & Gr: Rath die Sache reiflich geprüft & angenommen haben, so müsse sie auch gut sein. Also ein Vertrauensvotum! Es mag dieß theilweise richtig sein, allein es läßt sich gewiß nicht läugnen, daß unsere Leute abgespannt sind, & nicht diejenige Theilnahme am öffentlichen Leben – wohl zu unterscheiden von politischem Fieber, das man einem gleich ins Gesicht wirft – zeigt, welche in einer Republik wichtig ist, & ohne welche eine Regierung nichts kräftiger durchführen kann.

Nicht uninteressant ist, daß in den kleinsten Gemeinden die meisten Stimmenden erschienen.

Wenn ich nicht irre – ich habe das Tableau nicht gerade vor mir – ist Geroldschweil die einzige Gemeinde, welche alle 3 Verfassungsgesetze verworfen hat. Ich glaube, es wurde ihr an die neue Straße ein Staatsbeitrag verweigert. Überhaupt &. s. f.

Die Eitelsche Motion4 wird doch wenigstens eine motivirte Tagesordnung zur Folge haben, denn das Benehmen Drueys5 ist doch gar zu seltsam. Der Nationalrath hat ein eigenes Loos: Der Bundesrath bringt ihn immer in Alternativen, bei denen er um des lieben Frie| dens willen zum Verfahren des Bundesrathes contre cœur ja & Amen sagen muß. Ob dieses halten wird, weiß ich nicht.

Über allfällige Betheiligung des hiesigen Handelsstandes bei Bildung einer Aktiengesellschaft für eine Wallenseestraße kann ich dir noch nichts berichten. Würden wohl die Aktien aus dem Ertrage von Weggeldern verzinst? Übrigens schiene mir, die Eisenbahnfrage sollte vor Allem in Angriff genommen werden & würde dann so viel Kräfte in Anspruch nehmen, daß die Wallensee straße füglich auf dem Papier bleiben dürfte. Denn darüber werdet ihr wohl einig sein, daß, brächte man bloß das Projekt einer Eisenbahn von Basel nach Zürich oder auch Constanz, man ausgelacht würde, & daß nur eine großartige Bahn durch die Schweiz Aussicht auf Erfolg hätte.

Vielleicht berichte ich dir später noch einiges über die Verfassungsabstimmung, da ich Gelegenheit habe, die Verbalprozesse auswendig zu lernen; erst muß ich das Tableau anfertigen, dann bilde ich mit Hüni6 eine Commission, die dasselbe prüfen & die nöthigen Anträge hinterbringen muß. – Wunderli7 & Weber8 (beide | Criminalrichter) sollen gegen Einführung des Directorialsystems intriguirt haben. Bei dergleichen Anlässen lernt man seine Leute kennen.

Herzliche Grüße von meiner Frau9, die sich wie die Kleine10 wohl befindet, vornämlich aber von

Deinem

Hagenbuch.

P. S. Von deinem Schreiben11 an den Reg.Rath hat man Vormerk im Protokoll genommen; das Zartgefühl der Canzlei hätte, wenn es im Reg.Rath sich Geltung verschaffen dürfte, auf Verdankung angetragen.

Kommentareinträge

1 Vgl. Escher, Rede NR (12. November 1849).

2Mutatis mutandis (lat.): unter Berücksichtigung der Verschiedenheiten.

3 Johann Jakob Schenk (1778–1862), Grossrat (ZH) und Statthalter des Bezirks Andelfingen.

4 Jules Eytel (1817–1873), Grossrat und Nationalrat (VD). – Zur Motion Eytel Alfred Escher an Franz Hagenbuch, 23. November 1849.

5 Henri Druey (1799–1855), Bundesrat (VD); Vorsteher des Justiz- und Polizeidepartements. – Sachverhalt nicht ermittelt.

6 Vermutlich Heinrich Hüni (1790–1854), Regierungsrat (ZH).

7 Johann Rudolf Wunderli (geb. 1810), Kriminalrichter.

8 Rudolf Weber (geb. 1814), Kriminalrichter.

9 Cleophea Elisabetha Hagenbuch (1820–1894), Tochter von Ottilia Magdalena und Hans Conrad Ott-Usteri; Ehefrau von Franz Hagenbuch.

10 Elisabetha Hagenbuch (geb. 1849), Tochter von Cleophea Elisabetha und Franz Hagenbuch.

11Schreiben nicht ermittelt.