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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B0720 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 27 | Jung, Aufbruch, S. 370 (auszugsweise), 552 (auszugsweise)

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Samstag, 24. November 1849

Schlagwörter: Ausländische Einmischungen (Schweiz), Bundesrat, Eisenbahngesetze, Eisenbahnlinie Zürich–Basel, Flüchtlingspolitik, Freundschaften, Konflikte mit Drittstaaten, Kunst und Kultur, Nationalrat, Neuenburger Frage (1848–1857), Revolutionen (1848/49), Verfassung ZH

F. G. Ehrhardt
Cantons Fürsprech in Zürich.

Zürich, den 24. November 1849.

Mein lieber Escher!

Diese Zeilen werden Dir wahrscheinlich während einer nicht sehr angenehmen Discussion in Eurer Hohen Behörde in die Hände kommen. Ich meine, daß Montag die Eitelsche1 Interpellation gegenüber dem Bundesrathe, dessen auswärtige Politik betreffend sehr cum ira et studio2 dürfte behandelt werden. Wenn diese ganze Frage in der französ. Schweiz nicht populärer ist, wie in der östlichen, namentlich in unserm Cantone, so kann ich nicht begreifen, wie man gerade sie zum Paraderosse seiner parlamentarischen Beredsamkeit u. Thätigkeit auswählen kann. Wenn die Zürcher in Bern etwas thun wollen, um ihre gute Popularität daheime einzubüßen, so mögen sie sich an die Welschen in dieser Frage anschließen. Ich habe in jüngster Zeit mich wiederholt u. bei Leuten die gar nicht zu den Conservativen zählen überzeugt, daß die Politik des Bundesrathes gerade so weit geht, wie sie gehen darf. Der letztebundesr. Ausweisungsbeschluß3 hat zwar nicht gefallen; allein dies Mißfallen erstreckt sich nicht auf die große Anzahl derjenigen, die zwar keine hervorstechenden Rollen in der Politik spielen u. spielen wollen, aber in ihren engern Kreisen auch ihr Wort mitsprechen. Die geringste Fatalität von Außen her brächte Alles in den Harnisch u. leider ist man nur zu sehr der Ansicht, daß man den Frieden nach Außen hin durch Nachgeben u. Gefälligkeiten aller Art am besten erhalten kann. Eine auswärtige Politik die weiter geht, als die bundesräthliche würde sicherlich desavouirt vom Volke u. deshalb bleibt es immer meine Ansicht, sich in dieser Sache keinen Spies zu kaufen. Es nützt nichts, es hilft nichts zum allgemeinen Bestenu. der populärste Mann kann sich damit u. seine Parthei nur in Verlegenheit bringen. Steiger4 in St. Gallen hat so ziemlich recht in dem Erzähler; wenn er nur in der Form etwas mehr Urbanität hätte. Was ich Dir da schreibe ist gewiß für niemand niederschlagender, als für mich, da ich die traurigen Folgen einer Politik ohne Energie gegenüber dem reactionären Auslande für gewisse Eventualitäten z. B. die Neuenb. Frage, mir recht gut | vorstellen kann; allein die gleiche so naheliegende Reflection hat gewiß auch der Bundesrath gemacht u. nur einem nicht unrichtigen Gefühl von der vorherrschenden Schwäche bei einem großen Theile seiner nicht sehr gefügigen Unterthanen trugen die nothwendige Rechnung, wenn nicht alle Beschlüsse die Spuren großer Energie gegenüber dem Auslande an sich tragen. Man sollte gewiß den Bundesrath in dieser Frage nicht fallen lassen, denn die Welsch-Berner Politic wäre si5 cherlich ohne alle Sympathie in der ganzen östlichen Schweiz u. in ihren Consequenzen machte sie die Stellung der Schweiz rein unhaltbar gegenüber dem Auslande, das sie vielleicht gar nicht ungerne sehen würde. Alles für einen honetten Frieden mit dem Auslande! N. B. An dieser ganzen Ergießung hat mein Verstand eigentlich mehr Theil als meine Ueberzeugung!

Die Münzfrage bildet hier mehr das Gespräch der Intelligentern. Die Kaufleute sind ziemlich gleichgültig, namentlich die größern, die ganz richtig sagen, daß für sie im großen Verkehre jedes Münzsystem so ziemlich gleichgültig sei, weil sie sich auf andre Weise gegen Nachtheile zu schützen wissen. – Aber für den kleinen Verkehr bringt jede Veränderung, am meisten wohl die bevorstehende, eine wahre Revolution hervor. Der wahrscheinlich unvermeidliche Unglückspunkt ist, daß wir die Reichsmünzen nicht los werden. Wir haben jetzt schon einen gesetzlich so niedern Cours für dieselben, daß sie bei Befolgung desselben bei uns nicht circuliren könnten; allein sie sind zu einem abusiven Curse da u. werden zu einem solchen wohl auch dableiben. Dann kommen wir aber aus dem Regen in die Traufe. Am günstigsten ist man wohl im Canton für einen zweifachen Münzfuß gestimmt u. auch darüber: ob wir den franz. oder deutschen Fuß erhalten dürften die Ansichten sehr verschieden sein. Diejenige Classe der Gesellschaft, die später am meisten hierüber lärmen wird | u. einen Mordspectakel bekommen wir so oder so – sagt einstweilen noch nichts, weil sie noch weniger wie nichts von der Theorie dieser Angelegenheit begreift. Ich weiß es nicht: ob es nicht am besten wäre, jetzt noch nicht zu entscheiden, sondern die Sache noch einmal unentschieden mit nach Hause zu bringen u. sich da lieber zweimal als einmal aufs Genauste zu erkundigen. Wenn nur Speisser6 nicht über diesen Handel so verdammt einleuchtend geschrieben hätte, es scheint Niemand etwas tüchtiges dagegen sagen zu können, u. dennoch hat man das dunkle Gefühl, daß sich allerlei dagegen sagen ließe. Nun die patres conscripti7 sollten doch wohl den Nagel auf den Kopf treffen. Der Bundesrath hat sich hier geschadet, daß er nur einen Experten aus der westlichen Schweiz hinzugezogen hat. Ueberhaupt sollte er Basel nicht so augenfällig bevorzugen, das macht kein gutes Blut; denn die Basler sind die [Mäzenas?] der übrigen Schweiz nicht im hohen Grade.

Hier sagt man allgemein Basel wolle gerade durch seinen fingirten Eifer die Eisenbahn hintertreiben, namentlich wenn es die (unausführbare) Hauensteinbahn portiren würde. Die Eisenbahnfrage wäre gewiß die, welche die h. Bundesversammlung am meisten recommandiren könnte. Selbst eine Zinsgarantie würde man dem Bunde nicht übel nehmen. Schaut, daß Ihr eine decretirte Bahn mit in die Provinzen bringt.

Doch jetzt Satis Superque8 über Staatliches! |

Am vergangenen Dienstag war ich mit Heini9 im Belvoir. Dein Vater war sehr munter u. auch Deine Mutter, die sich die Tage seither nicht ganz wohl gefühlt hatte, wurde durch unsere (vortreffliche) Gesellschaft zum Vergessen ihres Unwohlseins gebracht. Gestern sah ich Deinen Vater im Theater, wo er mir mittheilte, daß der letzte Brief von Dir vom herrlichsten Humor zeuge. Wie trefflich, daß die Residenzluft einen so guten Einfluß auf Dich hat. Hüte Dich nur vor den fatalen Nebeln der Tiefe, die häufig deprimirende Einflüsse haben sollen.

Finsler10 hat die Erwägungen11 immer noch nicht gemacht.

Deine Bekannten sind alle wohlauf. Wir sehen uns jetzt öfters im Theater, wo wir so glücklich sind Herrn Strigelli12 zu bewundern, so gestern in Norma13.

Du hast recht: durch die letzte Abstimmung14 haben wir wieder so manches f..... L...... kennen gelernt; allein die Frage ist für das große Publicum zu indifferent, um darauf große Folgen bauen zu können. Der großen Masse ist es gleichgültig: ob Director oder Collegium. Die Gegner vom neuen System waren nur gewisse Magnaten, die dadurch um Hoffnungen ärmer gemacht sind.

Wenn Du diesen Brief von hinten zu lesen anfangen würdest so würde ich Dich von seiner Lectüre dispensiren; denn jetzt erst kommt mir in den Sinn, daß er wohl kaum Lesers werth ist.

Grüsse an Bekannte! Stets Dein

G.

Kommentareinträge

1 Jules Eytel (1817–1873), Grossrat und Nationalrat (VD).

2Cum ira et studio (lat.): mit Zorn und Eifer, im Gegensatz zu wertfrei/unparteiisch (sine ira et studio).

3Gemeint ist wohl das Kreisschreiben des Bundesrates vom 19. November 1849, das ein ergänzendes Verzeichnis derjenigen Flüchtlinge umfasste, welche das Land infolge des Bundesbeschlusses über die Ausweisung der Flüchtlingschefs vom 16. Juli 1849 zu verlassen hatten. Bereits am 1. November hatte der Vorsteher des Justiz- und Polizeidepartements, Henri Druey, die Kantone dazu aufgefordert, die süddeutschen Flüchtlinge zu einer Rückkehr in ihre Heimat aufzufordern, weil für einfache Freischärler, Soldaten und Unteroffiziere keine Gefahr mehr bestünde. Vgl. Angelegenheit dt. Flüchtlinge, Kreisschreiben BR (19. November 1849); Angelegenheit dt. Flüchtlinge, Kreisschreiben EJPD (1. November 1849); Flüchtlingswesen, Absatz 34.

4 Georg Peter Friedrich Steiger (1804–1868), Regierungsrat und Ständerat (SG), Redaktor des «Erzählers».

5Sofortige Korrektur, zuvor wohl: «gewiß».

6 Johann Jakob Speiser (1813–1856), Basler Bankier und eidg. Münzexperte. – Speiser war vom Bundesrat im August 1849 mit der Ausarbeitung eines Gutachtens über die eidgenössische Münzreform und eines entsprechenden Gesetzesentwurfs beauftragt worden. Speiser publizierte diverse Schriften zum Thema Münzreform. Vgl. Speiser, Expertenbericht Münzwesen; Weißkopf, Münzwesen, S. 68.

7Patres conscripti (lat.): ehrenwerte Senatoren.

8Satis superque (lat.): genug und noch darüber.

9Person nicht ermittelt.

10Vermutlich Hans Georg Finsler (1800–1863), Grossrat und Präsident des Obergerichts (ZH).

11Sachverhalt nicht ermittelt.

12 Giorgio Stighelli (1815–1868), Tenor.

13«Norma»: tragische Oper von Vincenzo Bellini.

14Gemeint ist die Volksabstimmung über die Einführung des Direktorialsystems. Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, 15. November 1849; Turicensia, Absatz 9.