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Korrespondenz: Alfred Escher – Franz Hagenbuch

AES B0719 | ZBZ FA Escher vG 207.103

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 26 | Jung, Aufbruch, S. 368 (auszugsweise), 550 (auszugsweise)

Alfred Escher an Franz Hagenbuch, Bern, Freitag, 23. November 1849

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahngesetze, Flüchtlinge (Baden), Flüchtlingspolitik, Landesverteidigung und Militär, Nationalrat, Postwesen, Verfassung ZH, Währungssystem

Briefe

Mein lieber Freund!

Ich ersuche Dich, mir so beförderlich als möglich, ein Tableau der Volksabstimmung über das Directorialsystem in den einzelnen Gemeinden zu übersenden.

Im Nationalrathe berathen wir ruhig & friedlich das Gesetz über das Kriegswesen1. – Die Münzfrage wird wohl im Sinne des Anschlusses an das Französische System gelöst werden. – Nächsten Montag wird in Folge einer Motion von Eitel2 ein Vorpostengefecht auf dem Felde der Flüchtlingsangelegenheit | Statt finden. Zu der Eitel'schen auswärtigen Politik können wir nicht wohl stimmen. Es ist nur zu bedauern, daß dann fast nichts anderes übrig bleibt als dem Druey'schen3 System, dessen Consequenz einzig in der Extravaganz, bald links & bald rechts, besteht, zu Gevatter zu stehen. – An einer energischen Anhandnahme der Eisenbahnangelegenheit durch die Bundesbehörden arbeite ich zur Zeit noch unter der Hand so viel ich kann. – Der Gedanke der Wallenseestraße ist auch wieder aufgenommen worden. Es ist eine Conferenz4 mit Beziehung auf dieselbe abgehalten worden. Frage doch Deinen verehrten Herrn Schwiegervater5, inwiefern eine Betheiligung des | Zürcherhandelstandes bei der Bildung einer Actiengesellschaft, die etwa ein Capital von 200/m Fl. bedürfen würde, zu erwarten steht. – An der Herabsetzung der Personenposttaxen auf den Localcursen stoße ich soviel ich kann.6 Hilft alles nichts, so mache ich eine Motion im Nationalrathe.

Gestern habe ich Dir meine Rede7 geschickt.

Laß doch bald etwas von Dir hören. Aufrichtig & zart gesagt, kömmt es mir vor, Du habest eher Zeit mir zu schreiben als ich Dir. Notizen über Deine Wahrnehmungen bei der Verfassungsabstimmung wären mir erwünscht.

Herzliche Grüße an Dich & die Frau Gevatterinn8, sowie an das Gottelchen9, | das, ich fürchte es, mich in den Zeiten meiner Blüthe nicht mehr kennen lernen wird. Oder sind diese Zeiten etwa jetzt schon vorbei?

Ganz Dein

A Escher

Bern
23. XI. 49.

Kommentareinträge

1Der Nationalrat beriet zwischen dem 13. November und 7. Dezember 1849 den Gesetzesentwurf über die eidgenössische Militärorganisation. Nach Bereinigung der Differenzen zwischen den beiden Räten konnte das Gesetz am 8. Mai 1850 verabschiedet werden. Vgl. Entwurf eines Bundesgesetzes über die Militärorganisation der Schweizerischen Eidgenossenschaft [...], in: BBl1849 III, Beilage Nr. 1 nach S. 148 (S. 1–58); Gesetz über die Militärorganisation der schweizerischen Eidgenossenschaft (vom 8. Mai 1850), in: BBl 1850 II, S. 119–182; Kern, Repertorium I, S. 14, 18.

2 Jules Eytel (1817–1873), Grossrat und Nationalrat (VD). – Die von Eytel am 22. November 1849 im Nationalrat eingebrachte Motion verlangte, dass der Bundesrat erstens der Bundesversammlung Bericht erstatte über seine auswärtige Politik mit besonderer Berücksichtigung der badischen Flüchtlingsangelegenheit und zweitens dem Nationalrat Einblick in sämtliche diesbezüglichen Akten und Korrespondenzen gewähre. Darüber hinaus forderte er die vorläufige Suspendierung der Bundesratsbeschlüsse vom 1. und 19. November 1849 betreffend die Ausweisung zahlreicher Flüchtlinge. Nach intensiver Diskussion wurden die beiden ersten Forderungen in abgeschwächter Form angenommen. Vgl. Kern, Repertorium I, S. 15; NZZ, 27. November 1849, 28. November 1849, 29. November 1849; Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, 24. November 1849, Fussnote 3; Flüchtlingswesen, Absatz 34.

3 Henri Druey (1799–1855), Bundesrat (VD); Vorsteher des Justiz- und Polizeitdepartements.

4Sachverhalt nicht ermittelt. – Im Januar 1850 reichten 138 Handelsunternehmen beim Zürcher Regierungsrat eine Petition zur Förderung des Strassenbaus am Walensee ein. Der Kommission, die sich mit dieser Frage befasste, gehörten neben Alfred Escher auch Johann Jakob Rüttimann und Paul Karl Eduard Ziegler an. An mehreren Konferenzen zwischen den interessierten Kantonen St. Gallen, Graubünden, Glarus und Zürich wurden Pläne für eine Walenseestrasse und Finanzierungsfragen diskutiert. Vgl. Alfred Escher an Johann Baptista Bavier, 9. März 1850; Johann Baptista Bavier an Alfred Escher, 13. März 1850; Prot. RR Kt. ZH, 7. Februar 1850, 30. März 1850, 16. Mai 1850, 26. September 1850, 3. Oktober 1850, 15. Oktober 1850, 26. Oktober 1850.

5 Hans Conrad Ott-Usteri (1788–1872), Kaufmann.

6Mitte Dezember 1849 vermeldete die «Neue Zürcher Zeitung», dass für das kommende Jahr eine Herabsetzung der Personenposttaxen in der Region Zürich zu erwarten sei. Vgl. NZZ, 15. Dezember 1850.

7 Vgl. Escher, Rede NR (12. November 1849).

8Vermutlich Cleophea Elisabetha Hagenbuch (1820–1894), Tochter von Ottilia Magdalena und Hans Conrad Ott-Usteri; Ehefrau von Franz Hagenbuch.

9 Elisabetha Hagenbuch (geb. 1849), Tochter von Cleophea Elisabetha und Franz Hagenbuch.