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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B0710 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 24

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Donnerstag, 15. November 1849

Schlagwörter: Ausländische Einmischungen (Schweiz), Bundesrat, Flüchtlingspolitik, Konflikte mit Drittstaaten, Polemiken und Anwürfe (Escher), Rechtliches, Verfassung ZH

Briefe

Mein lieber Escher!

Obschon kein speciellerer Grund, als meine Sehnsucht nach Dir, vorliegt, welcher Veranlassung sein könnte, an Dich zu schreiben, so bin ich von Deiner freundschaftlichen Nachsicht gegen mich so sehr überzeugt, als daß ich nicht hoffen dürfte, daß auch so ich Dir brieflich nahen darf u. ich fühle um so eher das Bedürfniß, da die nächsten Tage es mir wohl unmöglich machen werden, die erforderliche Mühe zur Correspondenz mit hohen Personen zu finden.

Zuerst will ich Dich wegen der nächstbevorstehenden Verf.Abstimmung1 zu beruhigen suchen. Seit Deiner Abreise war ich in Andelfingen, Winterthur, Uster u. Bülach. Ueberall ist man der festen Ueberzeugung, daß angenommen u. nicht verworfen werde. Ganz unbefangene Personen sind dieser festbegründeten Ansicht. Von Intriguen habe ich auch nichts vernommen; selbst die Conservativen treiben es nicht stark mit Ausnahme der Gegend von Bauma, wo Gujer2 allerdings dagegen thut, was er kann. Nun dafür ist er Regierungsstatt halter. In Bülach ist, u. wie ich heute vernommen einzig im ganzen Bezirke, Landschreiber Meyer3 thätig dagegen. Von Präs. Lips4 u. BR Laufer5, die wohl persönlich dagegen sind, habe ich hingegen gar nichts gehört. Von allen Statthaltern ist Unholz6 am thätigsten dafür. | Zwar wird die Theilnahme an der Abstimmung nicht sehr bedeutend werden; allein angenommen wird jedenfalls; denn auch die Berichte aus den übrigen Bezirken sind gut u. nur Brändlin7 ist noch voller Zweifel u. Furcht.

Der Ausweisungsbeschluß gefält in den Kreisen, in welchen er schon bekannt ist, allgemein nicht. 8 Nicht wegen Interesse an den ausgewiesenen Personen, sondern weil niemand an der Influenz von Außen her zweifelt u. man kann sich dieser Annahme gar nicht erwehren, wenn man bedenkt, daß die Motive, welche in der Persönlichkeit der Ausgewiesenen u. der Sache selbst liegen können, schon vor Monaten vorlagen u. die Ausweisung damals, als dies bei andern der mehr Compromittirten geschehen ist, ebenso gut wie jetzt motivirt war. Besonders wenn man auf die Schlußbemerkung von Drüeis9 Kreisschreiben10 Rücksicht nimmt, scheint ein förmlicher Handel abgeschlossen zu sein: Für jedes Hundert von dem großen Haufen, die wieder zurückdürfen, muß irgend ein mehr hervorragende Person ausgewiesen werden. Das kann in der That noch weit führen, wenn der Bundesrath ferner für alle solche Begünstigungen, eine allzugroße Willfährigkeit haben sollte. Bollier hat an Rüttimann geschrieben. So sehr er früher die Ausweisung billigte, so sehr ist er jetzt dagegen. Dennoch wäre es nicht gut, wenn man dem Bundesrath in den Versammlungen hierüber stark zusetzen | wollte. Die ganze Flüchtlingsfrage ist bei der großen Masse u. auch bei dem intelligentern Theil ungeheuer unpopulär u. man kann sich daran nur die Finger verbrennen. Uebrigens was ich da schreibe ist nur Referat von Gehörten. Ich bin ein viel zu guter Unterthan, als daß ich mir Zweifel an der Infallibilität einer obersten Landesbehörde erlauben möchte. Persönlich freut es mich, daß kein Sachse unter den Ausgewiesenen ist, wie auch Keiner sich bei der Blumschen11 Gedächtnißfeier sich betheiligte.

Am Dienstage war ich im Belvoir, um Deinem Vater die Beendigung der Kublischen12 Affaire mitzutheilen. Wir waren beide zufrieden, daß ihm gegenüber Verleumdung angenommen war – Dein Vater befand sich damals wieder recht wohl u. auch deine Mutter fand dies. Nur Abends vorher war sie sehr ängstlich gewesen, doch mochten die Fatiguen des Martinstages viel Schuld daran gehabt haben, daß er da gerade einen unangenehmen Abend hatte. Deine Mutter hat übrigens an mir eine sehr erfreuliche Entdeckung, nemlich eine genaue Bekanntschaft mit der guten Stadt Constanz gemacht, weshalb unsre mehrstündige Unterhaltung sich hauptsächlich um diesen Centralpunkt herumdrehte. |

Neuigkeiten der Provinz von Intresse für die, welche in der Residenz leben giebt es nicht. Bollier war einige Tage nicht wohl, befindet sich aber heute wieder ordentlich.

Wie stehst Du mit Furrer? Suche Dich doch so gut wie möglich mit ihm zu stellen. Du kannst dann auf ihn gewiß gut einwirken u. besonders die Politik des Bundesrathes nach Außen, die doch zum größten Theil durch ihn bestimmt werden kann, modifiziren helfen. Wenn die Schweiz nur Muth zeigt, so hat sie bei den jetzigen politischen Constellationen nichts zu befürchten; denn zu gemeinsamen Maßregeln gegen sie, können sich die Großmächte nie vereinigen.

Dir wegen Deiner Eröffnungsrede13 ein Compliment zu machen, hieße Wasser ins Meer tragen.

Grüsse von hier an Dich u. von mir an Bekannte!

Stets Dein

E.

Zürich
den 15. November 1849.

Kommentareinträge

1Am 18. November 1849 sprachen sich die Stimmberechtigten des Kantons Zürich über drei Verfassungsgesetze aus, welche neben der Einführung des Direktorialsystems und der Abschaffung des Dreiervorschlages bei der Wahl von Geistlichen und Lehrern auch die bevorstehende Volkszählung betrafen. Alle drei Verfassungsgesetze wurden angenommen. Vgl. NZZ, 5. Dezember 1849; Turicensia, Absatz 9.

2 Heinrich Gujer (1801–1868), Grossrat (ZH) und Statthalter des Bezirks Pfäffikon.

3 Hans Konrad Meier (geb. 1795), Grossrat (ZH), Landschreiber und Bezirksrichter (Bülach).

4 Melchior Lips (1809–1900), Grossrat (ZH), Gemeindepräsident von Kloten und Zunftgerichtspräsident des Wahlkreises Kloten-Bassersdorf.

5 Konrad Lauffer (1820–1852), Grossrat (ZH) und Bezirksrichter (Bülach).

6 David Unholz (1801–1851), Grossrat (ZH) und Statthalter des Bezirks Bülach, Arzt.

7 Benjamin Brändli (1817–1855), Grossrat und Kantonsprokurator (ZH).

8Sachverhalt nicht ermittelt. – Am 19. November 1849 beschloss der Bundesrat die Ausweisung weiterer Flüchtlinge. Ob ein solcher Schritt bereits im Vorfeld diskutiert wurde und an die Öffentlicheit gelangte, ist unklar. Vgl. Angelegenheit dt. Flüchtlinge, Kreisschreiben BR (19. November 1849); Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, 24. November 1849.

9 Henri Druey (1799–1855), Bundesrat (VD); Vorsteher des Justiz- und Polizeidepartements.

10Gemeint ist möglicherweise das Kreisschreiben vom 1. November 1849. Vgl. Angelegenheit dt. Flüchtlinge, Kreisschreiben EJPD (1. November 1849); Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, 24. November 1849; Flüchtlingswesen, Absatz 34.

11 Robert Blum (1807–1848), verstorbener Abgeordneter Sachsens in der deutschen Nationalversammlung. – Zusammen mit drei weiteren Abgeordneten der deutschen Nationalversammlung war Blum im Oktober 1848 nach Wien gereist, um den Aufständischen eine Sympathieadresse zu überbringen. Blum beteiligte sich aktiv an der Verteidigung der Stadt gegen die anrückenden kaiserlichen Truppen, wurde gefangengenommen und am 9. November 1848 standrechtlich erschossen. Vgl. NDB II, S. 322–324.

12 Kaspar Kubli (1777–1864), Kaufmann. – Der juristische Streit zwischen Kubli und der Familie Escher reicht bis ins Jahr 1845 zurück. Nach dem Tod von Alfred Eschers Onkel Friedrich Ludwig Escher versuchte Kubli öffentlichkeitswirksam, dessen Schulden beim mutmasslichen Erben Heinrich Escher einzutreiben. Ausgetragen wurde der Streit in der Presse, mit kleinen Schriften und in mehreren Gerichtsprozessen. Mit der Verurteilung Kublis wegen Verleumdung im November 1849 fand der Streit ein vorläufiges Ende. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 199–212.

13 Vgl. Escher, Rede NR (12. November 1849).