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Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Stämpfli

AES B0687 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#466*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 21 | Gauss, Briefe, S. 102–104 (auszugsweise)

Jakob Stämpfli an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 13. September 1849

Schlagwörter: Bankwesen (allgemein)

Briefe

Bern den 13 Sept. 1849.

Mein hochverehrtester Freund!

Wegen des Artikels im Unabhängigen1 bleibt es bei meiner letzten Meinung. Hier spricht Niemand von dem Artikel oder wenn es geschieht im Sinne der Entrüstung u. Mißbilligung. Daß man Ihnen deshalb etwas anhält, davon keine Spur.

Ueber unsere Kantonalbank2 folgendes. Dieselbe ist eine reine Staatsanstalt und arbeitet rein mit einem Staatskapitalfond von 3 Mill. Franken (Schweizer-), welcher ihr natürlich unabhängig von dem übrigen Staatsvermögen & ganz getrennt davon zugeschieden ist. Die Bank ist wesentlich eine Kredit- & Depositobank; auch macht sie Scontogeschäfte. Das Nähere über ihre Geschäftszweige ersehen sie aus dem Reglement welches ich Ihnen beilege3. Die Wirksamkeit der Anstalt betreffend, so kann diese der größern Industrie & dem größern Handel in unserm Kantone trefflich zu statten. Sie machte nämlich den Privatbankiers eine höchst wohlthätige Koncurrenz, vermehrte eben für diesen Handel & diese Industrie das Kreditkapital um etwa 6 Mill. – denn soviel betragen die von der Bank eröffneten Kredite – und brachte eine gewisse Stätigkeit in den Zinsfuß und den Sconto des hiesigen Platzes, indem sie durch augenblickliche Fluktuationen auf den auswärtigen Geldmärkten sich weniger schnell influiren ließ als dies bei Privatbanken zu geschehen pflegt. So setzte sie in der großen Krise von 1847 und 18484 ihre Geschäfte ununterbrochen fort, während die hiesigen Privatbanken alle ihre Verbindungen auf längere oder kürzere Zeit einstellen mußten. Der Nutzen und die Wohlthat des Institutes wird daher hier von dem höhern Handels- und Gewerbsstande allgemein anerkannt.

Nicht so wohlthätig wirkte sie in einer andern Beziehung: sie gab nämlich auch Anleihen auf Obligationen auf 6 Monate. Durch üble Anwendung dieses Geschäftszweiges erhielten auch sehr viele Landwirthe Zutritt & bekommen Geld bei der Bank. Nach und nach häuften sich aber die Obligationen auf; diese Landwirthe konnten nach 6 Monaten das Geld in der Regel nicht wieder erlegen und mußten, nachdem Jahre lang | vergeblich gewartet worden, endlich betrieben werden. Im Jahre 1846 betrug die Summe der auf solche Art rückständigen Obligationen bei £ 500,000. Die Bank, wenn sie ihrem Zweck entsprechen soll, kann aber solche Kapitalsummen nicht im Ausstande haben, das Geld muß sich periodisch kehren. Eine Million, die sich in einem Jahre zweimal kehrt, richtet im Verkehr das Doppelte aus was eine andere Million die nur einmal thut. Genug, diese Erfahrung belehrte uns, so daß wir seit 1846 die Darlehn auf Obligationen ganz eingestellt haben. Die Landwirthe begriffen die Maßnahme; sie nennen bezeichnend jetzt noch die Bank eine Anstalt zum «leichtsinnigen Schuldenmachen», und dies drückt den Mißstand allerdings am besten aus, der in dieser Beziehung eingetreten war. Den Bedürfnissen der Landwirthschaft entspricht nun eine andere, im Jahre 1846 ins Leben gerufene Anstalt, nämlich die Hypothekenkasse, die mit einem Fond von 5 Mill. ausgestattet worden und zu Darlehn auf Liegenschaften nach dem Ammortisirungssystem bestimmt ist. Von dieser Anstalt lege ich Ihnen ebenfalls ein Reglement bei5, so wie auch ein von mir verfaßter Aufsatz: «Hauptgedanken für eine allgemeine Hypothekenschuldentilgungskasse»6 aus welch Letztern Sie entnehmen werden, wie ich diese Anstalt weiter zu entwickeln gedenke. Die Idee ist der Ausarbeitung begriffen und wird nächstens zur Ausführung kommen.

Für unsere höhere Industrie & Handel wäre demnach durch die Bank und für die Landwirthschaft durch Hypothekenanstalt gesorgt und es fehlt nur noch die Sorge für die kleine Industrie & den kleinen Handel, der in unserm Kantone verhältnißmäßig von größerer Bedeutung als die Großindustrie ist. In dieser Beziehung war unsere Bank bisher mangelhaft, es klebte ihr die gewöhnliche Einseitigkeit aller heutigen Geld- und Kreditinstitute an, die nur den Reichen helfen, den Mittelstand und die ärmere Klasse aber ignoriren oder vernachläßigen. Darüber klagt man hier gegen die Bank. Deshalb bin ich gegenwärtig auch mit einem Gedanken beschäftigt, der dem Uebelstande wenigstens so weit als möglich abhelfen sollte. Dies | geschähe durch Herstellung von Filial- oder Lokalbanken in der Weise, daß die Gewerbsgenossen eines bestimmten Ortes zu einem Kreditvereine sich vereinigen, welcher im Falle des Kreditbedürfnisses eines Einzelnen über die Sicherheit u. s. w. entscheidet. Die Bank würde nicht dem Einzelnen, sondern dem ganzen Vereine den Kredit eröffnen und dies wiederum auch nicht für jeden einzelnen Fall, sondern im Ganzen und zum Voraus für eine den Verhältnissen des Orts entsprechende Summe: Dem Kreditvereine von Bern z. B. für £ 100,000, demjenigen von Biel für £ 50,000 &. So kann nach meiner Ansicht den kleinen Gewerben wenigstens in etwas geholfen werden; was ihnen fehlt, ist daß sie ihren Kredit nicht geltend machen können; der Staat soll daher Anstalten errichten, die ihnen dies ermöglicht. Doch ist dies vorläufig nur die Idee; die Ausführung muß ich natürlich noch näher überlegen.

Ob Ihnen diese Notizen über unsere Bankverhältnisse genügen werden, weiß ich nicht. Verlangen Sie ungescheut weitere Auskunft & nähere Mittheilungen; ich stehe jeden Augenblick zu Diensten. Was uns hier die Sache erleichterte, war die Dotirung der Bank durch Staatskapital; wenn Sie dort nicht das gleiche können, so werden Sie weit mehr gehemmt sein; denn alsdann fällt die Anstalt wiederum in die Hände der gewöhnlichen Geldmänner.

Für heute schließe ich mit diesem Stoffe ab. Ergreifen Sie die Initiative zur weiteren Fortsetzung unserer Korrespondenz; mir thut so eine Abschweifung nach Zürich – wenn auch nur in Gedanken – jedesmal wohl. Theilen Sie das nämliche Gefühl, so versetzen Sie sich hin und wieder auch nach unserer westlichen Welt.

Meine herzlichsten Grüße

Stämpfli.

Kommentareinträge

1Gemeint ist wohl ein Artikel unter dem Titel «Rothe Briefe von Zürich. II.». Weitere Artikel sollten folgen. Vgl. Der Unabhängige, 1. September 1849. – In einem früheren Brief setzte sich Stämpfli eingehend mit dem Thema Presseangriffe auseinander. Vgl. Jakob Stämpfli an Alfred Escher, 6. September 1849.

2Die Berner Kantonalbank wurde im Jahr 1834 errichtet. Sie war die erste ihrer Art auf dem Gebiet der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Als Folge der Monetarisierung der Wirtschaft und des Aufschwungs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Nachfrage nach Krediten und Zahlungsmitteln stark gestiegen und konnte von den bestehenden Institutionen nicht mehr befriedigt werden. Um auch der Mittelschicht und den Bauern den Zugang zum Kreditmarkt zu erleichtern, wurde eine staatliche Bank gegründet. Die radikal-liberalen Machthaber beabsichtigten mit diesem Schritt nicht zuletzt, den Einfluss der Finanzaristokratie des Ancien Régime einzudämmen. Vgl. HLS online, Kantonalbanken.

3Beilage nicht überliefert. – Es handelt sich vermutlich um folgendes Dokument: Revidirtes Reglement Kantonalbank.

4Die angesprochene Krise hatte ihren Ursprung in der europäischen Agrarkrise der Jahre 1845–1847 (Missernten beim Getreide, Auftreten der Kartoffelkrankheit) und wurde durch die Wirren des Sonderbundskrieges zusätzlich verstärkt. Vgl. HLS online, Konjunktur.

5Beilage nicht überliefert. – Gemeint ist das Gesetz über die Errichtung einer Hypothekarkasse vom 12. November 1846. Vgl. Gesetz Hypothekarkasse Bern 1846.

6Beilage nicht überliefert. – Es handelt sich wohl um einen in der «Berner Zeitung» erschienenen Aufsatz. Vgl. Stämpfli Jakob, Hauptgedanken für eine allgemeine Hypothekarschuldentilgungsanstalt (Aus der Berner Zeitung abgedruckt), o. O. o. J.

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