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Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Stämpfli

AES B0683 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#466*

In: Gauss, Briefe, S. 100–101 (auszugsweise)

Jakob Stämpfli an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 6. September 1849

Schlagwörter: Bundesrat, Kommissionen (eidgenössische), Liberale Presse, Nationalrat, Parteienstreitigkeiten, Rechtliches, Regierungsrat BE

Briefe

Bern 6 Sept.

Mein hochgeachteter Freund!

Es war mir sehr leid, und ich entschuldige mich bei Ihnen jetzt noch darüber, daß Sie mich an dem zum Abschiede bestimmten Orte nicht getroffen haben. Zwischenfälle, die in meiner Geschäftssphäre so häufig sich darstellen, waren die Schuld, daß ich etwas später, als Sie schon da gewesen waren, eintraf. Indes, dies äußere Verfehlen ändert an unserer innern Verbindung und Sympathie nichts, deßen seien Sie von meiner Seite versichert und ich bin es auch von der Ihrigen.

Einige Vorwürfe über mein Verhalten im Nationalrathe habe ich hier allerdings erfahren, jedoch haben diese bei mir kein anderes Gefühl, keine andere Unannehmlichkeit, hervorgerufen, als womit mich die ganze Geschichte von Anfang an erfüllt hatte. Dieses «Verkleistern» und «Verschlucken» der bundesräthlichen Mißgriffe & Politik fiel mir selber auf, gleich wie Ihnen und Anderen Mitgliedern der Kommißion. Indes wenn unser Verfahren den Umständen angemeßen; hätten ich oder wir Wenige einzig zu entscheiden gehabt, dann wäre die Möglichkeit freilich schon eine andere gewesen. Was mich seitdem ärgerte, ist einzig der Umstand, daß der Bundesrath unsere Winke sehr wenig zu Herzen genommen zu haben scheint. Dies wird seine Früchte tragen. Für meine Person sind jene erhaltenen Vorwürfe übrigens von durchaus keinen Folgen & keiner Bedeutung.

Von dem Artikel im Unabhängigen hatte ich hier bis jetzt gar nichts sprechen gehört bis Vorgestern ein Freund von mir zufällig & im Vorbeigehen davon Erwähnung that. Ich legte der Sache so wenig Gewicht bei, daß ich das Blatt nicht las bis heute wo Sie mich darauf führen. Aufsehen macht der Artikel hier nicht im Geringsten; der Unabhängige ist sehr schwach verbreitet und genießt nur bei Leuten Ansehen, deren Charakter zu dem Inhalte des Blattes paßt und diese sind hier im Kantone nicht dick gesaet. An Ihrer Stelle würde ich daher nichts vorkehren. Ich werde aber noch den Eindruck von Kreisen her zu vernehmen suchen, mit welchen ich weniger in Verbindung stehe. Nach 2 od. 3 Tagen werde ich Ihnen darüber bestimmt schreiben . Inzwischen legen Sie der Sache jedenfalls keine Bedeutung bei.

Ich bin mit Ihnen einverstanden über die fatalen Extravaganzen eines Theiles der hiesigen Preße. Sie sind selbst in Bezug auf unsere kantonalen Verhältniße von nicht förderlichem Einfluße, indem die Gegner des jetzigen Systems sie als Erscheinungen des Abscheues zu benutzen | streben. Doch betrachtet man sie bereits mit weit ruhigerm Blute als anfangs. Als der Unabhängige z. B. seine ersten Aufsätze über Kommunismus & brachte, entsetzte sich Jedermann, der noch etwas besaß, fürchterlich. Wie man aber sah, daß diese Theorien fruchtlos abprallten und wie Dunst & Nebel von den Sitten und Gesetzen des Volkes sich auflösten und verschwanden, schwand die Furcht gänzlich und Jedermann ist jetzt geheilt von dem Wahne, daß zur Einführung des Kommunismus man nur zu predigen und zu schreiben brauche. Das Publikum hat damit die Furcht und die Preße ihre Autorität in diesem Punkte verloren. Das ist nach meiner Ansicht die gute Seite von der schlechten Preße: sie zehrt an ihrem eigenen Einfluße, an ihrer eigenen Autorität. Deshalb war ich und bin noch jetzt gegen amtliche Verfolgungen von schlechten Systemen oder Theorien der Preße; die Bernerregierung hat seit 1846 auch nicht einen einzigen solchen Prozeß angehoben und sie fuhr sehr gut dabei und nach meiner Ansicht hat sich unter diesem Systeme auch der Sinn des Volkes für eine edlere Haltung der Preße entschieden gebeßert: die extravaganten Blätter werden sich nicht lange mehr halten können.

Von schlimmerem Charakter sind freilich die sitten- und würdelosen Angriffe gegen Behörden und Magistratspersonen und dabei spreche ich namentlich mein Bedauern über die oft bis in die gemeinsten Beschimpfungen übergehenden Angriffe gegen die Bundesbehörden aus. Dies muß in der übrigen Schweiz einen schmerzlichen Eindruck machen. Die Regierung von Bern befindet sich aber auf einem eigenthümlichen Standpunkte, den ich Ihnen kurz erörtern will. Bis zum Jahre 1846 hatten wir hier ein sog. «Achtungsgesetz» und «Klagen von Staatswegen in Preßsachen», wenn Behörden oder Beamte angegriffen waren. Die abgetretene Regierung hatte in der Zeit ihrer Krisis einen unverantwortlichen Mißbrauch von diesem Rechte gemacht, indem im Verlaufe eines halben Jahres gegen Oppositionsblätter nicht weniger als 25 Preßprozeße anhob. Dies hatte wesentlich zu ihrem Sturze beigetragen, und als hierauf die neuen Behörden eintraten war einer der ersten Akte: Aufhebung des Achtungsgesetzes & der Klagen von Staatswegen in Preßsachen, so weit diese Angriffe gegen Beamten oder Behörden enthalten. Deshalb hat die jetzige Regierung bis jetzt konsequent an dem Grundsatze festgehalten , wegen Angriffen gegen sie oder gegen untergeordnete Beamte nicht von Amtswegen einzuschreiten. Für sich selbst könnte sie zwar auch nach dem jetzigen Systeme jeden Augenblick selbst als Behörde klagend auftreten; allein sie thut es nie, ungeacht in hiesigen Oppositionsblättern oft sehr herbe Angriffe & Verläumdungen gegen sie enthalten | waren. Und bei diesem Verhalten ist sie sehr gut gefahren: Die Angriffe haben sich selbst abgestumpft, das Volk, die öffentliche Meinung legt ihnen kein Gewicht bei. Wären wir umgekehrt verfahren, es hätte den Angriffen Bedeutung, Schärfe & Nachhaltigkeit verliehen.

Daher kommt es denn auch, daß hier den Angriffen gegen den Bundesrath, wenn sie in der beschimpfenden Form, wie sie oft vorkommen, auch verachtet werden, doch keine Bedeutung oder doch eine sehr geringe beigelegt wird. Allein ebenso begreiflich ist, daß in den andern Kantonen, wo man die hiesige Auffaßungsweise nicht kennt, sie Aufsehen und Schmerz erregen müßen: Das mindestens sollten diese hiesigen Extravaganten bedenken und beachten.

Die fatalste Folge von Allem dem wird aber darin bestehen: daß das in der eidgenößischen Verfaßung vorgesehene Preßgesetz um so schärfer ausfallen und um so mehr Druey'sche Staatspolizei & Staatspraxis in sich aufnehmen wird, was ich unendlich beklagen, aber freilich auch begreiflich finden würde.

Weil die Poststunde naht, so breche ich für heute ab. Ueber die Kantonalbank & Anderes werde ich Ihnen nach 2-3 Tagen schreiben .

Empfangen Sie meine herzlichsten Grüße

Ihr Ergebener

Stämpfli.

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