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Korrespondenz: Alfred Escher – Paul Karl Eduard Ziegler

AES B0672 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#566*

Paul Karl Eduard Ziegler an Alfred Escher, Bad Kissingen, Dienstag, 31. Juli 1849

Schlagwörter: Ausländische Einmischungen (Schweiz), Bundesfinanzen, Bundesrat, Eidgenössische Kommissäre Nordgrenze, Flüchtlinge (Baden), Flüchtlingspolitik, Freiburger Konflikte (1848 ff.), Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Konflikte mit Drittstaaten, Kuraufenthalte, Landesverteidigung und Militär, Nationalrat, Politische und wirtschaftliche Sanktionen, Revolutionen (1848/49), Sonderbund, Souveränität (nationale), Ständerat, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

Kißingen den 31 Juli 49

Hochgeachteter Herr Bürgermeister!

Aus den Zeitungen entnehmen wir Schweizer in hier (circa 14) mehr noch, als aus den Privatbriefen, was im Vaterländchen vorgeht, und wohl dürfte Keiner unter uns sein der nicht die Sache ganz anders ansieht, als dieß nicht der Fall zu sein scheint in unserer Heimat. Vielleicht hat es einiges Intereße für Sie auch aus dem Ausland von Schweizern zu vernehmen was man von dem Truppen aufgebot & von der Nothwendigkeit deßelben oder dem Zuweitgehen in dieser Beziehung hält. Ich mache mir daher ein Vergnügen daraus Ihnen mitzutheilen was ich weiß.

In Kißingen halten sich viele Preußen auf und Alle sind der Meinung, daß keine Rede davon sei, daß Preußen unter den obwaltenden Verhältnißen daran denken könne, irgendwie mit den Waffen in der Hand gegen die Schweiz etwas zu unter nehmen. Familien die gerne noch nach der Schweiz reisen möchten, haben um sicher zu gehen, sich bei guter Quelle in Berlin erkundigen laßen, ob sie dieß wagen dürften & die Antwort war ganz beruhigend.

Der weitaus größte Theil der Bevölkerung in Franken des Königreichs Bayern ist radikal, & überdieß den Preußen nicht hold; allein auch diese sind ganz der gleichen Meinung. Man müße zwar auf der Hut sein, die Preußen seien aber zu vernünftig, als daß sie sich in einen Kampf mit der Schweiz einlaßen sollten, der ihnen sehr gefährlich werden könnte, mit Rücksicht auf die allgemeine Stimmung in Deutschland. Kurz alles was man hier hört deutet daraufhin, daß man wieder einmal in der Schweiz die Sachen anders ansieht, als sonst in der übrigen Welt nicht, oder daß man sich durch einige (durch die Flüchtlinge geleiteten) Magistrats personen der Schweiz, unrichtig hat berichten laßen, sofern nicht bei dem Einen und Andern das Gewißen sich regt, & in dieser Unruhe, die Ursache, in dem was geschieht, gesucht werden muß. Hätte man stets nur vor der eigenen Thüre gekehrt es wäre beßer gelaufen. Uns, in hier, kömmt das Truppenaufgebot von 24,000 Mann als ein übereiltes vor, um so eher, als die Bundesversammlung welche auf Morgen zusammen treten soll | noch zeitig genug zusammengekommen wäre um ein größeres Truppenaufgebot anzuordnen wenn ein Solches wirklich erforderlich geworden. Hätte in der Zwischenzeit der Bundesrath 10,000 à 12,000 Mann aufgeboten, es wäre übrig genug gewesen, & wird nunmehr die aufgebotene Truppenmaße reduzirt, so steht er wieder mehr oder weniger komprometirt da. – Es will demselben doch auch gar nicht gelingen in einen festen geregelten Gang hineinzukommen. Als die Freischaaren aus dem Badischen sich unserer Gränze nahten geschah zu wenig & die Anordnungen waren sehr Mangelhaft getroffen; dann das taktlose entsenden des Bundespräsidenten, der ersten Person der Schweiz, zu Unterhandlungen mit einem auswärtigen Minister & nun wieder zuviel in dieser Sache, aus Furcht, oder wir wollen noch annehmen um zu imponiren. Dieses Letzere kömmt aber nicht zur Zeit, wenn man gegen 3,000 Mann Reichstruppen schon 24,000 Mann in's Feld rücken läßt, & darüber hinaus noch (auf Verlangen des Hrn Commißärs) ein Bataillon ( No 29) u eine Batterie von Zürich in aller Eile, & warum? Damit die Heßischen Truppen von Büsingen abziehen wie es nie günstiger für sie hätte geschehen können, auch ohne Unter handlung, das heißt, begleitet durch eidg: Truppen oder Commißarien. So erscheint [...?] uns die Sache, und wir sind um so mehr der Meinung, daß man sich hat ein schüchtern laßen, weil in keiner Zeitung etwas von gestellten Forderungen oder eingegangenen Noten steht. Das Schönste dabei ist, daß man in einer und derselben schweizerischen Zeitung liest, man werde die Kosten nicht erschwingen können, & dann in der folgenden Nummer, die Preußen habe dieses Truppenaufgebot genirt, weil sie einige Landwehr Regimenter haben zurückkehren laßen wollen. Laße man doch einmal diese Großhansereien bei Seite, & denke, daß alle Truppen gern im Feld stehen bleiben sobald sie sehen daß es etwas absetzen könnte, weil sie dann eben die Nothwendigkeit einsehen unter den Waffen zu bleiben; indeß die Politik unter solchen Verhältnißen verstummt, daß die Gouverments der auswärtigen Staaten sich deßhalb viel beßer stehen; & daß Preußen seine Armee länger wird zu be zahlen vermögen als wir. –

Wenn man so ein Bischen entfernt ist von Hause so sieht man die politischen Verhältniße viel ruhiger an als bei Hause & es wäre gewiß sehr gut die Schweiz | hätte gute Correspondenten, aber nicht Einseitige, auswärts. Wir wollen nun aber annehmen Preußen achte weder das Völkerrecht noch die Gebräuche. Ergehen keine diplomatische Noten & Drohungen einer Kriegserklärung voran, nun so wird man doch gewiß mittelst ein Paar Tausend Franken ausfindig machen können, wie viel Truppen und auf welche Entfernung von der Schweiz sie stehen; - ausfindig machen können, welche Disloca tionen Statt finden; – berechnen können, ob 10,000 Mann für einmal zur Deckung unserer Gränzen genügen & wie bald die erforderliche Zahl unter den Waffen wären.

Wollte man weiter gehen, warum stellt man nicht die Stäbe auf, & läßt jeder Division ca 4,000 Mann en attendant & jeder Brigade 2,000 Mann, damit doch wenigstens der Stab sich gehörig organisiren & die erforderlichen Rekognoscirungen vornehmen kann.

Wenn ich je froh war nicht im eidg: Stab zu sein, so war es jetzt; denn nichts fataleres kenne ich, als jeden Augenblick unter den Waffen zu erscheinen, wenn es sich nur um einen gewöhnlichen Dienst handelt deßen die Leute nur zu bald satt werden, & wenn ich daher je wieder in den Stab treten müßte, so werde ich mich in erster Linie nur für den betreffenden Feldzug verpflichten & sollte man darauf nicht eingehen wollen, meinetwegen, so mag man sich anderwärts umsehen. Was ich im Regierungsrath gesagt habe, das werde ich auch halten, d. h. wenn es zum Kampf kömmt, so stehe ich ein, so lang wenig stens, als es sich um Behauptung unserer Unabhängigkeit & geht u Selbständigkeit handelt, nicht aber wenn ein Allierter etwa diese Unabhängigkeit für uns erkämpfen soll. Ich ziehe vor zu unterliegen, als einem Andern unsere Freiheit (gepaart mit Schande) verdanken zu müßen. Mit dem Gang unserer Angelegenheiten kann ich [...?] eigentlich nicht zufrieden sein. Statt an einer allgemeinen Amnestie zu arbeiten, zieht man die Berathung wegen den Reklamierenden von Freiburg & Luzern in die Länge, der Bundesrath hat den Muth nicht das Wort für diese zu ergreifen, obgleich seiner Zeit die öffentlichen Blätter durchweg die Art wie in Freiburg zu rank gegangen worden, verdammte & obgleich jenem Volke eine octroirte Verfaßung, in der freien Schweiz, zu Theil wurde.

Man ließ unbenützt den schönen Entschluß von Zug vorübergehen um auch Luzern zu einem Schritt der Art zu vermögen. Man ruft die Truppen der Sonderbundskantone unter die Waffen, aber man hat nicht den Muth den Schleier der Vergeßenheit über die Sache zu ziehen | & tüchtige und brauchbare Offiziere, welche gestrichen worden; wieder in den eidg. Stab zu ziehen; hingegen hat man seiner Zeit den Hrn Ochsenbein der nicht etwa für eine Regierung sondern gegen eine Regierung kämpfte, bald nachdem er durchgestrichen worden, wieder in den Stab aufgenommen. Es deutet dieß daraufhin, daß die Liberalen & Gemäßigten sich vor den Radikalen noch fürchten, & dieß ist was mir im höchsten Grad mißfällt. & Der geeigneteste Zeitpunkt tüchtige Offiziere die gestrichen worden sind wieder für den Stab zu gewinnen, wäre eben der gewesen wo ein starkes Truppen Aufgebot statt findet.

Was mich anbetrifft, so werde ich es auch nicht vergeßen, daß meine Dienstleistungen damit verdankt wurden, daß einige Gesandtschaften ( Druy & Schmid von Solothurn etc) damals als ich meine bedingte, nicht unbedingte Entlaßung verlangte, da im schänzelnden Tone sich dahin äußerten, man werde sich nicht binden laßen, wenn es Einem nicht gefalle so möge er gehen. Die Zeit der Abrechnung ist nun an den Offizieren die man noch brauchen kann, & die großen Herren hätten in der letzten Zeit aus den Zwisten des Herrn Ochsenbeins mit den Herren von Orelli & Denzler sehen können, wohin man kömmt, wenn man glaubt, man könne hier so zu Werk gehen, wie mit einem Angestellten deßen Beruf es ist & welcher durch zwanzig andere ersetzt werden kann. Der durch & durch unpraktische Monsieur Druey mag dann selbst komman diren; Ueberhaupt hat man in unsern Großen Räthen & zum Theil auch in den Bundesbehörden keinen Begriff von der Verantwortlichkeit eines Kommandirenden, ja mancher Kommandirende ist hierüber selbst im Unklaren & hat nur das Soldäteln im Kopf. Genug hievon, denn groß intereßieren kann es Sie nicht; allein es ist mir erwünscht, daß Sie meine Gesinnungen in dieser Beziehung kennen, damit Sie sich bei Gelegenheit darüber äußern können; denn ich möchte dem Bundesrath eine Ernennung bezüglich meiner Person ersparen die ich vielleicht ausschlüge. Kann man mich berufen so mag man mich darüber anfragen, wenn es losgeht, sonst ist es beßer man unterlaße es. Ich überlaße die Ehre recht gerne Andern. –

Da ich zur Stunde noch durchaus keine Gefahr für unser Vaterland erblicke, so setze ich die begonnene Cur fort, hoffe aber bald zu vernehmen, daß die Sachen | sich wieder beßer gestaltet haben werden & man unser Bataillon vom zweiten Auszug & die Batterie wieder werde entlaßen haben.

Ich dachte auch schon daran, ob man, sofern man noch mit Badischen Abgeordneten unter handelt, nicht etwa darauf-hin arbeiten könnte, eine Schatzung über die Pferde vorzunehmen, um für den Fall wo die Unterhandlungen nicht bald zu Ende gelangen sollten, dieselben zu verkaufen, in der Meinung, daß man dem badischen Gouvernement darüber Rechnung hielte, für den Fall, wo es ohne Krieg ablaufen sollte. Es könnte namentlich bei einem Feldzug uns ein solcher Verkauf gut zu Statten kommen, sowohl dem Staat als einer Menge von Offizieren, freilich müßte ein badischer Bevollmächtigter bei der Schatzung anwesend sein, oder man müßte, was vielleicht noch annehmbarer wäre, den Werth annehmen, wie anhin die Remonten per Stück bezahlt wird. Es ist dieß nur ein Gedanke deßen ich erwähne, weil er vielleicht auf andere führt, & weil, wenn man uns nichts an die Nahrungskosten der Mannschaft & an die Fütterung der Pferde vergüten wollte man am Leichtesten so wegkäme. Vielleicht würde zwar der Pferdehandel momentan in einem Theil der Schweiz dar unter leiden, allein es wäre dieser Nachtheil für die oestlichen Kantone weniger in Anschlag zu bringen als für die westlichen, wo selbst beinahe ausschließlich ein solcher Handel getrieben wird. Ich laße auf der Adreße alle Titulaturen absichtlich weg, hoffe aber dennoch der Brief werde Ihnen richtig zukommen. Man muß Alles vermeiden was auffallen dürfte, daher erscheine ich auf der hiesigen Curliste auch nur als Partikulier.

Ihnen von Herzen ein nicht allzu ermüdender Aufenthalt in Bern an wünschend, verbleibe mit vollkommener Hochachtung, Ihr freundschaftlich

Ergebenster

Ed: Ziegler

bei: J. B. Jhl No 110 Theresienstraße

Sollte mir hier etwas zu Ohren kommen das mich darauf schließen ließe daß von den auswärtigen Staaten etwas Ernstes für die Schweiz erwachsen könnte, so werde ich sofort Ihnen Mittheilung machen. Für einmal habe ich immer noch die Meinung welche ich früher gegen sie äußerte: die Schweiz wird eine schwer zuverdauende Ab rechnung erhalten, weil alle Staaten um uns herum (Frankreich einverstanden) einer | Meinung sind, man wird durchaus nicht mehr zugeben wollen, daß ein so kleines Land als revolutionärer Herd sein Fortbestehen haben könne, indem Umfang wie bis anhin; man wird uns Zumuthungen machen, die zu weit gehen, um sich denselben mit Ehren unterziehen zu können; man wird uns aber vorerst so sehr drücken an den Verkehrsverhältnißen daß wir gegen einen großen Theil unserer Bevölkerung einen harten Stand bekommen werden, & dann vielleicht erst wieder zur Waffengewalt kommen & es muß gut gehen wenn wir am Ende nicht noch damit beginnen müßen im eigenen Lande vorerst Ruhe zu schaffen um gleichzeitig stark gegen Außen zu sein.

Dieß eine allerdings schwierige Schilderung unserer Zustände, Gott gebe daß ich mich irre, aber wenn ich mich irren sollte, so möge für die Zukunft das Schweizervolk sich eine Politik wählen die es zu allen Zeiten als eine gesunde & selbständige auf dem Boden des Rechtes verfechten darf; jetzt stehen wir leider nicht schuldlos da; jedenfalls verblute man sich nicht zu früh durch noch unzeitige Anstrengungen bezüglich der Dienstpflichtigen & der Finanzen. –