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Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B0667 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#87*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 18 | Jung, Aufbruch, S. 918–919 (auszugsweise)

Arnold Otto Aepli an Alfred Escher, Bad Stachelberg, Mittwoch, 25. Juli 1849

Schlagwörter: Ausländische Einmischungen (Schweiz), Bundesrat, Flüchtlinge (Baden), Flüchtlingspolitik, Konflikte mit Drittstaaten, Landesverteidigung und Militär, Liberale Presse, Regierungsrat ZH, Revolutionen (1848/49), Sonderbund, Souveränität (nationale)

Stachelberg 25. Juli 1849.

Mein lieber Freund.

Seit dem 17. befinde ich mich hier u. laße mich durch das hiesige Waßer ausschwefeln, was nicht ganz überflüßig ist. Dein Brief, über deßen Empfang ich sehr erfreut war, traf mich also nicht in St Gallen u. ich kann Dir daher über den vorwürfigen Gegenstand nur meine eigne Meinung mittheilen.

Die bewußte Maßregel des Bundesrathes1 hat mich im ersten Augenblick auch sehr frappirt u. ich bin mit Dir der gleichen Ansicht, daß sie vermuthlich auf Insinuation des Herrn v. Marschall 2 erfolgt sey. Indeßen muß ich mich doch zur Meinung der Majorität Eueres Regierungsrathes bekennen u. zwar 1o weil mir, bei reiferem Nachdenken, die Maßregel des Bundesrathes durch die Ereigniße der letzten Zeit, die politische Lage des Auslandes u. die Stellung der Schweiz zu demselben gerechtfertigt erscheint u. 2o weil ich alles vermeiden möchte, was den Charakter einer ernsthaften Opposition gegen den Bundesrath tragen könnte. In ersterer Hinsicht muß ich insbesondere beifügen, daß es mir scheint, es dürfe nie vergeßen werden, daß die Schweiz um ihrer geringen materiellen Macht u. der eignen Wohlfahrt ihrer Angehörigen willen, alles vermeiden müße, einen ernsthaften Conflikt mit dem Auslande herbeizuführen. Insbesondere gilt dies im gegenwertigen Momente, wo von allen Ländern des Continentes die Schweiz das einzige ist, das Früchte aus den Bewegungen der neuesten Zeit gezogen, während namentlich die umliegenden Länder, nach beinahe fruchtlosen Erschütterungen, mit vollen Segeln wieder der Reaktion zufahren. Dies gilt insbesondere auch von Frankreich. Zudem ist die liberale Parthei in Deutschland, d. h. die Parthei Gagern3, Dahlmann4, Römer5 [etc. ?] im höchsten Maße über die letzte Insurrektion u. insoweit auch über die Schweiz empört, als jene | in letztern immerhin mehr oder weniger einen Haltpunkt u. in letzter Zeit für ihre Theilnehmer wenigstens eine Zufluchtsstätte gefunden hat. Ich habe Gelegenheit gehabt in neuster Zeit den Profeßor Gustav Pfizzer6 u. deßen Frau7 (eine politische Amazone), welche mit den genannten Häuptern in intimer Verbindung zu stehen scheinen, kennen zu lernen u. bin durch die Unterhaltung mit denselben zu dieser Ansicht gelangt. Würde also die Schweiz in einen ernsten Conflikt mit Deutschland oder Preußen gerathen, so könnte sie nur auf die Sympathien der dortigen Republikaner, d. h. des geringern, von den Regierungen u. dem beßern Theil der Bevölkerung verfolgten u. verwünschten Volkstheiles zählen, d. h. sie wäre ganz u. gar sich selbst überlaßen. Wenn daher geheime Intimationen erfolgten, d. h. auf eine Weise, daß das Decorum8 dabei gerettet wird, so könnte ich keinen genügenden Grund finden, sich ihnen zu widersetzen, zumal dann nicht, wenn auch materielle Gründe in hinreichendem Maße vorhanden sind. Und darüber kann man, wenn man die ganze Geschichte des badischen Aufstandes, u. die Personen, welche sich dabei betheiligt haben, überschaut, doch kaum im Zweifel sein! Leute welche eine republikanische Regierungsform einführen wollen u. statt mit der Macht der Überzeugung des Volkes u. einer aufrichtigen u. allgemeinen Begeisterung u. Hingabe, mit allen Mitteln des Terrorismus ihre Plane durchzusetzen suchen müßen, verdienen schon um ihrer wahnsinnigen, den Freunden noch mehr als den Feinden gefährlichen Überspanntheit willen keine besonders zärtliche Aufmerksamkeit. Ich glaube der Bundesrath hat richtig geurtheilt, wenn er meint, die bloße Anwesenheit des Chefs in der Schweiz, sey für das benachbarte Deutschland u. damit auch für jene gefährlich. Als Beispiel hiefür kann ich die Äußerung Siegels9, welche er zu RR. Weder10 gemacht, u. die ich von diesem selbst erzählen hörte, anführen. Als Siegel im letzten Spätjahr in St. Fiden bei St Gallen verborgen lag, wollte man ihm das Versprechen abnehmen, daß er sich, solange er sich auf St Gallischem Gebiete aufhalte, aller Umtriebe gegen die deutschen Nachbarstaaten enthalte. Er antwortete, daß er sich ruhig verhalten wolle, wenn es aber wieder losgehe, so werde man ihm nicht zumuthen, daß er im Exil zurück bleibe! So würden es Alle machen. Sie betrachten die Schweiz als einen Hinterhalt, aus dem sie bei nächster Gelegenheit wieder hervorbrechen . Könnte man es nun den Nachbarstaaten verargen, wenn | sie dieser Zustände überdrüßig [würden?] u. nicht erst denjenigen Augenblick abwarten wollen, in welchem sich die Flüchtlinge durch irgend einen offen kundigen Schritt des Asyls unwürdig gezeigt hätten? Dieser Augenblick könnte in mancher Hinsicht «zu spät» eintreten ! – Wenn zwar allerdings die Schweiz ihrer Suveränetät als Staat u. damit auch ihrer Ehre u. ihrem Ansehn Rücksichten zu tragen hat, so hat sie dagegen auch das materielle Wohl ihrer Angehörigen, ihren Mangel an Macht u. ihre eigenthümliche politische Lage gegenüber dem im höchsten Maße gereizten Ausland wohl ins Auge zu faßen. Es ließe sich noch gar manches über diesen Gegenstand sagen. Um nicht zu weitläufig zu werden füge ich nur noch die Bemerkung bei, daß man sich so viel als möglich hüten sollte, dieser Sache eine größere Bedeutung beizulegen, als es im Intereße der Schweiz liegen kann. Statt daher den Ausweisungsbeschluß als eine Frucht ausländischer Intimidation, als eine erzwungene Beschränkung des Asylrechtes, als eine Beeinträchtigung der Ehre der Schweiz darzustellen suche man vielmehr derselben als im Intereße der Schweiz selbst (wegen des guten Vernehmens mit den Nachbarstaaten etc. ) liegend, u. von ihr aus freiem Antrieb ausgehend geltend zu machen – man wird dadurch eine unnütze u. gefährliche Aufregung der Maßen (gefährlich namentlich mit Bezug auf die Stimmung des Auslandes) u. eine, wie ich dafür halte, sehr überflüßige öffentliche Erörterung vermeiden.

Ich kann diesen Brief nicht schließen, ohne Dir mitzutheilen, daß ich mit einigen Freunden gegenwärtig mit der Gründung eines Journals in Bern11, das wesentlich zur Vertheidigung der neuen Institutionen gegenüber der Partei des Sonderbundes u. derjenigen des halb rothen bernischen Radikalismus bestimmt sein soll, u. daneben auch so viel möglich die Politik des Bundesrathes zu unterstützen hätte, beschäftigt bin. Die Unterhandlungen sind leider zwar bis jetzt noch zu keinem Abschluß gekommen, doch hoffe ich wir werden doch endlich das gewünschte Ziel erreichen. Ich hoffe Du werdest dich mit diesem Unternehmen auch befreunden können. Wenn es mir möglich ist, werde ich nach gemachter Kur noch einen Tag nach Zürich kommen, wo ich diesen u. ähnliche Gegenstände sehr gerne mündlich mit Dir erörtern würde. Ich werde von heute an noch wenigstens 14 Tage hier oder in Glarus sein. – Es wird mir nichts Angenehmeres vorkommen, als diesen Briefwechsel fortgesetzt zu sehen. Indeßen lebe wohl u. sey herzlich gegrüßt von Deinem

Aepli

Kommentareinträge

1Gemeint ist die Ausweisung der Führer des dritten badischen Aufstandes. Vgl. Angelegenheit dt. Flüchtlinge, BR-Beschluss (16. Juli 1849).

2 August Marschall von Bieberstein (1804–1888), Ministerresident des Grossherzogtums Baden bei der Schweizerischen Eidgenossenschaft.

3 Heinrich Gagern (1799–1880), ehemaliger Abgeordneter Hessens in der Frankfurter Nationalversammlung und deren Präsident.

4 Friedrich Dahlmann (1785–1860), ehemaliger Abgeordneter Holsteins in der Frankfurter Nationalversammlung.

5 Friedrich Römer (1794–1864), ehemaliger Abgeordneter Württembergs in der Frankfurter Nationalversammlung.

6 Gustav Pfizer (1807–1890), Professor für deutsche Sprache und Literatur am oberen Gymnasium in Stuttgart, Schriftsteller und Politiker. – Pfizer war ein Vertreter der liberal-konstitutionellen Richtung und 1848 ein führendes Mitglied des Stuttgarter Vaterländischen Vereins. Vgl. Raberg, Württembergische Landtagsabgeordnete, S. 659.

7 Maria Friederike Pfizer-Jäger (1809–1872), Ehefrau von Gustav Pfizer.

8Decorum (lat.): Schicklichkeit, Anstand, Sitte.

9 Franz Sigel (1824–1902), badischer Flüchtling. – Als ehemaliger Militär hatte Sigel bei den badischen Aufständen eine führende Rolle gespielt. Vgl. DBE IX, S. 449; Jonas Furrer an Alfred Escher, 15. September 1849.

10 Johann Baptist Weder (1800–1872), Regierungsrat und Nationalrat (SG), Redaktor des «St. Galler Boten».

11Der Bündner Nationalrat Andreas Rudolf von Planta hatte gegenüber Aepli die Absicht geäussert, ein eigenes Journal zu gründen, das in erster Linie die neuen Institutionen vertreten sollte. Aepli unterstützte Planta bei diesem Projekt, das 1850 in der Gründung des «Bundes» mündete. Er lieferte anfänglich selber Beiträge und Korrespondenzen. Vgl. Aepli, Erinnerungen, S. 17; HLS online, Bund.