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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0663 | FA Tschudi

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 14

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 23. Juli 1849

Schlagwörter: Ausländische Einmischungen (Schweiz), Bundesrat, Flüchtlinge (Baden), Flüchtlingspolitik, Konflikte mit Drittstaaten, Nationalrat, Neutralität, Rechtliches, Regierungsrat ZH, Revolutionen (1848/49), Schweizerische Bundesverfassung, Souveränität (nationale), Ständerat

Briefe

Glarus den 23. Juli 1849.

Mein theurer Freund!

Du wünschest meine Ansicht über den bekannten neuesten Ausweisungsbeschluß des Bundesrathes1 zu vernehmen, u. ich mache mir ein Vergnügen daraus, Dir dieselbe, die ich zwar keineswegs für maßgebend halte, mit gewohnter Offenheit mitzutheilen. Du wirst finden, daß wir zwar nicht in den Grundsätzen, wohl aber in der praktischen Auffassung der Sache einigermaßen von einander abweichen.

Der erste Eindruck, den jener Beschluß auf mich, wie überhaupt wohl auf die Mehrheit des schweizerischen Publikums gemacht hat, war derjenige der Ueberraschung oder, richtiger gesagt, des Befremdens. Zugleich aber fand ich auch sofort, man könne nicht wohl ein vollständig begründetes Urtheil über denselben abgeben, ehe man Alles kenne, was demselben vorausgegangen, u. daß der Bundesrath in dieser Hinsicht noch einigermaßen hinter dem Berge hält, liegt so ziemlich auf der Hand. Was mich dabei am unangenehmsten berührte, war das Aufgeben des, wenigstens seit 1830, unverrückt von der Schweiz | befolgten Grundsatzes, der gewissermaßen, wie die Neutralität, ein Staatsaxiom geworden war: Gewährung des Asyls gegenüber allen politischen Flüchtlingen, die zum ersten Mal als solche unsern Boden betreten, gleichviel in welcher Weise sie sich an auswärtigen Bewegungen betheiligt haben; Wegweisung derselben erst nach erfolgtem Mißbrauche des Asyles. Indessen läßt sich nicht verkennen, daß wir uns durch diesen Grundsatz so wenig wie durch denjenigen der Neutralität für alle Fälle die Hände binden lassen können; mag auch derselbe in der Regel unsern Verhältnissen am besten entsprechen, so können doch Umstände eintreten, wo ein andres System befolgt werden muß. Es frägt sich nun, ob wir uns dermalen in einer solchen ausnahmsweisen Stellung befinden, u. da möchte ich mich in bejahendem Sinne aussprechen. Noch niemals ist eine solche Masse von Flüchtlingen, eine ganze geschlagne Armee in der Schweiz eingedrungen; daß wir sie ohne mindestes Bedenken gastfreundlich aufgenommen, daß wir sie bereitwillig erhalten u. verpflegen, gereicht uns um so mehr zur Ehre, als wohl in keinem andern Lande Aehnliches geschehen wäre; allein würde wohl das Schweizervolk gerne auf längere Zeit eine solche Last tragen? In meinem Kanton, wo zwar die Kosten, soferne nicht die Eidgenossenschaft dieselben ganz oder theilweise übernimmt, einzig durch die begüterten Privaten getragen werden müssen, sieht man gleichwohl die Badenser bis jetzt nicht ungerne, nicht gerade wegen politischer Sympathie, sondern aus Mit| leid u. weil es ordentliche Leute sind, die sich anständig aufführen. Ich zweifle daran, ob die Stimmung überall eine gleich günstige wie bei uns ist; jedenfalls geht man gewiß allenthalben von der Voraussetzung u. dem Wunsche aus, daß der Aufenthalt dieser Flüchtlinge nicht lange währen möge. Wenn man bedenkt, wie sehr alle finanziellen Kräfte der Schweiz ohnehin für innere Zwecke in Anspruch genommen sind, wie übervölkert unser Vaterland ist, so daß sich das Bedürfniß der Auswanderung bereits ziemlich fühlbar gemacht hat, so ist es gewiß Niemanden zu verargen, wenn er wünscht, daß die Einwanderung, die wir in den letzten Tagen erlebt haben, nur eine schnell vorübergehende seyn möge. Pflicht der Bundesregierung ist es daher, dafür zu sorgen, daß die Masse der Flüchtlinge recht bald amnestirt in ihre Heimath zurückkehren könne, u. wenn dieser Zweck durch den Ausweisungsbeschluß erreicht wird, so kann ich mich mit demselben befreunden, obschon derselbe, ich kann es nicht läugnen, auch für mein Gefühl etwas verletzendes hat. Der Bundesrath sagt nun selbst in seinem letzten Kreisschreiben2: «wir haben hinreichenden Grund anzunehmen, daß (nach Entfernung der Führer) die benachbarten Staaten bereitwilliger zu Maßregeln sind, welche die Entfernung der großen Masse möglich machen», u. dieses wird eben das Resultat der zu Basel verpflognen Unterhandlungen3 seyn. Zwischen diesen u. «Intimidationen» von Seite des Auslandes erblicke ich nun aber einen sehr großen Unterschied; wäre z. B. eine preußisch-badische Note angelangt, welche in gebieterischem, drohendem | Tone die Ausweisung der Führer verlangen würde, so wäre auch ich entschieden der Ansicht, die Ehre der Schweiz so gut wie die Pflicht ihrer Selbsterhaltung erfordre es, eher das Aeußerste zu wagen, als solchen Zumuthungen nachzugeben. Mag man übrigens die Sache ansehen wie man will, so möchte ich Dich vorzüglich noch auf einen Punkt hinweisen, der mir in dieser Angelegenheit sehr in Betracht zu fallen scheint: dieselbe könnte sehr leicht zu einer Existenzfrage für den Bundesrath werden. Er hat mit einem Muthe, der Anerkennung verdient, selbst wenn man seiner Ansicht nicht beipflichten kann, mit einer Energie, die man sonst oft nur zu sehr an ihm vermißte, u. zwar, wie das letzte Kreisschreiben sagt, mit Einstimmigkeit seiner Mitglieder eine sehr einschneidende Maßregel ergriffen, ohne gar sichere Aussicht zu haben, daß die Mehrheit seiner Committenten, die Mehrheit des Volkes ihn auf diesem Schritte begleiten werden. Sollte er nun, sey es durch Widerstand von Seite der Kantonsregierungen, sey es durch die Bundesversammlung, deren sofortige Wiedereinberufung vielleicht verlangt wird, gezwungen werden seinen Beschluß zurückzunehmen, so könnte er meines Erachtens mit Ehren nicht länger an seinem Platze bleiben. Es lohnt sich daher wohl der Mühe, sich ernstlich die Frage vorzulegen, ob man dieses wünsche. Du weißst, daß ich auch nicht gerade zu den «satisfaits à tout prix», zu den «Gränzenlosen» gehöre, aber die Ehre des Vordertreffens gegen den Bundesrath möchte ich wenigstens den Genfern u. Bernern überlassen, die nun einmal ein ganz | andres System, u. ganz andre Personen obenauf bringen möchten. Wollten übrigens einzelne Kantone dem Bundesrathe sogar offne Widersetzlichkeit entgegenhalten in einer Sache, wo man doch dessen Kompetenz in formeller Beziehung kaum wird bestreiten können, so könnte dieses nicht anders als störend einwirken auf die Fortentwicklung unsrer kaum erst in's Leben gerufnen Bundesverfassung.

Was das Schreiben der Regierung von Zürich4 betrifft, so hat mir darin namentlich das gefallen, daß sie Gewißheit darüber verlangt hat, daß die auszuweisenden Führer nicht ausgeliefert werden. Ich habe zwar dem Bundesrathe nie eine solche Absicht zugetraut, allein es schadet doch nichts, daß er veranlaßt worden ist, eine deutlichere, beruhigende Erklärung darüber abzugeben.

Während Du in Zürich wie in Bern an den großen politischen Geschäften thätigen Antheil nimmst, bin ich nunmehr, u. zwar nicht ungerne, diesen Kreisen wieder entrückt u. mehr auf die Stellung eines Beobachters, natürlich eines «östlichen», angewiesen. Ich habe mich wieder ziemlich in die Rechtshistorie vertieft, u. genieße nebenbei unsre schöne Natur, die mich in diesem herrlichen Sommer wieder ungemein anzieht. Aepli, sowie auch meine Frau5 befinden sich in Stachelberg; Du kannst Dir denken, daß ich sie dort häufig besuche. – Empfehle mich bestens den werthen Deinigen, u. sey herzlich gegrüßt von

Deinem

J J Blumer.

Kommentareinträge

1 Vgl. Angelegenheit dt. Flüchtlinge, BR-Beschluss (16. Juli 1849).

2 Vgl. Kreisschreiben BR (20. Juli 1849).

3Gemeint ist das Treffen zwischen Bundespräsident Jonas Furrer und dem badischen Ministerresidenten August Marschall von Bieberstein vom 13. Juli 1849 in Basel. Flüchtlingswesen, Absatz 29.

4Gemeint ist das Schreiben des Zürcher Regierungsrates an den Bundesrat vom 19. Juli 1849. Alfred Escher an Arnold Otto Aepli, 22. Juli 1849, Fussnote 2.

5 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine und ab 1843 Ehefrau von Johann Jakob Blumer, ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.