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Korrespondenz: Alfred Escher – Gerold Meyer von Knonau

AES B0651 | ZBZ FA Meyer vK 32v.125

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 11

Alfred Escher an Gerold Meyer von Knonau, Bern, Donnerstag, 7. Juni 1849

Schlagwörter: Bundesfinanzen, Geldskala/Geldkontingente, Kommissionen (eidgenössische), Nationalrat, Nationalratspräsident, Zollwesen

Briefe

Hochgeachteter Herr & Freund!

Es wird namentlich von Seite Basels, Genfs, Neuenburgs & theilweise auch St. Gallens der Gedanke neuerdings movirt, so wenig als möglich für die Bundesbedürfnisse aus den Zöllen zu beziehen, dagegen Geldcontingente von den Cantonen zu verlangen. Dieser Plan ist vom allgemein Schweizerischen & besonders auch vom Zürcherischen Standpuncte aus zu bekämpfen. Vom Zürcherischen Standpuncte aus namentlich auch darum, weil, wie Sie in Ihrer so werthvollen Arbeit: «Der Canton Zürich» auf S. 242 sagen, der Canton Zürich im Vergleiche mit andern Cantonen über Gebühr an die Geldcontingente zu bezalen hat.1 Die in der bezeichneten Stelle Ihres Werkes enthaltenen Angaben sind so schlagend, | daß ich mich neuerdings auf dieselben im Nationalrathe nöthigen Falls berufen möchte.2 Darum erlaube ich mir nun aber, Sie zu bitten mir die detailliertern Zahlenangaben, welche der mehrerwähnten Stelle Ihres Buches zu Grunde liegen, zukommen lassen zu wollen & wenn ich Sie im fernern ersuchen muß, dieses gefälligst mit möglichster Beförderung & wenn es geschehen kann, umgehend thun zu wollen, so werden Sie die Güte haben, meine Zudringlichkeit damit zu entschuldigen, daß ich vielleicht schon künftigen Samstag in den Fall kommen könnte, von den Notizen Gebrauch zu machen, um die ich Sie bitte.

Meine Stellung in Bern ist sehr anstrengend. Fast jeden Tag habe ich Sitzung des Nationalrathes & das Präsidium dieser Behörde3, deren Mitglieder 3 Sprachen reden, die verschiedensten reglementarischen Gewohnheiten haben & in mehrfacher Beziehung sehr aus einander fallen, ist besonders | mühevoll. Jeden Tag habe ich ferner, falls Sitzung des Nationalrathes ist, Nachmittags, falls keine Sitzung des Nationalrathes ist, Vor- & Nachmittags Commissionalsitzungen. Von diesen sind namentlich diejenigen der Zollcommission äußerst anstrengend & unangenehm. Es ist dieß ein wahrer Bellum omnium contra omnes4! Sie werden sagen, ich hätte mich in alle diese Commissionen nicht wählen lassen sollen. Aber hierauf muß ich Ihnen entgegnen, daß ich wirklich das möglichste gegen meine Wahl in diese verschiedenen Commissionen gethan habe, daß ich aber, als dieß nichts gefruchtet & namentlich meine Zürcherschen Collegen allem aufboten, um mich zur Annahme zu bewegen, es dem Canton Zürich schuldig zu sein glaubte, die Wahl anzunehmen. Es stehen in der That in der Post-, namentlich aber in der Zollangelegenheit sehr wichtige Interessen unsers heimatlichen Cantones auf dem Spiele. | Entschuldigen Sie mich also, wenn ich Sie plage, damit, daß ich selbst geplagt bin & empfangen Sie auch bei diesem Anlaße die Versicherung meiner freundschaftlichen Hochachtung und Ergebenheit.

Dr A Escher

Bern
7 Juni 1849.

Kommentareinträge

1Gerold Meyer von Knonau zeigte 1844 auf, dass die ökonomischen Verhältnisse des Kantons Zürich vielerorts überschätzt würden und der Kanton aufgrund dessen unverhältnismässig hohe Beiträge an die Kosten des Bundes leisten müsse. Er illustrierte dies mit verschiedenen Beispielen: «Die Gemeinde Wädensweil zahlt nur wenig minder als der Canton Uri und Nidwalden zusammengenommen [...]. Die 92,640 Franken, welche der Canton Zürich beiträgt, kommen demjenigen gleich, was Schaffhausen, Thurgau, Glarus, Bünden, Tessin, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und ein großer Teil des Cantons Wallis zusammen liefern.» Meyer von Knonau, Kt. Zürich I, S. 242. – Meyer von Knonaus Ausführungen hatten 1849 noch Gültigkeit, weil bis zur Verabschiedung einer neuen eidgenössischen Geldskala im Juli 1851 die Skala aus dem Jahr 1838 massgebend war. Vgl. Blumer, Handbuch Bundesstaatsrecht I, S. 529–533.

2Bereits im April 1849 hatte Escher die Vergleiche von Gerold Meyer von Knonau im Nationalrat gebraucht, um die Ungerechtigkeit der Geldkontingente zu illustrieren. Vgl. NZZ, 28. April 1849.

3Escher war am 16. April 1849 zum Nationalratspräsidenten gewählt worden. Vgl. Verhandlungen der Bundesversammlung, des National- und Ständerathes, in: BBl 1849 II, S. 1–2.

4bellum omnium contra omnes (lat.): Krieg aller gegen alle.