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Korrespondenz: Alfred Escher – Eduard Sulzer

AES B0649 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#488*

Eduard Sulzer an Alfred Escher, s.l., Dienstag, 12. Juni 1849

Schlagwörter: Geldskala/Geldkontingente, Zollwesen

Briefe

Hochgeachteter Herr Bürgermeister!

Ich befinde mich im Besitz Ihrer beiden Schreiben vom 7ten & 10ten . ; mit den verschiedenen Entwürfen zu dem Zollgesetze und den mancherlei Tarifen. Es dürfte jetzt wol nicht mehr an der Zeit sein, noch weitläufig in das Spezielle einzutreten, im Allgemeinen scheint mir der Gesetzesvorschlag über das Zollwesen mit dem von Ihnen gestellten Minderheitsan trag bei §. 47. so wie bei §. 55. das Möglichste erreicht zu haben, was unter den gegenwärtigen Verhältnissen zu erhalten Aussicht haben kann, wobei jedoch auch der Majoritätsantrag von Art: 55. wesentliche Vorzüge vor dem Antrag des Bun desrathes hat.

Was die verschiedenen Tolltarifs-Entwürfe betrifft, so stimmen wir unbedenklich, wenn keine andere Wahl bleibt, zu dem Majoritätsantrage, obwol auch bei diesem die Ten denz der Bundesverfassung nicht zweckmäßig erfüllt ist, da die Fabrikationsstoffe noch zu hoch & die Luxusartikel zu niedrig tarifirt sind. Alle übrigen Projekte, namentlich derjenige von Herrn Anderegg ist ein Gewebe von wahrem Unsinn, so wird z. B. gefärbte Seide, ein Rohstoff, mit dem | Seidenfabrikat in die gleiche Klasse von 4. Fr. gesetzt; ein Zentner Indigo mit einem Zentner Stabeisen gleichmäßig zu 10. Batzen tarifirt u. s. w. Die übrigen Tarife sind nur Variationen mit gleicher Principlosigkeit. Ja der Plan von Herrn Anderegg geht geradezu auf die fortdauernde Erhebung eines eidgenössischen Geldkontingentes hinaus, eine der verderblichsten Maßregeln, welche uns zwingen würde, jährlich die direkten Steuern zu erhöhen, welche jetzt schon ihr volles Maaß erreicht haben dürften.

Die Vertheilung des einfachen Geldkontingentes ist so un gerecht, daß es Stadt Basel allerdings konveniren kann, lieber ein Geldkontingent zu bezahlen, als in seinem Handel einige Einbuße zu erleiden. Das National-Vermögen von Basel-Stadt kann man mit gutem Gewissen auf 240. Millionen Franken anschlagen; das vom Kanton Zürich auf etwa 380. Millionen; nun zahlt aber Basel-Stadt nur 14,580. Frk. & Zürich 92,640. Frk; wir bezahlen also beinahe das Siebenfache, während wir nur ungefähr um die Hälfte reicher sind.

Daß die erhöhten Grenzgebühren durch Ihre Mitwirkung beseitigt wurden, freut mich sehr, und ebenso, wenn es Ihnen gelingen könnte, den Bezug von Geldkontingenten abzu wehren.

Wäre eine Aussicht vorhanden, daß der Majoritätsantrag des Tarifs in Globo durchgehen könnte, so wäre dieß wol das Beste, denn ich muß fast befürchten, daß bei der artikelweisen Be handlung theils eine unendliche Zeit verloren geht und mög licherweise der Tarif ein Agglomerat von ganz grundsatzlosen Ansätzen darbieten wird. Es dürfte wol zur Sprache kommen, wenn dennoch eine Artikelweise Berathung beliebt wird, ob | man sich nicht zuerst über ein Minimum & ein Maximum der Tarifansätze verständigen sollte, wobei es mir scheint, daß wenn man das Prinzip des Bezuges von Geldcontingenten verwirft, man nothwendigerweise auf das Maximum von 10. Frk. kommen muß, (besser noch 5, 10, & 16; aber ich fürchte, dazu ist keine Hoffnung).

Ihrem Wunsche gemäß lege ich Ihnen hier das detaillirte Verzeichniß der Vermögens- Erwerbs- & Einkommenssteuer, nach den Gemeinden ausgeschieden, bei, welches, wie ich hoffe, Ihren Erwartungen vollständig genügen sollte.

Sollten Sie noch irgend anderer Mittheilungen bedürfen, so werde ich gerne, so weit meine Kräfte & Materialien reichen, zu entsprechen suchen, obwol meine Zeit jetzt neben den laufen den Geschäften durch die unglücklichen Folgen der Angelegenhei ten von Honegger & Stiftsamtmann Vogel , sowie durch die Arbeiten für die ArmenCommission, Auswanderungsbericht u. s. w., so in Anspruch genommen wird, daß ich die nothwendige Sorge für meine Gesundheit einstweilen ganz bei Seite lassen muß.

Mit Verlangen Ihren weitern Nachrichten entgegensehend, zeichne ich mit vorzüglicher Hochachtung & Ergebenheit

Ed Sulzer

Bleicherweg den 12. Juni 1849.

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