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Korrespondenz: Alfred Escher – Eduard Sulzer

AES B0645 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#488*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 10

Eduard Sulzer an Alfred Escher, s.l., Mittwoch, 6. Juni 1849

Schlagwörter: Zollwesen

Briefe

Hochgeachteter Herr Bürgermeister!

Ich hatte die Ehre, Ihnen gestern wegen dem Besuche des Herrn von Planta1 und einige Bemerkungen über den Schmuggel zu schreiben, wobei ich nachträglich noch zu bemerken habe, daß Gewürze, z. B. Muskatnüsse, Pfeffer, Vanille, Ingber, Zimmet &s. w. f 11-22 [...?] R.W. 2, und Thee f 19-15 [...?] p. Ctr. im deutschen Zollverein zu bezahlen haben.

Seitdem erhielt ich Ihr Schreiben3 vom 5. dß. & beeile mich nun, die aufgestellten Fragen zu beantworten, soweit ich es vermag.

Was das Maaß der Entschädigungen für aufgehobene Zölle betrifft, die nicht auf dem Transit lasten, bis auf das Betreffniß4 von 4. Batzen, so ist der Ausweg allerdings sinnreich, aber ich befürchte, nicht ausführbar. Vorerst würden die aufzuhebenden Weg- & Brückengelder, Transitzölle, und etwa ermäßigte Kaufhausgebühren in den Kantonen, die vorzüglich zur Sprache kommen, die Vierbatzensumme beträchtlich übersteigen, und dann fällt diese Norm von selbst dahin. Ferner und wenn dieß auch nicht der Fall wäre | steht zu besorgen, daß die Kantone mit hohen Konsumozöllen5 zu stark mitgenommen würden durch die Cumulation dieser Zölle mit den neuen eidgenössischen Grenzgebühren, so daß man hier den Grundsatz unbebedingter Aufhebung & Entschädigung allerdings verwerfen, aber einen Mittelweg wird einschlagen müssen, der etwa darin bestünde, entweder die eigenen hohen Eingangsgebühren um etwas ermäßigt fortbestehen zu lassen, oder einen gewissen Zeitraum von Jahren zu bestimmen, nach dessen Abfluß diese Zölle ohne Entschädigung aufhören sollen, um den betreffenden Kantonen in der Zwischenzeit ihre Finanzen so regeln zu können, daß sie auch ohne Entschädigung fort zu exestieren im Stande wären.

Was nun Ihren Wunsch betrifft, ein Verzeichniß der Zölle zu erhalten, welche als nicht auf dem Transit lastend, nicht aufgehoben werden sollten, so wäre dieß eine Arbeit, die ich vollständig ausser Stand bin zu leisten. Ich müßte dazu die Spezialrechnungen aller Kantone besitzen, um daraus zusammen zu stellen, welches der Ertrag der verschiedenen Cathegorien der Zölle war. Diese Aufgabe kann überdieß der Bundesrath am leichtesten lösen, welcher vor geraumer Zeit, an alle Cantone die Einfrage stellte, welche Zölle bei ihnen auf dem Transit lasten und welches der Ertrag derselben sey. Soviel ist aber gewiß, daß die Grenzzölle der Kantone, welche ihren eigenen Consum beschlagen, gar nicht unbedeutend sind, denn wären sie dieses, so könnte ja die Aufhebung derselben ohne Entschädigung sie nicht, wie oft gesagt wird, oekonomisch auf den Kopf stellen.

Abgesehen also von dem Quantitativ des Ertrages gibt z. B. der in der eidgenössischen Sammlung aufgenommene Tarif des Kantons Graubündten6 einen beachtenswerthen Leitfaden für das was aufzuheben & was nicht aufzuheben wäre. Er enthält nämlich folgende Ausscheidungen. |

A. Zollberechtigungen, welche dem Staate zustehen:

I. Tarif des Eingangszolls. (nicht aufzuheben)

II. Tarif für die Durchgangszölle. (aufzuheben)

III. Tarif der Brandiszölle7 auf der Luziensteig & an der Medardusbrücke. (aufzuheben)

IV & V. Ausfuhrzölle. (aufzuheben)

VI. Waaggebühr im Kaufhaus zu Chur. (aufzuheben, insofern es obligatorisch ist)

VII. VIII. IX. Weg- & Brükengelder. (aufzuheben mit wenigen Ausnahmen)

X. Straßenprämien. (Tagsatzungsbeschluß vom 17. August 1843: fortzubestehen)

B. Gemeinds- & Partikulargefälle8 auf den Handelsstraßen von der Lichtensteiner & St. Galler-Grenze bis an die Lombardische & Tessinische Grenze. (aufzuheben)

C. Gemeinds- & Partikulargefälle; auf den Graubündnerischen Nebenstraßen, welche den Transit auf den Handelsstraßen nicht beschlagen I. bis XXII. (nicht aufzuheben)

Auch in dem Tarif des Kantons Tessin ist der Tarif für die Einfuhr aus der Schweiz und der Transit von Italien nach den Schweizer-Kantonen und umgekehrt, so wie der Weggeldtarif von den übrigen Eingangszöllen ausgeschieden.

Die in Ihrem Briefe mehrmals erwähnte exzeptionelle Stellung des Kantons Zürich ist ganz richtig, aber nicht meine Schuld, denn ich habe schon vor 15. Jahren mündlich & schriftlich, ja sogar in einer eigenen Broschüre gegen die Aufhebung unserer Zölle gekämpft und ein besonderes Zollgesetz vorgeschlagen, aber umsonst.9 Wenn man sich von gewissen Schlagwörtern (damals Handelsfreiheit) und von populären Gefühlen, Ideen kann man sie oft nicht heißen, unbedingt leiten läßt, | so sieht man erst die Folgen davon später ein. Ich könnte Ihnen die Personen nennen, welche damals einen Sieg über mich erfochten zu haben glaubten & welche nach wenigen Jahren am allereifrigsten mich dahin drängten, ein neues Zollgesetz, ja sogar über Consumo-Grenzgebühren, vorzulegen, was ich auch that, aber es war zu spät10.

Für Ihre Bemühungen, die Ansätze für Fabrikationsstoffe noch weiter herab zu setzen, wird Ihnen der Kanton Zürich gewiß sehr dankbar sein, nur muß ich bedauern, daß die Seide bloß eine Ermäßigung von 5. Batzen erfahren hat, denn 2. Frkn. per Zentr. ist noch zu hoch. Auf der Splügener Route und mit dem frühern eidgenössischen Zoll werden nur 12. Batzen erspart, so daß die Seide also 8. Batzen mehr bezalt wie früher, anstatt daß auf dem Rohstoff eine Erleichterung statt finden sollte, & dieß um so mehr, da die Ersparniß auf andern Routen weit geringer ist, wie Sie aus der Beilage ersehen werden, die ich vor einiger Zeit erhielt. Ich bemerke hiebei, daß der in dem Billet vorkommende Ausdruck «Brouzen» der gewöhnliche Ausdruck für Seide ist, welche von Brousa in Klein-Asien kömmt, wo mehrere zürcherische Etablissements sich befinden.

Bei den Weinen würde ich nicht über 1. Frkn. pr. Ctr. gehen, (Wein in Fässern nämlich), da ja noch die ganze Tara für die Fässer hinzukömmt, welche ungefähr einen Drittheil des Weingehaltes ausmacht und den Saum11 dadurch auf ungefähr 3. Frkn. bringt.

Ihren fernern Nachrichten entgegensehend, bitte ich Sie, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung und Ergebenheit zu genehmigen.

Ed Sulzer

Bleicherweg den 6. Juni 1849.

Kommentareinträge

1Person nicht ermittelt.

2Gemeint sind wohl Raucherwaren.

3Schreiben nicht ermittelt.

4Betreffnis: Geldanteil, der auf jemanden entfällt.

5Konsumogebühren: auch Un- oder Ohmgeld genannt, Verbrauchssteuer auf Wein und anderen alkoholischen Getränken. Institutionen, Strukturen, Prozesse, Absatz 15.

6 Vgl. Sammlung Zolltarife, Graubünden.

7Als Brandiszölle bezeichnet wurden bündnerische Einfuhr- und Transitzölle, welche an der St. Luzisteig und an der Medardusbrücke erhoben wurden, sowie die Sustgebühr der Stadt Maienfeld. Die Zölle gehen auf die Freiherren von Brandis zurück. Diese hatten ein Zollrecht auf durch Maienfeld geführte Waren besessen. Im 16. Jahrhundert verkauften sie die Herrschaft Maienfeld und das Zollrecht an die Drei Bünde. Der Kanton Graubünden bezog diese Zölle bis zur Auslösung der Binnenzölle durch den Bundesstaat. Vgl. Denoth, Bündnerische Zölle, S. 85–88.

8Gefälle: Abgabe, Ertrag.

9 Vgl. Sulzer, Zölle. – Sulzer amtete 1831–1850 als Präsident des Finanzrates. Vgl. Schmid, Zürcher Kantonsregierung, S. 336.

10Sachverhalt nicht ermittelt.

11Saum: Hohlmass für Flüssigkeiten; entspricht 150 Liter (eigentlich: soviel ein Saumtier tragen kann).