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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Zangger

AES B0644 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#561*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 9

Rudolf Zangger an Alfred Escher, Unterstrass, Dienstag, 5. Juni 1849

Schlagwörter: Bundesfinanzen, Eidgenössische Universität (Projekt), Handelskammer ZH, Wahlen, Zollwesen

Briefe

Mein hochgeachteter Herr & Freund!

Wegen einer mehrtägigen Abwesenheit & überhäuften Geschäften komme ich erst heute zur Beantwortung Ihres Schätzbaren v 19 passe 1 & des darauf bezügl v 2 2 & indem ich vorerst diese Verzögerung gütigst zu entschuldigen bitte, habe ich die Ehre mich über den im Entwurfe liegenden eidg: Zolltarif3 dahin auszusprechen, daß ich mich unter den gegenwärtigen Verhältnissen bei welchen aus mehrseitig vorgebrachten Gründen kein eigentliches Schutzzollsystem erreichbar ist, im Allgemeinen an das Gutachten der zürch: Handelskammer4 anschliesse, namentlich aber pflichte ich dem bezüglich der Klassen Einthlg Gesagten bei, S 19 & 20 wobei man nicht genug darauf aufmerksam machen kann, daß man im Entwurfe zu viel nach Zentnern & viel zu wenig nach p% d. h. nach dem Werth der Waare gerechnet hat; –

ich gehe nämlich von der Ansicht aus, daß das ganze Zollgesetz nur als eine Vermittlung, als Übergang vom jetzigen schutzlosen, zu einem reinen Schutzzollsysteme dienen wird & dienen muß, denn auf der einen Seite wird man dem Bunde die Mittel für Erreichung alles deßen geben müssen, was man von ihm fordert & erwartet, diese Mittel dürfen aber in keiner direkten, sondern nur indirekten Besteurung bestehen & wenn man | im Ernste an die Verbesserung des Militär & Unterrichtswesens (Hochschule & politechn: Schule) etc gehen will, so werden die Bedürfnisse des Bundes von Jahr zu Jahr größer, auf der andern Seite aber auch die Forderungen der Industriellen nach einem Schutzzoll, mit wenigen Ausnahmen, je länger je entschiedener & man wird endlich um so geneigter dem Letzteren zu entsprechen, als dadurch die Einnahmen für die Bundes Cassa vervielfacht & gesicherter werden müssen. Die h. Bundesbehörden werden die Gegensätze die sich in dieser Frage ergaben, darin zu finden wissen, daß der Kaufmann ein ganz anderes Interesse als der Fabrikant & Handwerker hat, & daß darum auch die Gutachten der versch: schweiz: Handelskammern vom rein kaufmännischen Standpunkte aus betrachtet so & nicht anders ausgefallen sind.

Was denn nun in speziellen die Wollenfabrikation & die dießfallsigen Zollansätze betrifft, so wünsche ich hier wie bei allen andern Industriezweigen möglichst freie Einfuhr des Rohstoffes der Wolle & das um so mehr, als gerade dieses Produkt aus dem deutschen Zollvereins Gebiet mit einem Ausgangszolle v "f 3½ p Ctr belastet ist.

Die Einfuhr an Wollenwaaren beträgt cca 26 à 30000 Ctr
in dem Entwurfe des zürch: Gutachtens werden dieselben in 2 Klassen wie folgt eingetheilt:

in die 4t Kl à 5 Fr vom Ctr Seite XVIII Tücher fertige cca 8 °‰ Ctr
ebenfalls 4 " " " " Wollwaaren " 8 °‰ "
in die 6 16 " XXI Shawls feine etc " 8 °‰ "
ebenfalls 6 " 16 " XX Kleider fertige " 6 °‰ "
Frs cca 30,000 Ctr |

Diese Klassen Eintheilung finde ich unpassend, denn alle Tücher kommen hier mit 5 Fr p Ctr in Anschlag, während dem der Werth von den geringsten bis zur feinsten Qualität v 300 à 1000 Fr differirt, mithin die ersteren welche die bedürftigsten Klassen der Bevölkerung gebrauchen 1⅔% & die Letzteren für die höhern Stände nur ½% zu bezahlen haben, ich habe nicht ermangelt auf dieses Mißverhältniß in der Sitzung der Handelskammer aufmerksam zu machen & wünschte damals namentlich, daß die ganz feinen Tücher in die 6t Kl à 16 Fr p Ctr od: doch wenigstens in die 5t à 10 Fr gebracht würden, indem ich nachwies, daß der Ctr feiner Tücher cca 150 Ellen enthalte & daß demnach die Elle bei 5 Fr Zoll Ansatz kaum 3⅓ Rappen zu bezahlen habe, bei 10 Fr 6⅔ bei 16 Fr nur 10⅔ " zu bezahlen hätte, was im Entferntesten keinem Schutzzolle gleich sehe & nicht drückend auf der Bevölkerung laste, zumal der Rentiers für ein ganzes Kleid aus feinstem Sedan5 nur cca 6 Btz mehr wie bisher bezahlen , der Bundes Cassa dadurch aber eine Mehr Einnahme v 88,000 resp: 40,000 Fr zufallen müßte; – man billigte diese meine Ansicht, der Entwurf war aber bereits gedruckt & man versprach mir meinem Wunsche am Schlusse der 5t Kl unter dem Titel «feinere Wollenwaaren» Rechnung zu tragen, – in dem Gutachten selbst vermisse ich, ohne irgend welchem Mitgliede Vorwürfe machen zu wollen, diese Zusage & darum erlaube ich mir nun neuerdings meinen Wunsch dahin auszusprechen, daß die Wollenwaaren in folgende Klassen & Titel eingetheilt werden möchten:|

4t Klasse 5 Fr vom Ctr

Tücher fertige & Wollenzeuge geringerer Qualität cca Ctr 8308
Wollenwaaren gemeine, als: wollene Shawls,
Rohweiße Tücher, Bett & Pferddecken " 8308

6t Klasse 16 Fr v Ctr

Tücher fertige, feine & feinere Wollenwaaren
als: Shawls feine v Seide Wolle &s. w. " 8308
eventuell in die 5 Kl mit 10 Fr v Ctr

& ich glaube dieses um so eher thun zu dürfen, als die fertigen Kleider bereits in die 6t Kl à 16 Fr aufgenommen sind & ich nicht einsehe, warum dem Kleidermacher diese Begünstigung vor dem Fabrikanten zufallen sollte, wo doch wie begreiflich der Letztere mit ganz andern Schwierigkeiten zu kämpfen hat. – Die Wollenfabrikation ist überhaupt aller Berücksichtigung werth, schon darum, weil in Ermanglung derselben dem Lande bei Millionen entzogen werden & bei einer schützenden Pflege v. Tausenden von Arbeitern Brod & Verdienst gegeben & dadurch indirekte auch dem Pauperismus theilweise vorgebogen werden könnte, es ist dieselbe aber, um mit Sulzberger6 zu sagen, ein zartes Kind das eines angemessenen7 Schutzes durch den Staat während ein od: zwei Jahrzehnden bedarf, bis es ein Mann geworden, welcher den Kampf mit den erstarkten Nachbarn führen kann & wird. – Dieser Schutz bestühnde nach meiner innigsten Überzeugung vor der Hand darin, daß von Bundes wegen nach besten Kräften, wenn nicht befehlend, doch empfehlend dahin gewirkt würde, daß die schweizerische Armee, die Polizei & Postbediensteten ausschließlich in inländisches | Erzeugniß, das erweislich jetzt schon im Lande selbst, eben so gut & schön gefertigt werden kann, gekleidet würden8, das Beispiel wirkt, der Soldat wird auch als Bürger das innländische suchen, bald dem fremden vorziehen & die Bahn zur bessern Cultivirung dieses sehr kostbaren Industriezweiges ist gebrochen.

Bei diesem Anlaße kann ich nicht umhin auch bezüglich der projectirten Uniformirung der Truppen die Bemerkung einzuschalten, daß ich finde, man sollte bei dieser totalen Umänderung vor Allem aus eine andere Farbe für die Hosen als für die Röcke bestimmen; die bisherige d'blaue ist gerade für Hosen die delikateste, während dem wie bekanntlich unser früheres Hellblau der solideste wäre & mit einem d'blauen Rocke sehr gut kleidet, lederne Kamaschen & Curmoisine Aufschläge ist nach meiner Überzeugung das unpraktischste was es nur geben kann, auch bedünkt es mich, daß wohl Niemand bei der Auswahl v. Sammet für die Postangestellten angeführt habe, daß es nicht möglich sei nur eine halbsolide schwarze Farbe auf Baumwolle zu bringen & auch hierfür das wollene in dieser od: jener Farbe das solideste wäre, – entschuldigen Sie gefl: diese meine Abschweifung.

Bezüglich der bevorstehenden Wahlmännerwahlen habe ich mit Hrn BRth Wydler9 & RRth Bürgi10 Einleitung getroffen, daß theils durch eine Versammlung im Lauf dieser Woche, theils aber auch durch Zuschriften auf diese Wahlen im liberalen Sinne möglichst eingewirkt werde & kann Ihnen übrigens dießfalls noch mittheilen, | daß letzten Sonntag in Neumünster gegen Erwarten unserer Freunde alle Wahlen bis auf eine die zugegeben wurde, entschieden liberal ausfielen & daß z. B. der Wahlpräsident Hr C. Bleuler11 & deßen Bruder ObR B.12 auf mehrmalige Namsung hin gänzlich durchfielen, in Wiedikon fiel die Wahl ebenfalls gänzlich in liberalem Sinne aus, so daß wie ich glaube die Mehrheit des Wahlcollegiums für unsere Partei nicht mehr zweifelhaft ist.

Empfangen Sie schließlich noch meinen verbindlichsten Dank für die Theilnahme, die Sie in der so wichtigen Zollfrage nahmen & erlauben Sie gütigst meinem Freunde R. Strickler Ihnen auf meine Verwendung hin, noch einige Wünsche die Leinen Industrie betreffend, nachzusenden.

Mit wahrer Hochachtung verbleibe Ihr freundschaftlich ergebene

R. Zangger

Unterstraß 5 Juny 1849

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Brief nicht ermittelt.

3 Vgl. Entwurf eines Zolltarifs, in: BBl 1848/49 I, Erste Beilage nach S. 296 (S.19–34); Hans Rudolf Strickler-Fierz an Alfred Escher, 6. Mai 1849, Fussnote 3.

4 Vgl. Gutachten Zollwesen.

5Sedan: schwarzes Tuch aus der französischen Stadt Sedan.

6 Vgl. Sulzberger, Betrachtungen.

7Sofortige Korrektur, zuvor: «schützenden».

8Über die Bekleidung, Bewaffnung und Ausrüstung des Bundesheeres berieten National- und Ständerat erstmals im Juli 1850; ein Jahr später wurde ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Vgl. Kern, Repertorium I, S. 22; Bundesgesetz über die Bekleidung, Bewaffnung und Ausrüstung des Bundesheeres (vom 27. August 1851), in: AS II, S. 421–448.

9Vermutlich Hans Konrad Wydler (Lebensdaten nicht ermittelt), Bezirksrat von Zürich

10Vermutlich David Bürgi (1801–1874), Grossrat (ZH) und Gemeindepräsident von Fluntern.

11Vermutlich Hans Konrad Bleuler (1808–1886), Gemeindepräsident von Riesbach.

12Vermutlich Johann Jakob Bleuler (1798–1874), ehemaliger Oberrichter (1839–1846) und Grossrat (1836–1846) (ZH).