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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Eduard Ullmer

AES B0639 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#510*

Rudolf Eduard Ullmer an Alfred Escher, Enge, Montag, 7. Mai 1849

Schlagwörter: Bezirksrat Zürich, Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Gemeinderat Enge, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Krankheiten, Landesverteidigung und Militär, Parteienstreitigkeiten, Rechtliches, Wahlen

Briefe

Mein lieber Freund.

Gestern war die Maiengemeinde, sie dauerte von ½ 2 Uhr bis fast 7 Uhr. In der Eröffnungsrede zeigte mein Bruder an, es sei ihm gestern ein Beschluß des Bez.Rathes zugekommen, wonach die HHerren Arter, Bryner, Vater, Crim.R. Weber, Landschr. Keller &sw. gegen die Vornahme weiterer als der gewöhnlichen Geschäfte protestirt haben, mit dieser Beschwerde aber abgewiesen worden seien. Hr. Arter bemerkte hierauf, es sei ihm auffallend, daß er von diesem Beschlusse noch nichts wisse; da er aber Rechtsmittel ergreifen werde, so wünsche er zu wissen, welche Geschäfte heute behandelt werden sollen. Es wurde ihm erwiedert, das hange vom Prest ab, jedenfalls werden aber keine andern Geschäfte behandelt werden, als die welche auf dem Tractandenverzeichnisse stehen. Es wurde dann zuerst die Vollmacht für den G Rath für Besorgung des ordentlichen Straßewesens &sw. behandelt & ungeachtet des Widerspruchs gegen den Entwurf im Allgemeinen, & im Speciellen gegen die heutige Behandlung, mit ca 20 Stimmen Mehrheit (es waren ca 80–90 anwesend) genehmigt. Gerade so ging es mit dem Antrage, betr. Erstellung eines provisorischen Fußweges über den Spitalerrain. Darauf folgte die Abnahme der famösen Straßenrechnung von 1845/46. Nach langer Discussion wurde der Antrag der Commission mit dem Zusatze des G. Rathes, daß dein Herr Vater angehalten sei, die zu wenig bezogenen ca 243 Fkn. nachzuzahlen (Letzteres mit 56 gegen 19 Stimmen) angenommen. Mein Antrag, von dem Nachbezug zu abstrahiren, wurde von Niemandem unterstützt, wol aber meine Rüge der Begründung des Antrages, die ich zum großen Ärger meines Bruders & des Vice-Präs. des G. Rathes, als eine «unwürdige» bezeichnete. Einmüthig wurde mein eventueller Antrag: «deinem Herrn Vater von der Sachlage Kenntniß zu geben & ihn zu ersuchen, nachträglich den zu wenig bezogenen Betrag nachträgl. noch einzusenden», angenommen; auch der G. R. könne, wie mein Bruder sagte, sich gerne (?) damit vereinigen. Ich gab mir alle Mühe, die Gemeinde von der Unbilligkeit der Nachforderung zu überzeugen & machte sie darauf aufmerksam, daß es mit dem Nachbezug nicht gethan, sondern, wenn man gerecht sein wolle, eine neue Verlegung der Mauer vornehmen & denen, welche zu viel bezahlt haben, das plus restituiren müsse; aber es half nichts. Geärgert hat es mich (du siehst ich ärgere mich viel, hier aber gewiß mit allem Grund), daß Niemand meinen dießfälligen Antrag unterstützte, ungeachtet Cr.R. Weber, Seckelmstr. Bryner (als Commissionsmitglied), Arter & A. gar wol im Falle gewesen wären dieß zu thun. Ich glaube zwar nicht, daß das Resultat anders | ausgefallen wäre, denn in Enge ist man gewohnt – die Bibel verdrehend – zu sagen: «Nehmen ist seliger als Geben». – Damit schloß sich die Versammlung der Bürger & Niedergelassenen.

Die Bürgergemeinde befaßte sich mit Abnahme der Gemeinds- & Armengutsrechnung, ferner mit der Rechnung des Bethauses Enge & derjenigen von Leimbach, welche Geschäfte nichts Interessantes darboten. Wichtiger waren dagegen die Erneuerungswahlen 3r Mitglieder des G. Rathes (Bryner, Nägeli & Knüsli) & der zwei Bethauspfleger. Alle wurden wieder bestätigt, mit Ausnahme von Nägeli sämmtliche im 1. Scrutinium, dieser im 2ten, ungeachtet mein Bruder & Cons. auch diese beseitigen wollten. Der Gegencandidat, Landolt bei der Geduld, brachte es nie höher als auf 20–21 Stimmen. Bei der Erneuerungswahl von Nägeli, der im 1. Scr. 34 Stimmen hatte (abs. Mehr 37) sollen 10 ungültige Stimmen abgegeben worden sein?!, das Mogeln hat aber nichts gefruchtet. – Hierauf kam die Grenzscheidung gegen die Stadt zur Sprache, auf meinen Antrag wurde einmüthig der Vergleichsvorschlag der Schanzen-Commission verworfen & dem G Rathe ein Zuschuß von 3 Bürgern beigegeben (G.A. Brändli, Bänninger-Biedermann & meine Wenigkeit). Es war das Referat über die Unterhandlungen mit Deputirten der Schanzen-Commission (Ed. Sulzer & RR. Fierz) & der Stadt (Seckelmstr. Oeri & a. BGPrest Ott) sehr rührend anzuhören. Nach Äußerungen der Erstern wäre eigentlich vom RR schon Alles entschieden; mehr als das Angebotene, d. h. weniger als jetzt, indem außer dem Selnau auch die vom Stadtrath gekaufte Wiese daselbst in den Stadtbann eingeschlossen würde, sei jedenfalls nicht zu erhalten, wol aber noch viel zu verlieren, nämlich alle Häuser längs des Schanzengrabens. Darauf sollen denn auch die Abgeordneten der Stadt erklärt haben, sie werden ihre Ansprüche allerdings so weit ausdehnen. Nun das wollen wir gewärtigen! Das aber ist mir klar, daß die Abgeordneten der Regierung ihre Stellung jedenfalls mißkannt haben, denn es scheint nach dem Referate, daß sie gar nicht an Vermittlung sondern nur daran dachten, die hiesige Gemeinde zu Anerkennung eines der Stadt gefälligen Vorschlages zu nöthigen. – Endlich wurde noch eine Fortsetzg der ordentlichen Maiengemeinde beschlossen, deren Vertagung dem G. R. überlassen wurde. Nach dem oben erwähnten Recursalbescheide des BezRathes kann dieß geschehen, daher könnte auch Widerspruch nichts fruchten. Nach Beendigung der Geschäfte war noch ein Bürgertrunk (½ Maß Wein pr Kopf Brot, Braten, Schinken & 2rlei Salat) es sollen Viele daran Theil genommen haben, ich war aber natürlich nicht dabei, denn ich bin kein Freund von solchen Gratisfressereien.

Nun noch einige Nova. Der Staatsanwalt hat gegen das Urtheil in Sachen Farner, Bollier & Wunderli c. &. Spillmann ebenfalls appelirt, sodaß nun das Obergericht | freie Hand bekommt, die Strafe auch zu erhöhen. – Brändli liegt seit 10 Tagen wieder beständig im Bett. Das ist doch zu viel für Einen – Bollier dagegen macht Ausflüge zu Fuß & Chaise, es geht ihm nun GottLob ganz gut. – Weißt Du schon, daß unser Freund Stähli Bräutigam ist mit Rosine in der Attingerei? Die Bekanntschaft rührt vom Sechseläuten her & wurde seither durch Correspondenz ausgesponnen. – Am Maitag habe ich meinem Vater Haus, Garten & caVrlg Wiesland hinter dem Hause abgekauft. Ich wurde dazu durch meinen l. Bruder gezwungen, der es partout haben wollte. Er übernahm dagegen ca 3 Jucharten Wiesen & Reben. Mein Kaufpreis – zu geben & zu nehmen – beträgt 12500 F. Ich habe gegenwärtig 3rlei Professionisten Maurer, Glaser & Tapezirer im Hause & der Maler hat Arbeit (die Jalousieladen) nach Hause genommen. Ich hoffe bis zu deiner Rückkehr das Haus in einen confortabeln Zustand zu bringen.

Für deine öftern Mittheilungen sage ich Dir schließlich, was eigentlich Anstand halber zuerst hätte gesagt werden sollen, meinen verbindlichen Dank; sie freuen mich um so mehr, als sie mir ein sprechender Beweis deiner wahren Freundschaft sind. Du mußt für deine wichtigen Geschäfte die Secunden zählen, während Andere (z. B. m. Schwager Huber) die oft nicht wissen, was mit Stunden anfangen, keine Zeit zum Schreiben finden.

Aus speciellem Auftrage soll ich noch von Bollier, Brändli & – – Gritli Grüße mittheilen, welchen sich von Herzen anschließt

Dein tr. Frd

R E Ullmer

Enge 7. Mai 1849.

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