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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B0635 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Freitag, 4. Mai 1849

Schlagwörter: Krankheiten, Liberale Presse, Personelle Angelegenheiten, Polemiken und Anwürfe (Escher), Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse), Wahlen

Briefe

F. G. Ehrhardt
Cantons Fürsprech in Zürich.

Mein lieber Freund!

Zuvörderst meinen Dank für Deinen Brief u. Deine freundlichen Mittheilungen über nationalräthliche Plagen u. theoretische Genüsse (höhere oder richtiger tiefere scheinst Du nicht einmal andeuten zu wollen). Du bleibest ein ewig unerreichbares Muster für alle Briefschreiber u. auch in dieser Hinsicht kann ich Dich nur bewundern – bewundern, aber nie daran denken, Dich zu erreichen: selbst si parva licet componere magnis.

Beifolgend ein Fetzen aus den freien Stimmen vom vergangenen Mittwoch. In der heutigen N.Z.Z. wirst Du die Erklärung von K. unter den Inseraten gefunden haben (dessen Aufnahme beiläufig gesagt: eine Gemeinheit von H. ist – wenigstens nach meiner individuellen Auffassung). Bringen wir damit in Verbindung, daß an Privaten doch wohl eine nicht ganz unbedeutende Anzahl von Exemplaren hierher geschickt wurde, so dürfte es vielleicht nicht unzweckmäßig sein, bald die Erklärung zu publiciren. Früher mochte ich es nicht thun, damit es nicht den Anschein gewinne, als ob die Frist ein Motiv dafür gewesen seie. Nun bin ich aber wieder schwankend geworden durch eine | heute Abend mit deinem Vater gehabte Unterredung, der diese Publication nur als letztes Mittel gegen die Kublischen Niederträchtigkeiten benutzen möchte u. es [...?] noch nicht für nöthig zu halten scheint. Er hat darin recht, daß unsre Erklärung mehr Aufmerksamkeit erregen wird, als bis jetzt jedenf Ks Schritte erregen konnten; denn davon überzeuge ich mich immer mehr u. mehr, daß Ks schandbares Benehmen durchweg keinerlei Aufmerk samkeit u. noch viel weniger Theilnahme für ihn hervor gerufen hat u. der Artikel in den Fr. St. nach gerade von seinen bekannten Freunden ad hoc gemacht worden seie. Deshalb bin ich wieder unentschieden u. warte jetzt jedenfalls noch einige Tage. Ich bedaure, daß ich Dich wieder mit dieser odiösen Angelegenheit behelli gen mußte u. rechne auf Deine Nachsicht, da nur der Wunsch, in dieser Sache meine Ansichten u. Schritte den Deinigen möglichst conform zu halten, die Ver anlassung war.

Für die N.Z.Z. werde ich jetzt gar nichts thun; ich bin darüber mit mir ganz im Reinen. Neulich sprach ich mit H. darüber, nachdem er mir vorher geschrieben, daß ein Antheil an der Redaction, selbst in dem Sinne wie Du ihn mir erweisen wolltest, an eine tägliche Gegenwart von 7-11 Uhr auf dem Büreau geknüpft | sein müsse, worin ich natürlich nicht eintreten konnte, selbst wenn H. mir bestimmte Anträge in dieser Hinsicht gemacht hätte. Bei der Unterredung nun, die ich, wie bemerkt, mit H. hatte, habe ich mich überzeugt, daß ich mit demselben, der mancherlei Prätensionen macht, nicht in Verbindung treten will u. kann. Er bemerkte mir unter Andern, wie er mit vielem Vergnügen u. gegen Honorar «Artikel über gewisse Gegenstände z. B. über die Organisation des Gerichts wesens u. über juristische Materien recht gerne aufnehmen würde». Vorschreiben kann ich mir aber vom Verleger nicht lassen: worüber ich schreiben soll. Nicht wahr? H. theilte mir dann ferner mit (unter Bitte um tiefste Verschwie genheit – was in gewisser Rücksicht besonders für Bern nicht ohne alle Bedeutung sein dürfte), daß er Steiger F. 2000 geboten habe, der die Annahme von dem Ausgan ge der St Galler Wahlen abhängig gemacht hat. Fallen diese so aus, daß Steiger glaubt St Gallen nicht verlas sen zu dürfen, so will H. sofort Felber engagiren, der jedenfalls scheint annehmen zu wollen. Außerdem hat H. noch allerlei geschwätzt, was mir es recht leb haft verdeutlichte, daß ich wenigstens nicht das geringste Verlangen trage, irgend wie mit ihm anzuknüpfen. Somit wäre dieser Punkt zur allseitigen Beruhi gung regulirt, wie wir Geschäftsmänner es zu sagen pflegen. |

Ein anders noch tieferes Geheimniß: Zollinger hat von der Niederl. Gouvernement in Java einen sehr guten Ruf dorthin empfangen u. scheint Lust zu haben, ihn nicht auszuschlagen. Er hat es nur Bollier mitgetheilt, der natürlich Allem aufbietet, ihn zu halten.

Geheimnisse wüßte ich jetzt keine mehr, die ich Dir verrathen könnte oder dürfte; denn selbst die größte Freundschaft muß das: sunt certi denique fines in ge wissen Dingen anerkennen.

Ich bin von Geschäften viel geplagt. Deine tragen Dir doch Blatt an Blatt für den schon so viel- u. großblättrichen Lorbeerkranz des Ruhmes ein, meine zum großen Theil nicht einmal Geld, sondern nur Mühe. Du hast (nach den Blättern könnte man nur sagen «scheinst»; denn die Referate sind alle unter jeder Critic) über die Zollfrage gut u. practisch gesprochen.

Brändli im Bett seit 14 Tagen denovo!!

Bollier befindet sich so gut wie möglich.

Heiri kam unwohl von Glarus zurück.

Grüsse mir Bekannte bestens. Pfingsten werden wir uns in Bern sehen, quod deus bene vertat.

Adieu, mein Lieber. Stets Dein

G.

Zürich
am 4. Mai (Abends 10 Uhr)