Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Melchior Friedrich Sulzer

AES B0630 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#81*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 5

Melchior Friedrich Sulzer an Alfred Escher, Zürich, Donnerstag, 19. April 1849

Schlagwörter: Bundesfinanzen, Geldskala/Geldkontingente, Handelskammer ZH, Postwesen, Zollwesen

Briefe

Hochgeachteter Herr Bürgermeister.

Auf nächsten Montag ist Sitzung der Postdirection angesetzt, ich werde besorgt seyn daß dann Alles so schnell möglich nach Bern abgehe, wenn es sich thun läßt auch mit Umgehung des R.R., Sie wissen eben daß wir bestimmt angewiesen sind uns zunächst mit allfälligen Wünschen an ihn zu wenden.

Die zwei ersten Entwürfe (Regal & organisation)1 werden kaum viel zu sprechen geben, es wäre denn daß H. Orell2, im Punkte des organisirens sehr bewandert, jetzt schon Anträge hierüber stellen will. Ich halte dafür daß man wohl thun wird in diese beyden Gesetze Bestimmungen zu bringen nach welchen dem Bundesrath ausgedehnte Vollmacht verbleibt je nach eintrettenden Bedürfnißen & gemachten Erfahrungen, von sich aus modificationen eintretten zu laßen. Als ein Grundübel betrachte ich die Aufstellung so zahlreicher Unter-Directionen & wie ich höre ist in neuester Zeit auch noch Genf zu einer solchen erhoben worden, allein hier wird schwerlich etwas zu ändern seyn; es ist der Anfang der Nachtheile die man erwarten muß wenn man ohne eigentliche Einheit zwar eine Centralisation erhält, diese aber durch Cantonal Rechte & besonders durch Cantonal Begehrlichkeiten, fast immer in gut berechneten Posteinrichtungen gehindert wird. |

Das wichtigste ist also vor der Hand das Gesetz betreffend die Tarife3 & unter diesen wieder ganz vorzüglich die Brief-taxen. Ich gestehe Ihnen unumwunden daß nach meiner ganz bestimmten Meynung die Letztern viel zu tief in Vorschlag gebracht worden sind & zwar in doppelter Beziehung: einmahl mit Rücksicht auf die allzuweiten distanzen der 2 untern Classen (10 Stunden & 20 Stunden) & dann mit Rücksicht auf die taxe selbst aller 3. Classen; meine Ansicht ist so fest, daß die schweizerische4 Handelswelt überhaupt & insbesondere die höhere in Zürich, Basel, Genf (Sitz der Reductions Männer) gar wohl fortfahren könnte diese indirecte abgabe im ungefähren Verhältniß zu bezahlen wie sie zur Stunde noch im Cant. Zürich bezogen wird, daß ich mir sagen kann je mehr die distanz der 2 untern Classen reduzirt, je mehr die taxe erhöht wird je besser für den Bund & für ein billiges Tragen indirecter abgaben. Nach diesen Bemerkungen wäre ich im Grunde nicht veranlaßt Ihnen artikulirte Vorschläge zu belieben, doch nur um des Beyspiels willen führe ich an es könnte, entgegen dem gedruckten Antrag, etwa festgesetzt werden:

§.2......

der 1ste Bf.kreis geht bis auf 7 Stunden
" 2te " von 7 bis 18 "
" 3te " über 18. Stunden

&

§ 3. Die taxe für den einfachen Bf (½ Loth5 inclusive)

1ter Kreis 6. Rapp. die schwerern Bfe nach dieser
2ter " 12 " Basis, progressiv höher
3ter " 20 " berechnet.
|

Wie gesagt dieses Alles schiene mir noch zu nieder auch nur für Schweizer Briefe angewendet; hiezu kömmt nun ferner die Frage «Wie soll es mit der ausländischen Correspondenz gehalten werden?» Der Plan dH. Laroche6 geht offenbar dahin auch die fremden Briefe nur diesen niedern taxen zu unterwerfen d. h. zu den Auslagen bis an die Schweizergrenze einfach obige Ansätze hinzuzurechnen & das kömmt mir nun gar zu arg vor. Wenn man nämlich zuletzt einräumen könnte es solle eine so enorme Begünstigung für die Correspondenz der Schweizer unter sich eintretten, so müßte doch meines Erachtens anders mit den fremden Briefen verfahren werden. Das beßte Mittel wäre eine gleichförmige taxe für die ganze Schweitz nach durchschnittlichen erklecklichen Berechnungen (taxe unie), aber dagegen würden sich die wichtigen Grenz-Punkte in Genf, Basel auch St Gallen mit aller Macht stemmen, & es bleibt wohl nur absonderliche Tarifirung dieser Correspondenzen übrig, welche hauptsächlich die reichern Handelshäuser beschlagen.

Dagegen finde ich Ermäßigung & namentlich Gleichförmigkeit in der Zeitungs expedition ganz angemeßen & zwar in dem Sinne daß die 20% (§. 16) nicht durch cantonale Willkührlichkeiten wie etwa unter dem Titel Stempelzulage & dgl. erschwert werden dürfen.

Über die Tarife für Personen, Poststücke & valoren möchte ich nicht viel sagen, charackteristisch erscheint daß der erste Punkt ziemlich hoch gehalten bleibt; es intressirt dieß weniger die hohe Handelswelt, man sieht im ganzen Tarifwesen, wie vortrefflich dieselbe bey der ersten Vorberathung representirt war, fast | könnte man sagen, man habe in diesem Gebiete die Böcke zu Gärtnern gemacht, die Vortheile für Basel gehen auch gar zu hoch & Argau stellt sich nach der Stundeneintheilung so daß es nach keinem Hauptpunkte hin über die taxe des 2ten Kreises zu zahlen hat –. Ich füge nun zu Unterstützung meiner Meynung noch einige allgemeine Betrachtungen bey.

Es ist zwar ganz richtig daß unser Publikum & vorzüglich das Handeltreibende in Post & Zollwesen in so hohem Maße in Anspruch genommen wird, daß der Canton Zürich mehr als kein anderer, in dieser indirecten Weise an die neuen eidg: Kosten beytragen wird; allein wenn die Einnahmsquellen der Eidg: gegenüber ihren Verpflichtungen so verkümmert & vermindert würden daß enorme deficite entstünden, so müßten dieselben durch Geldcontingente gedeckt werden, welche hinwieder in unserm Canton durch vermehrte Vermögenssteuern zu bestreiten wären, was ich für viel nachtheiliger hielte. Abgesehen davon daß es schwerlich im Intresse des neuen Bundes liegen kann die Cantone öfters in der Art heimzusuchen, ist es überhaupt nicht billig, die indirecten Abgaben gerade da fallen zu lassen oder unverhältnißmäßig herabzusetzen wo sie größtentheils die reichern Classen der Bevölkerung treffen, während man solche zu Lasten der ärmern Classen stehen läßt, wie z. B. Salzregal & Getränkabgabe. |

Soweit für heute meine ergebenste Antwort auf Ihr geehrtes Schreiben7 von Gestern, ich behalte mir vor gleich nach d. Sitzung des Postdepartementes Ihnen Weiteres mitzutheilen & vielleicht auch ein Paar Worte über die Zollgesetze beyzufügen.

Die Handelskammer hatte Gestern nur eine Art vorläufiger Besprechung, es wurde eine engere Comission niedergesetzt welche einen Antrag bearbeiten & so schnell möglich vorlegen wird; aber schon zeigte sich die gleiche tendenz wie in Postsachen, gerade die ersten Häuser (Seidenhandel) kämpfen gegen noch so billige Ansätze auf ihre Artickel & die im Entwurfe angetragenen sind wahrhaftig von einer Art daß man eher an Erhöhung denken sollte, denn auch dann könnten sie auch von ferne nicht einen hindernden Einfluß auf diesen Industriezweig, die fabrikation, ausüben. Wohl wäre es grundsätzlich richtig die Urstoffe zollfrey zu lassen, allein wenn die Finanzzustände das nicht erlauben, wenn man viel höher gehen muß als auf die frühere bloße control-Gebühr v 1 & 2 Batzen, dann soll auch vor Allem der Werth der Waaren in gehörige Berücksichtigung fallen, ich werde diese Meynung verfechten, | sehe aber schon daß H. Ed.8 sich den Begehren dH. Muralt9Pestalozzi10 fügen wird. Über die unverhältnißmäßig hohen Ansätze auf rohes Eisen & gemeine Eisenwaaren ist man einig Abhülfe zu verlangen.

Ihnen Hochzuverehrender Herr möchte ich nun aufs angelegentlichste empfehlen, wenn anders Ihre Ansichten auch nur annähernd damit übereinstimmen, die der Eidg: angewiesenen indirecten Einnahmsquellen bestens in Schutz zu nehmen. Die auffallende Unordnung dieser Zeilen bitte ich zu entschuldigen, ich konnte sie nur in abgerißnen Momenten bald im Finanz Rath bald im Polizeibureau hinwerfen.

Mit vorzüglicher Hochschätzung & Ergebenheit

[...?] M F sulzer

Zürich den 19t Aprill 49.

Kommentareinträge

1 Vgl. Entwurf eines Bundesgesetzes über das Postregale, in: BBl 1848/49 I, Beilage nach S. 149 (S. 1–5); Entwurf eines Bundesgesetzes über die Organisation der Postverwaltung, in: BBl 1848/49 I, Beilage nach S. 149 (S. 5–11).

2 Johann Konrad von Orelli (1799–1852), eidg. Oberst, Grossrat (ZH). – Orelli war Mitglied des Postdepartements. Vgl. Regierungsetat ZH 1849, S. 60.

3 Vgl. Entwurf eines Bundesgesetzes übe[r] die Posttaxen, in: BBl 1848/49 I, Beilage nach S. 258 (S. 1–6).

4Sofortige Korrektur, zuvor wohl «Handelswe...».

5Loth: Gewichtsmass; entspricht 1/32 Pfund.

6 Benedikt La Roche-Stehelin (1802–1876), eidg. Generalpostdirektor.

7Schreiben nicht ermittelt.

8Gemeint ist Regierungsrat Eduard Sulzer.

9 Hans Conrad von Muralt (1779–1869), Grossrat (ZH). – Muralt war Präsident der Handelskammer. Vgl. Regierungsetat ZH 1849, S. 84.

10 Hans Conrad Pestalozzi (1793–1860), Grossrat (ZH). – Pestalozzi war Mitglied der Handelskammer. Vgl. Regierungsetat ZH 1849, S. 85.