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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B0629 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Mittwoch, 18. April 1849

Schlagwörter: Freundschaften, Konflikte mit Drittstaaten, Liberale Presse, Nationalratspräsident, Neutralität, Parteienstreitigkeiten, Polemiken und Anwürfe (Escher), Rechtliches, Reisen und Ausflüge

Briefe

Zürich, den 18. April 1849.

Mein lieber Escher!

Mit bekannter Unterthanentreue nahe ich mich Dir, um meinen Glückwunsch zu den übrigen Huldigungen, die Dir jetzt werden dargebracht worden sein, hinzuzufügen u. in meinem devoten Sinne, Dich den Präsidenten unserer höchsten Landesbehörde um fernere Gunst, um fernere Huld, um fernere Gewogenheit, um fernere Nachsicht u. s. f. zu bitten. Ich weis es zwar, daß die Mächtigen der Erde viel mit gleichen Versicherungen u. ähnlichen Bitten geplagt werden, und daß dies die Veranlassung ist, daß Jene nur selten glaubende Beachtung finden; allein es giebt auch – wenn allerdings nur selten – treue Unterthanengemüther, die bei solchen Expressionen nicht den Verstand, sondern auch das Herz sprechen lassen u. zu diesen seltenen Persönlichkeiten, bitte ich dich auch mich rechnen zu wollen.

Nachdem ich meinen Pflichten als Unterthan ein Genüge geleistet, gehe ich zu denjenigen des Anwaltes über. Ein Standpunkt von welchem aus ich mich jetzt ziemlich kurz fassen kann; denn Neues von Bedeutung fiel nicht vor. Das Rappersw. Genie hat an Hauptmann N. ein weiteres Exemplar eingesendet, welchem von der Hand des K. geschrieben folgenden Inhalts ein Zettel | angeklebt ist: «Preis 0 – nur wem gefällig ist, für die Mittheilung dieses Blattes etwas zu geben, beliebe selbes im Laden unter der Terasse, zunächst der Münstertreppe, dem Herrn Fr. Schmid einzuhändigen, wodurch ich in Stand kommen könnte, mein Recht auf gerichtlichen Wege zu suchen. C. KubliK. Absicht soll dahin gehen, auf sämmtliche Exemplare einen ähnlichen Zettel, deren er viele geschrieben zu heften u. seit einigen Tagen, sei er mit Verfertigung von Couverten beschäftigt. Diese Mittheilungen empfing ich am Montage, seither fiel nichts vor, namentlich sind hier noch keine Exemplare verbreitet. Meine Unterredung mit Hauptman N. drehte sich um das schon hundertfach besprochene Thema u. ich befürchte, wenn es noch hundertmal geschehen sollte, würde unsere Polizei nicht im mindesten intelligenter sich zu benehmen verstehen. Der gute Wille muß hier leider Alles ersetzen.

Wegen der N.Z.Z. bin ich sehr erfreut daß es meinem Briefe gelungen ist, was meiner Beredsamkeit nie gelingen wollte – obgleich ich mir bis jetzt mehr auf diese einbildete –, Dich von der Unzweckmäßigkeit Deines Planes in Bezug auf meine miserable Person zu überzeugen. Meine Eitelkeit, die nie stark genug war, mich deine Elogen in letzter Zeit glauben zu machen u. mich höchstens verführte, in Deinen Worten nicht die Ironie, welche jedenfalls zu Grunde liegen mußte, zu sehen; also meine Eitelkeit läßt mich jetzt sogar an die über| zeugende Vortrefflichkeit meines Styles glauben, von der Du auch sprachst; u denn ein schlagenderes Argument hätte mir nicht geboten werden können, als der Erfolg jenes in der Angst eines geplagten Gemüthes geschriebene Brief. Mit mir hat niemand seither über diese Angelegenheit gesprochen u. ich hüte mich davor anzufangen. Uebrigens sehe ich nicht ein, warum Hagenbuch nicht auf den betretenen Wege des self governement fortfahren sollte, dürfte u. könnte? – Uebrigens wird meine Schwester Anna mir die Erlaubniß nicht ertheilen. Sie kennt ihren Bruder besser als seine nachsichtigen Freunde hier. Mich erfüllt es billig hin u. wieder mit Staunen, wie so gute Köpfe wie Du u. Rüttimann sich über mich so gewaltig täuschen können.

Haben wir jetzt als Geschäftsmänner uns gerirt; so laß uns nun auch einen Augenblick wie Menschen sein. Hoffentlich hast Du in Bern Dich wieder eingewohnt u. Stadt nicht verändert gefunden? Wie gerne möchte ich an Deinem kundigen Arme die Reize unserer Residenz ein mal zu bewundern Gelegenheit finden. Pfingsten, das liebliche Fest, könnte mir vielleicht die Möglichkeit, diesen Wunsch zu realisiren, geben. Ich leide am Weltschmerze, wie es bei einem vereinsammten Gemüthe nichts Andres sein darf. Bricht dieses arme Herz dann, so schenke ihm eine Thräne – nein das wäre zu viel –, einen Gedanken der fühlenden Erinnerung, des empfindenden Mitleidens. |

Dein Vater war so freundlich, mir am Sonntage einen Besuch zu machen. Du darfst es mir glauben, ich bin ihm u. Dir sehr verbunden für die Zeichen von Aufmerksamkeit, welcher ich mich zu erfreuen habe.

Neuigkeiten von unserm guten Zürich keine von Gewicht. Die Fr. St. fallen heute über Daverio auf die gemeinste Weise her, indem sie die Veranlassung dazu von dem Necrologe nehmen, welcher der N.Z.Z. jüngst beigfügt worden war.

Brändli wird endlich in einigen Tagen anfangen können, das Zimmer zu verlassen. Bollier vertreibt sich die Zeit durch Spiel u. ist sehr gut daran.

Wir harren hier der Neuigkeiten aus der Residenz besonders sind wir gespannt auf die Neutralitätsfrage, wenn anders die Franzosen nicht so verständig geworden sind, davon zu abstrahiren. Und die Graf-Heinzensche Affaire? Darin sollte man doch zuerst etwas thun.

Grüsse alle Bekannte aufs Herzlichste u. schreibe, wenn es Deine vielbeanspruchte Zeit gestattet einige Zeilen an Deinen

E.

Hast Du vergessen Hagenbuch zu sagen, daß er mir gefälligst die Rechenschaftsberichte u. s. w geben solle?