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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0619 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Freitag, 2. März 1849

Schlagwörter: Freundschaften, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Kommissionen (kantonale), Landesverteidigung und Militär, Nationalrat, Presse (allgemein), Rechtliches, Regierungsrat GL, Religion, Ständerat, Wahlen

Briefe

Glarus den 2. März 1849.

Mein theurer Freund!

Die mitfolgende zweite Lieferung meiner «Staats-u. Rechtsgeschichte» möge mich entschuldigen, daß ich Dir so lange nicht schrieb! Einerseits nämlich hat die Herausgabe derselben, verbunden mit einer Menge mehr oder minder wichtiger praktischer Geschäfte, meine Zeit sehr in Anspruch genommen, anderseits hätte sie schon einige Wochen früher erscheinen sollen, weßhalb ich um so eher geglaubt hatte bis dahin zuwarten zu dürfen. Die freundschaftliche Beurtheilung, die Du dem Anfange meines Werkes hast zu Theil werden lassen, berechtigt mich zu der Hoffnung, daß auch die Fortsetzung Dich intreßiren werde.

Empfange nun vor Allem aus meine, wenn auch verspäteten Glückwünsche zu der neuen hohen Stellung, welche Dir ein für Dich sehr ehrenvolles Zutrauen Deiner Mitbürger im Gr. Rathe angewiesen hat. Es hat mich diese Kunde sr. Zeit sehr gefreut, u. ich wünsche Dir von Herzen eine recht segensreiche Wirksamkeit in Deinem | Amte. Mit größter Befriedigung habe ich auch Deine Biographie des sel. Wieland gelesen; ich erblickte darin ein Werk der aufrichtigsten Pietät, das Dir alle Ehre, u. das gerade durch seine anspruchslose Form den träftsten Eindruck macht. Im Weitern habe ich diesen Winter durch nicht viel von Dir gehört; ich kann mir aber wohl vorstellen, daß Du ein sehr beschäftigtes Leben führst.

Was mich betrifft, so habe ich in der letzten Zeit Erfahrungen gemacht, welche die Bande, die mich an meinen Kanton knüpfen, nicht gerade befestigt haben. Es ist gewiß keine erfreuliche Erscheinung, daß man ein sonst verständiges Volk wegen einer geistlichen Persönlichkeit so weit fanatisiren kann, daß es die Unabhängigkeit der Justiz antastet, u. auf einen gewissenhaften Richter muß es offenbar einen weit peinlichern Eindruck machen, wegen eines in besten Treuen abgegebnen Urtheil sich öffentlich angefeindet zu sehen, als wenn dies wegen politischer Ansichten geschähe. Du wirst mir nicht zumuthen, daß ich in die schmutzige Geschichte («Pfaffenhandel») hier ausführlich eintrete; Du hast davon wohl schon gehört, da der «Erzähler» u. die Glarner Zeitung sich eifrig damit beschäftigt haben. Die Mehrheit unsers Volkes mißbilligt nun entschieden den von einer wählerischen Klike u. ihren Trabanten verübten Skandal, u. dem Appellationsgerichte ist von Seite der Regierung eine Genugthuung geworden, | in deren Folge es wohl seine – einstweilen eingestellten – Funktionen wieder wird aufnehmen können. – Meine Stelle als Appell.-Gerichtspräsident giebt mir übrigens überhaupt nicht sehr viel zu thun; mehr beschäftigt mich dagegen das Präsidium der Landes-Armenkommission, welches ich auch seit letztem Sommer übernommen habe. Das Armenwesen ist bei uns ein äußerst wichtiges Gebiet, welches die größte Aufmerksamkeit verdient; obgleich früher wenig damit vertraut, habe ich mich nun doch mit der größten Vorliebe hineingearbeitet, zumal ich gerade einen neuen Gesetzesentwurf auszuarbeiten hatte. Ueberhaupt herrscht gegenwärtig bei uns in gesetzgeberischer Beziehung eine grosse Thätigkeit.

Ich freue mich sehr auf die nächste Sitzung der Bundesversammlung, theils wegen der vielen lieben Freunde, die ich in Bern wieder treffen werde (daß Aepli nun hinzugekommen ist, hat Dich gewiß auch gefreut), theils wegen der intressanten Geschäfte, die uns bevorstehen. ich überlasse mich zum voraus der frohen Hoffnung, daß ich mit Deinen Ansichten wieder so ganz übereinstimmen werde, wie es im letzten November der Fall war. Es ist dies die schönste Weihe, die eine innige Jugendfreundschaft erlangen kann, daß man auch später im Ernste des Geschäftslebens sich auf ungezwungne Weise wieder zusammenfindet. |

Empfehle mich bestens Deinen verehrten Eltern, für deren Gesundheit ich die herzlichsten Wünsche hege, u. sey herzlich gegrüßt

von Deinem treuen

J J Blumer-Heer.

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