Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Schweizer

AES B0607 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#452*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 4

Alfred Escher an Heinrich Schweizer, Belvoir (Enge, Zürich), Samstag, 6. Januar 1849

Schlagwörter: Amtsbürgermeister/Regierungspräsident ZH, Freundschaften, Universitäre Studien, Wahlen

Briefe

Mein lieber Freund!

Empfange meinen besten Dank für die herzlichen Glückwünsche, welche Du mir bei Anlaße meiner Wahl zum Bürgermeister des Cantons Zürich in Deinem lieben Briefe vom 29sten v. M. dargebracht hast.

Sei überzeugt davon, daß je mehr & je tiefer ich in den Strudel des politischen Lebens hereingerissen werde, ich desto lieber nach dem freundlich stillen Eilande zurückblicke, dem mich so frühe & so gewaltsam die unerbittliche Woge der inhaltsschweren Ereignisse in unserm Lande enthoben. Und wenn ich meine Blicke fast sehnsüchtig nach diesem Eilande zurückwende & dann meine ganze harmlose Jugend vor mir steht, so kannst Du versichert sein, daß ich mit Anhänglichkeit & Dankbarkeit bei meinen Lehrern & so auch bei Dir verweile, habe ich doch nächst meinen Eltern größtentheils meinen Lehrern zu verdanken, was nun in engern & weitern Kreisen so viel, ich sage es ohne Ziererei, zu viel Aner| kennung findet.

In hohem Maaße fühle ich, wie sehr ich Deiner & der vielen Glückwünsche, welche mir von Seite anderer bewährter Freunde zukamen, bedarf. Ich soll in die Fußstapfen eines Mannes1 treten, der bei den ausgezeichnetesten Eigenschaften des Geistes & des Herzens die Liebe des Zürcherschen Volkes sich in einem seltenen Maaße zu erwerben wußte: ich bin, wie mir Gerold Meier von Knonau schrieb, von den 82 Bürgermeistern, welche der Stand Zürich bisanhin gehabt, der erste, der schon in so jungen Jahren zu dieser Stellung berufen wurde: ich verberge mir endlich die außerordentlich schwierige Aufgabe nicht, welche eine Regierung in dieser verhängnißvollen Zeit zu lösen hat. Aber alles dieses schreckt mich nicht, das Unmögliche wird man von mir nicht fordern. Und das mögliche werde ich durch Anstrengung aller meiner Kräfte zu leisten suchen. Arbeit war mir bisanhin keine Last & wird es mir hoffentlich nie sein! Dagegen beschleicht mich oft ein wehmüthiges Gefühl, wenn ich bedenke, wie der Staat mich so frühe völlig in Beschlag genommen – wenn ich mich so ausdrücken darf – & mir selbst entrissen hat! Jene schöne Zeit nach Vollen| dung der Universitätsstudien, da man noch fortbauen kann an dem Baue der eignen wissenschaftlichen Vervollkommnung2, ohne durch Anforderungen, die von außen her an einen gestellt werden, abgezogen zu werden, jene Zeit, da man sich selbst im schönsten Sinne des Wortes leben kann, war für mich so viel als nicht vorhanden! In den Jahren, in welchen man noch in die Scheunen sammeln sollte, um später davon zehren zu können, wollte bereits alles an mir zehren! Nun denn! Ich will mich damit zu trösten suchen, daß, was geschah, nicht ausgewichen werden konnte & daß die Gewalt der Umstände schon oft nicht etwa bloß schwaches Schilfrohr, sondern festen Stahl zu beugen & zu brechen vermochte.

Empfange mit meinen aufrichtigen Wünschen für Dein & der Deinen Wohlergehen meine herzlichen Grüße.

Dr A Escher

Belvoir
6 Janr 1849.

Kommentareinträge

1Gemeint ist Jonas Furrer.

2Ursprünglich wollte Alfred Escher vor dem Eintritt in die Politik seine wissenschaftliche Ausbildung vervollständigen. Vgl. Eschers Aufstieg in der Politik (1842–1848), Die Politik