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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Schweizer

AES B0596 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#452*

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 3

Heinrich Schweizer an Alfred Escher, Rüti (ZH), Freitag, 29. Dezember 1848

Schlagwörter: Amtsbürgermeister/Regierungspräsident ZH, Freundschaften, Kirchenrat ZH, Krankheiten, Wahlen

Briefe

Mein Lieber!

Als ich zu Ende der verflossenen Woche an Deinen theuern Vater einige Zeilen richtete, ahnete mir, was diese Woche Dir bringen würde und sprach Dir und Deinen verehrten Eltern zum voraus meine Glückwünsche aus, mit dem Bedauern, daß sehr hartnäckige rheumatische Schmerzen mir fast jedes Ausgehen erschweren u. fast unmöglich machen. Am Dienstag u. Mitwoch aber, je mehr Deine Berufung zur höchsten Würde unsers Staates1 sich näherte u. deßhalb keine Zweifel mehr vorhanden waren, zog es mich unwiderstehlich nach Zürich, um Dich persönlich nach langer, langer Zeit wieder einmal zu sehen u. Dir mündlich auszusprechen, was mein Innerstes für Dich fühlt u. wünscht. Am Donnerstage in Zürich angelangt bereiteten mir meine Kreuz- u. Hüftleiden ein wahres Kreuz! Bei der äußerst ungünstigen Witterung mußte ich meistens an d. Wühre im Zimmer zubringen, von welchem aus ich jedes über d. Meisenbrücke fahrende Gefährte ins Auge faßte, um etwa dasjenige von Belvoir zu erblicken u. dann geschwind mich in dasselbe zu setzen u. nach Belvoir fahren zu lassen. Allein umsonst! Auf dem Rathhause, wo ich Dich aufsuchte, konnte mir niemand sagen, wo Du etwa in d. Stadt sein möchtest. –– Nach dem Essen hatte ich eine Besprechung mit Herrn Dr Rahn-Escher2, von welchem ich die neuste schwere Erkrankung Deiner verehrten Mutter, zugleich aber auch, Gott sei Dank! deren Rettung u. Reconvalescenz vernommen. Dieses bestärkte mich in d. Vorhaben, den Nachmittag bis zur Abfahrt des Dampfbootes noch zu einem Besuche auf Belvoir zu benutzen. Allein Herr Dr Rahn widerrieth mir dieses b. dem abscheulichen Wetter aufs entschiedenste, wenn ich nicht ganz u. bedeutend erkranken wolle. Es blieb mir daher nichts übrig, als wieder in meine Herberge zu gehen u. dann per Dampf bis Schirmensee u. von da per Post nach Rüti zurück zu kehren.

Nun aber lasse ich es mir nicht nehmen, Dich im Geiste zu besuchen u. Dir schriftlich zunächst meine innigsten Grüße u. Wünsche zu bieten, zu der Würde, die Dir nun übergeben worden. Glaube mir, mit der lebendigsten Theilnahme u. treuesten Liebe habe ich Dich seit Jahren begleitet, wie Du von Stufe zu Stufe heran stiegst in unserm Staatesleben, u. zumal auch das gegenwärtige Jahr hindurch, wie ein Ruf nach dem andern Deine Kenntnisse, Deinen Willen u. Deine Thätigkeit im engern u. weitern Vaterlande in Anspruch genommen und vielfach ehrenvoll erprobte! Und die Krone von Allem! Gott segne Dich u. rüste Dich aus mit Weisheit und Kraft heilsam einzugreifen u. zu wirken nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für kommende Zeiten! –– Mit der Würde geht aber stets auch die Bürde gepaart, u. manche Dornen auf Deiner politischen Laufbahn haben Dir diese erschweren wollen, aber nicht unterbrechen können. Edle u. reine Charaktere suchen solche Schwierigkeiten, auch wenn | sie noch so bitter u. verletzend erscheinen, zwar nicht, aber fürchten sie auch nicht; sie sind zu überwinden, u. jeder Sieg stärkt die Kraft, u. das reine Bewußtsein u. die Achtung u. Anerkennung der Unbefangenen ist köstlicher Lohn u. der schönste Triumpf! Das ist Dir nun geworden, mein Theurer, Lieber, u. ich beglückwünsche Dich dazu von ganzem Herzen.

Ein großer, ruhm- u. segensvoller Wirkungskreis hat sich Dir u. Deinem regen, rüstigen Schaffen geöffnet, und eine jugendlich-männliche Kraft des Körpers u. des Geistes, verbunden mit der seltenen Gunst glücklicher äußerer Verhältnisse macht Dir Vieles leicht u. möglich, was Andern vielleicht unmöglich wäre. Ermunternde Vorbilder aus dem Geschlechte, dem Du angehörst, leuchten Dir voran, Dich verdient zu machen ums Vaterland! Von Mehrern nenne ich hier nur den edeln Republicaner, der Dir noch am nächsten gestanden, Escher von der Linth3! Und wenn ich noch einen ehrwürdigen, mir unvergeßlich theuern Mann nennen darf, den Du noch kanntest, u. der sich in frühern Jahren wie e. väterlicher Freund nach Dir sich erkundigte, so oft ich denselben von Zeit zu Zeit zu sehen Gelegenheit hatte, so ist es der im Leben von e. gewissen Seite so vielfach mißkannte u. so bitter verfolgte edle Meier von Knonau4. Wenn Einer ein wahrhaft liberaler u. unerschütterlich fester Freund seines Volkes u. Vaterlandes war, so ist es dieser gewesen. Seine Weisheit u. feste selbstständige Kraft, seine Humanität u. Milde haben ihn, den fast blinden Mann, durch fast 40 Decennien hindurch unentbehrlich gemacht in d. wichtigsten Zeitverhältnissen u. Geschäften. Solche Männer und solche wahrhaft edle Charaktere bedarf unsre Zeit! Sei u. bleibe Du ein solcher! Bezeichne Deine Jahre mit Thaten, wie sie der besten Bürger würdig sind, u. wie wir sie nicht selten auch an den Vorstehern u. Führern unsers Landes gewohnt sind. Alle meine Kenntnisse und Beobachtungen über Dich müßten mich täuschen, wenn ich nicht mit voller Überzeugg es aussprechen dürfte u. könnte: Das willst Du! und das wirst Du!

Auch am kirchlichen Leben wirst u. bist Du nun berufen, Antheil zu nehmen. Auch dessen freue ich mich! Sicher wirst Du finden, daß auch im christlichen Gebiethe die Geister lange nicht so weit aus einander stehen, als es im Leben oft den Anschein hat. Vom Herren Bürgermeister u. Kirchenrathe wünsche ich für meine Person nichts! Ich bin zufrieden mit dem, was mir geworden, u. bitte Gott, daß es mir möglich werde noch längere Zeit u. nicht ganz ohne Segen zu wirken. Aber unser kirchliches Leben u. Alles, was ein wahrhaft christliches Leben in unserm Volke zu erhalten u. zu heben geeignet ist, das empfehle ich Dir als eine heilige Angelegenheit mit aller Wärme und Treue! Auch in diesem Theile Deines großen Tagewerkes möge der Geist Gottes Dich leiten u. stärken und Gottes Liebe u. Treue Dich segnen!

Entschuldige freundlich, wenn ich immer noch fortfahre, in unserm Privatverhältnisse | Dich mit dem alten traulichen Du anzureden. Ich kann unmöglich anders! Du lebst zu tief in meinem Herzen! Es hieße, die Erinnerung an unser früheres, mir Zeit Lebens theures Verhältniß aus meinem Gedächtnisse u. Herzen heraus reißen wollen! –– Dem lieben, theuern Freunde was dem Freunde, dem Amte u. den äußern Verhältnissen aber was diesen gebührt!

Aus einem an Ereignissen u. Erlebnissen für Dich so reichen Jahre hinüber in ein neues, für Dich und unser Vaterland wohl nicht minder wichtiges geleite Dich Gott! Er segne Dich im staatlichen Leben, in Deinem auch mir unvergeßlich lieben Familienkreise, u. in Deinem eigenen Herzen in reichem Maße u. auf mancherlei Weise!

Immer in treuester Liebe
Dein

Pfr. Schweizer in Rüti

Rüti 29 Decbr 1848

Noch bitte ich Dich, Deinen theuern Eltern meine besten Wünsche u. Empfehlgen zu sagen. Nächster Tage soll indessen ein besonderes Briefchen an Herrn Escher nachfolgen. Vorläufig nur dieses zum Beweise, daß ich dessen lieben Zeilen u. Sendung gestern b. mr Rückkehr v. Zürich vorgefunden.

Kommentareinträge

1Alfred Escher wurde am 27. Dezember 1848 zum Amtsbürgermeister des Kantons Zürich gewählt. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 147; Turicensia, Absatz 2.

2 Hans Konrad Rahn-Escher (1802–1881), Arzt und Grossrat (ZH). – Rahn-Escher war Lydia Escher-Zollikofers Arzt. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 241.

3 Hans Conrad Escher von der Linth (1767–1823), Politiker und Geologe. – Escher von der Linth war einer der führenden Politiker der Helvetischen Republik (1798–1803). In dieser Zeit prägte er auch die zürcherische Politik entscheidend und wirkte als Herausgeber des «Schweizerischen Republikaners». Ab 1814 war Escher von der Linth Mitglied des Zürcher Grossen und Kleinen Rats, später des Staatsrats. Als Präsident der Linthkommission hatte er in den Jahren 1807–1822 die geschäftliche und technische Leitung der Linthkorrektion inne, welche die Lebensbedingungen der dortigen Bevölkerung nachhaltig verbesserte. Vgl. HLS online, Escher Hans Conrad (von der Linth); HBLS III, S. 78; Linth-Escher-Stiftung, Hans Conrad Escher von der Linth, S. 390–405.

4 Ludwig Meyer von Knonau (1769–1841), liberaler Zürcher Staatsmann, Jurist und Historiker. – Als langjähriges Mitglied exekutiver und legislativer Gremien nahm Meyer von Knonau Einfluss auf die Entwicklung des Kantons Zürich. In den Jahren 1830/31 war er als Mitglied der Verfassungskommission an der Ausarbeitung der neuen Kantonsverfassung beteiligt. Vgl. Schmid, Zürcher Kantonsregierung, S. 321.