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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Bollier

AES B0586 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#124*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 85

Rudolf Bollier an Alfred Escher, Zürich, Montag, 23. Oktober 1848

Schlagwörter: Krankheiten, Nationalrat, Wahlen

Briefe

Mein Lieber!

Troz aller Intriguen & schlechter Mittel, die gegen mich & für Ziegler1 von Conservativen & s.g. Liberalen angewendet wurden, bin ich nun doch aus der Wahlurne hervorgegangen.2 Für Ziegler wurde das Möglichste gethan & er brachte es doch ungeachtet seiner Popularität & meiner Unpopularität nicht viel über 800 Stimmen.3 In Stäfa eiferte Präsident Mohr4 in ser Eröffnungsrede für Ziegler & empfahl ihn aufs Eindringlichste. Dort & in mehreren andern Gemeinden wurden am Samstag Abend & Sontag Vormittag «Ersatz-Wahllisten» von Haus zu Haus getragen & dabei den Leuten gesagt: ich habe erklärt, daß ich eine Wahl nicht annehmen werde & darum werde Ziegler an meiner Stelle vor geschlagen: es sei dieß in einer zweiten Vorversammlung von Liberalen so festgesetzt worden. In Wetz. kam ganz das selbe Spiel. Solche Wahllisten wurden dort an die Kirchthüren geheftet. – Daß ich nun doch gewählt worden bin, freut mich, wenn ich auch gewiß keinen besondern Werth auf die Wahl setze. Es hätte allerdings an meine Stelle ein Tüchtigerer gewählt werden können. – Deine & | meine Wahl sind für gewisse Leute, & auch für die «Eidg-Ztg» harte Nussen, an denen sie sich die Zähne ausbeißen mögen. Das dirigirende Comité, das Escher-Bolliersche Regiment (wie sie sich jetzt ausdrücken) hat scheints doch noch Wurzeln im Volk!5 Andere «Umsichtige» dürfen sich dieses auch merken. – Dagegen zeigt sich schlagend, daß Homberger6 nicht beliebt ist & die Hartnäckigkeit gewisser Leute, mit der sie auf dem Vorschlage beharrten, dürfte schlechte Früchte tragen. So schwer es fallen mag, muß nun doch das Möglichste für seine Erwählung gethan werden, um die Schmach vom K Zürich abzuwenden, daß er nicht den großen Apostaten Gujer7 liefert. –

In hier heißt es, Hr Benz8 sei an einem Schlagfluße9 vom Pferde gestürzt & liege nun gefährlich krank.10 Ist dem so? Ich ersuche Dich dringend mir hierüber umgehend zu schreiben, da seine Mutter11 fast verzweifelt & mich bat, Dich doch um Nachricht zu bitten! Wäre es wirklich gefährlich, so würde sie nach dem Tessin kommen. Sie wollte jetzt schon abreisen, allein ich suchte sie davon abzuhalten!| Wie geht es Dir? Geht Euere Mission noch nicht bald zu Ende? Hoffentlich doch vor Eröffnung des Nat- & Ständerathes.

Empfange die herzlichsten Grüße von Deinem treuen Freunde

B

Zürich den 23 Oct 48.

Kommentareinträge

1 Paul Karl Eduard Ziegler (1800–1882), eidg. Oberst, Regierungs- und Grossrat (ZH).

2Im zweiten Wahlgang vom 22. Oktober 1848 kandidierten Bollier und Ziegler im selben Wahlkreis für einen Sitz im Nationalrat. Bollier wurde an diesem Tag zusammen mit Hans Heinrich Hürlimann (1806–1875) gewählt, während Ziegler erst im vierten Wahlgang vom 4. November 1848 in einem anderen Wahlkreis den Einzug in den Nationalrat schaffte. Vgl. Gruner, Nationalratswahlen III, S. 9–10.

3 Ziegler erhielt 884 Stimmen (32,7%), während Bollier mit 1513 Stimmen (56%) gewählt wurde. Vgl. Gruner, Nationalratswahlen III, S. 9.

4 Jakob Mohr (Lebensdaten nicht ermittelt), alt Gemeinderatspräsident von Stäfa.

5Sachverhalt nicht ermittelt.

6 Heinrich Homberger (1806–1851), Kantonsprokurator (ZH). – Homberger wurde im dritten Wahlgang von 29. Oktober 1848 in den Nationalrat gewählt. Vgl. Gruner, Nationalratswahlen III, S. 9.

7 Heinrich Gujer (1801–1868), Grossrat (ZH) und Statthalter des Bezirks Pfäffikon (ZH). – Gujer trat bei den Nationalratswahlen in Zürich an, wurde jedoch nicht gewählt. Vgl. Gruner, Nationalratswahlen III, S. 9.

8 Rudolf Benz (1810–1872), Regierungsrat und Oberrichter (ZH). – Benz hielt sich seit Anfang Oktober mit seinem Bataillon zur Unterstützung der eidgenössischen Kommissäre im Kanton Tessin auf. Vgl. Weinmann, Risorgimento II, S. 177; Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, 9. [Oktober] 1848.

9Schlagfluss: Schlaganfall.

10Sachverhalt nicht ermittelt.

11 Dorothea Benz (geb. 1783), Näherin.