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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Bollier

AES B0584 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#124*

Rudolf Bollier an Alfred Escher, Zürich, Dienstag, 17. Oktober 1848

Schlagwörter: Nationalrat, Wahlen

Briefe

Mein Lieber!

Vor Allem meine herzlichsten Glückswünsche zu Deiner Wahl in den Nationalrath! Das Ergebniß freut mich innig. – Ich will es unterlassen hier Zahlen anzuführen, da Du dieselben in dr N.Z.Z. findest. Dagegen muß ich einen Irrthum in der gestrigen Nummer berichtigen. Sidler ist nämlich auch im 4ten Wahlkreise gewählt, hat aber im Iten angenommen. Im 4ten WKreise hat sich sonst kein absolutes Mehr ergeben & es erfolgt daher dort nächsten Sontag neben einer neuen Wahl (für Sidler) die Fortsetzung der Wahlverhandlungen. Im 2ten Kreise hat Muralt abgelehnt & Fierz wird es ebenfalls thun. (Bis zur Stunde ist seine Erklärung noch nicht einge kommen; – gestern hat er mir jedoch mündlich erklärt, daß er durchaus nicht annehme). Im dritten Kreise handelt es sich nur noch um ein drittes Mitglied & wahrscheinlich wird Homberger gewählt werden. Neben ihm hat Gujer die meisten Stimmen. Drei Wahlkreise müssen also am Sontag wieder zusammen- | treten. Im 4ten werden ohne Zweifel Weidmann Sekundarlehrer Meier & Benz odr Dr Unholz gewählt werden. Man findet es – militairisch genommen etwas sonderbar, daß sich ein BatllsChef von sn Batalln wählen lasse, in dem man glaubt, es müsse dieß der Subordination Eintrag thun. – So eben war Bi bei mir & erklärte, daß er nun (mit Begeisterung) darauf dringen werde, daß ich an die Stelle von Fierz gewählt werde. Ich trat nicht näher mit ihm ein, sondern erklärte ihm lediglich, er möge thun, was er für gut finde – ich werde es auch so machen. Ohne Zweifel werden im II Kreise Hürli mann-Zürcher & Oberstltt Brändli von Jona gewählt werden. ­

An der äußerst geringen Theilnahme an den Wahlen, sieht man, wie wenig im Ganzen gethan worden ist – & wie sehr es der liberalen Partei an einem inneren Zusammenhange fehlt. Doch glaube ich der Hoffnung Raum geben zu dürfen, daß diese Wahlen manche gewitzigt haben, so daß künf tig vielleicht weniger über das Dirigiren von oben herab geschimpft wird. –

Die Versammlung von der ich in meinem Letzten sprach, hat wirklich gethan, was sie sich vorgenommen hatte: sie wirkte | nach Kräften gegen Deine Wahl – sie hat aber auch den schlagendsten Beweis ge leistet, daß sie ohne Bedeutung ist. Wie land hat ihr Wirken dadurch ganz un schädlich gemacht, daß er in der Ver sammlung auf dem Café lit. erklärte, es wäre die größte Schmach für die Liberalen, wenn Du nicht gewählt würdest & er werde eine Wahl nur dann annehmen, wenn Du gewählt werdest. An der Spitze der erstern standen Quartmstr Abegg, Weiß-Leutold, Wunderli in der Poststraße, dann Singer & Cons. Der Vorwurf den sie Dir machen, ist, zu seiest zu herrisch, zu dicktatorisch etc. – Ich bin überzeugt, daß diese «Liberalen» viel lieber einenm Ziegler als einem entschiedenen Liberalen stimmen. – Diesen Augenblick war Herr Wild von Wald bei mir & erklärt die Nicht annahme. Alles bitten half nichts – er beharrt mit Entschiedenheit auf der Ablehnung – so schwer es ihm ankomme. Müßte der Wahlkreis sonst nicht zusammentreten, so würde er für einstweilen angenommen haben. –|

Eine Stunde später. ­ Herr Furrer bringt die freudige Nachricht, Wild habe sich zur einstweiligen Annahme bereden lassen. – Es ist dieß gewiß von der größten Wichtigkeit, denn es hätte die Ablehnung Aller ein schlechter Eindruck auf die Wähler machen müssen. –

Die N.Z.Z. wird dir die freudige Post bringen, daß die Liberalen in St Gallen vollständig gesiegt haben!

Empfange meine herzlichsten Grüße.

Stets Dein treuer

B.

Zürich 17 Oct 48.

PS.

Fierz hat entschieden abgelehnt. ­

Ullmer, der soeben bei mir eintrittet, läßt Dich herzlich grüßen.