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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B0583 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

In: Jung, Aufbruch, S. 968 (auszugsweise), 970 (auszugsweise) | Largiadèr, Rüttimann, S. 56–58

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, Zürich, Samstag, 14. Oktober 1848

Schlagwörter: Attentate und Anschläge, Ausländische Einmischungen (Schweiz), Erziehungsrat ZH, Flüchtlinge (Italien), Regierungsrat ZH, Ständerat, Wahlen

Briefe

Zürich 14 Okt. 1848.

Mein lieber Freund.

Deine Mittheilungen über das Benehmen der lombardischen Flüchtlinge & über Euer Verhältniß zu den tessinischen & östreichischen Gewalthabern haben mich sehr interessiert. Überrascht bin ich keineswegs durch Deine Schilderung der kriegerischen Fuorusciti; man kann nach Allem, was geschehen ist, nichts Anderes von ihnen erwarten. Der neue Aus bruch des Kraters in Wien nebst den Vorgängen in Ungarn, von denen man hier in diesem Augenblicke immer noch nichts Bestimmtes weiß, werden ohne Zweifel auch auf Italien eine bedeutende Rückwirkung ausüben. Die diplomatische Correspondenz zwischen Bern & Wien (auch wenn sie durch Estaffette befördert wird) kann unter diesen Umständen für einsweilen nicht weit führen. Der Wille des alten Eisenfressers in Mailand ist offenbar viel bedeutender als irgend eine Entscheidung des Minister-Rathes. Wäre es nicht praktischer geradezu mit dem zu unterhandeln, der die Macht hat, anstatt mit dem Schatten einer Regierung in Wien viele Zeit zu verlieren?

Die Mordthaten in Franckfurt, Pesth & Wien kommen mir gräuelhaft vor. Wir sind im Reg.Rath Einmüthig darüber, die Ermordung der Abgeordneten Lichnowsky & Auerswald nicht als politisches Verbrechen zu behandeln, sondern die Schuldigen, wenn sie hier betreten werden, auszu liefern. – An der teutschen Grenze wimmelt es gegen wärtig von Truppen. Die Dörfer Lottstetten & Jestetten sind von ein Paar Compagnien Badensern besetzt. Wir haben uns deßhalb nicht zu außerordentlichen Maaß regeln veranlaßt gefunden, sondern uns begnügt, die Bürgerwachen unbewaffnet patrouilliren zu lassen. Bis jetzt sind uns noch keinerlei Klagen über Störung des Grenzverkehrs u. d.gl zugekommen.

Was die Wahlen betrifft, so sind deine Besorgnisse nicht ganz unbegründet. Nicht zwar, daß man es von unserer | Seite an Thätigkeit habe fehlen lassen; aber wir leiden eben an Gebrechen, die nur durch neue schlimme Erfahrungen deutlich zum Vorschein kommen & dann vielleicht auch wieder heilen werden. Für einmahl aber halte ich es für unmöglich, den Schaden zu beseitigen. Je eifriger man dagegen sich wehrt, desto schlimmer wird das Übel. Es sind die vielen persönlichen Reibungen & Eifer süchteleien, durch welche unsere in den Principien ziemlich einige Partei auf eine jämmerliche Weise zersplittert wird. Ich weiß, daß Du gewissen Er scheinungen weniger Bedeutung zuschreibst als ich, aber ich kann Dir versichern, daß gerade in der letzten Zeit wieder Manches sich gezeigt hat, was mich in meiner Meinung bestärkt.

Fatal ist es auch, daß gerade jetzt die Weinlese im vollsten Gange ist. Ich fürchte, daß dieser Um stand um so eher nachtheilig wirken kann, weil die Wahlen nicht in den Gemeinden sondern in den Zünften Statt finden sollen. Froh wären wir Alle, Dich hier zu haben; auch begreife ich, daß Dir die Geduld fast ausgeht. Indeß wirst Du in Deinem jetzigen Wirkungskreise auch Manches Neue & Interessante finden, was Dich für die Unannehm lichkeiten schadlos hält. Mit Vergnügen lese ich so eben in der NZ. Zeitung, daß Radetzky die Sperre aufgehoben habe. Wird dieß eine Beschleunigung Eurer Rückkehr zur Folge haben? Ich wage es kaum zu hoffen, da eben Eure Gegenwart eine der Garantieen bildet, durch welche die Sinnes-Änderung des Siegers von Custozza herbeigeführt worden ist.

Orelli befindet sich seit einiger Zeit wieder hier. Er ist sehr vergnügt & scheint mit Beziehung auf seine Wahl-Niederlage gar keinen Groll zu hegen. Einzig auf Freund Benz hat er immer noch einen ziemlichen Zahn. Er würde sehr gerne an meiner Stelle in den Reg.Rath eintreten. Es ist dieß aber ein sehr delicater Punkt. Eine | zweite Niederlage dürfen wir doch nicht riskiren. Benz wird im IV. Wahlkreise als Candidat poussiert. Bollier wäre mir viel lieber gewesen; aber man muß den Leuten ihren Willen lassen. Sein Bataillon wird ohne Zweifel seine Candidatur kräftig unterstützen. Aber kann er am 6. Nov. in Bern sein?

Mit Beziehung auf die vakante Professur des teutschen Privatrechtes hast Du mir nicht ge antwortet. Ich habe vorläufig mit Brändli Rücksprache genommen; er will nach Tübingen schreiben. Ich sollte nothwendig Keller eine Antwort geben. Apropos: Ich finde, der Erz.Rath sollte doch Fried. Wyß wieder zu gewinnen suchen. Es steht mit unserer Facultät auch gar zu armselig. Ich kann nun wegen des Ständerathes im nächsten Winter auch wieder nicht lesen. So viel ich höre, wäre Wyß mit ein em bloßen Titel zufrieden zu stellen. Man sollte ihm hierin entgegen kommen. Er ist gewiß eine tüchtige Kraft & kann vielleicht mit der Zeit mehr leisten als mancher Michel, den wir mit Mühe & Kosten uns über den Rhein verschreiben. Man hat mir gesagt, Andere Privat-Dozenten könnten sich durch die Beförderung des H. Wyß zurückgesetzt fühlen. Ich kann bloß für meine Person versichern, daß es mich umgekehrt freuen würde, während ich meiner Seits eine solche Ehre nicht nur nicht wünsche, sondern sie wenig stens unter den gegenwärtigen Umständen durchaus nicht haben möchte.

Morgens wird Zollinger hier ein treffen. Bollier hohlt ihn in Baden ab.

Mit freundlichem Gruß an Euch Tedeschi Alle!

Dein

J R