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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Bollier

AES B0582 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#124*

Rudolf Bollier an Alfred Escher, Zürich, Donnerstag, 12. Oktober 1848

Schlagwörter: Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Nationalrat, Ständerat, Wahlen

Briefe

Mein lieber Freund!

Schon vor einigen Tagen tadelte ich mich, daß ich Dir noch nie geschrieben habe; – gleichwol habe ich absichtlich noch zugewartet, um Dir die Kanditatenliste für die Nationalräthe mittheilen zu können. – Zur Stunde ist dieselbe jedoch noch nicht fertig & ich befürchte fast, die Sache gehe etwas confus. Man verspürt den Mangel einer Oberleitung; allein hätte sich eine solche geltend machen wollen, so wäre ohne Zweifel die Confusion noch größer geworden. Worüber gewisse Leute in neuerer Zeit so lebhaft schimpften – über das Diktiren der Wahlen von oben herab – das thun sie jetzt selbst & zwar im höchsten Maaße. Die Bezirksmatadoren schreiben die Wahlen vor. – Folgendes sind die bis jetzt bekannten Canditaten. Für den I Wahlkreis: Wieland, A Escher, Sidler; –– für den II. Fierz, Wild, Notar von Wald & alt Bürgermstr Muralt; für den III. Statthltr Müller, alt Sttthltr Zangger & alt RRth Dr Ruegg & für den IV. RRth Benz, Dr Unholz & Sidler. Der I & IV Wahlkreis wollen sich noch verständigen, welcher von ihnen Sidler bringen wolle. Auf den Fall, daß er vom I gebracht wird, wird der IV Krauer oder Ryffel bringen. – In Zürich werden Versammlungen über Versammlungen gehalten & immer wird an der Wahlliste geändert & geflickt. Gestern Abend fand eine Versammlung der Ultraradikalen statt, welche mit Einmuth beschlossen hat, Alles mögliche gegen Deine Wahl zu thun. |

Es ist fast betrübend wahrnehmen zu müssen, wie wenig die Leute ihr Interesse & dasjenige des K. Zürich verstehen. Ein einziger Blick in die andern Kantone sollte ihnen die Augen öffnen. Für Bern, Argau usf werden nur die Tüchtigsten vorgeschlagen; – in unserm Kanton [wüthend?] man von gewisser Seite dagegen. Ohne Zweifel wird sie die Zukunft belehren.

Daß Rüttimann in den Ständerath & nicht in den NatRath gewählt wurde, gefällt mir nicht. Leider fällt die Schuld hierann auf unsern Freund Benz, der während des letzten Gr Rathes die Sache durch seine Hastigkeit & Deklamationen verdarb. Er machte begreiflich, daß ich nicht gewählt werden könne, indem die Regung sonst verwaist & der Einfluß Zehnders zu groß wäre & schlug daher Surber vor. Andern gefiel dieser Vorschlag nicht & daher zersplitterte man sich. Nachher bedauerte er lebhaft so gehandelt zu haben, in dem er die Überzeugung gewonnen habe, daß meine Wahl ganz gesichert gewesen wäre. Ebenso soll er sich in der Vorversammlung der Großrathsmitglieder hinsichtlich der Wahlen für den 2ten Wahlkreis über meine Person ausgesprochen haben – was natürlich bei Einigen lebhaften Anklang fand. Jetzt findet er, meine Wahl wäre dort gesichert gewesen, & bedauert es lebhaft – weil Muralt vorgeschlagen ist! – Für meine Person ist mir dieß zieml. gleichgültig – allein fatal ist es, daß das Ganze darunter leidet. – Noch ist jedoch keineswegs sicher, daß nach der obigen Wahlliste werde gewählt werden, denn es ist sicher, daß der Bezirk Affoltern darauf drängt, daß statt Sidler, entweder Sttthltr Hegetschweiler, Oberr. Amann oder Bürgermstr Muralt gewählt werde. Auch ein Theil der hies. Liberalen, will à tout prix Bgstr | Muralt gewählt wissen. An der Spitze dieser Liberalen steht Bzksgchtspsdt Ullmer, der mit allem Eifer für Muralt arbeitet. In Pfäffikon dringen sie auf die Erwählung vom Oberst Ziegler. – Mousson soll sich alle Mühe geben gewählt zu werden; allein die Conservativen werden sich auf Muralt & Ziegler werfen, weil sie wissen, daß diese besser ziehen. –

Im Gebiete des Schimpfens ist eine Windstille eingetreten. Ich habe es Einige wissen lassen & diese fanden sich veranlaßt sich schriftlich oder mündlich bei mir zu entschuldigen. Einzig habe ich vernommen, daß Dr Horner gewaltig über die Rgung losziehe & besonders über mich. - Auch die freien Stimmen schweigen. Du warst so glücklich von denselben nebst 23 Andern als Kanditat gebracht zu werden. –

Daß Honegger Bräutigam geworden ist, wirst Du bereits wissen. Er ist wahrhaft glückselig. Ich bin noch immer «unverändert». Hechingen ist noch immer mein höchstes Bestreben, ­ während Heiri Dich in Deiner Abwesenheit gehörig vertritet. – Bei uns sonst nichts Neues von Bedeutung. Dagegen in Wien wieder eine neue Revolution. Was wird am Ende heraus kommen?

Daß Du Dich, wie ich aus den von Dir in hier eingehenden Berichten höre, wohl befindest, freut mich herzlich. Mich freut ferner, daß die dortige Temperatur Deinem Temperamente entspricht. Komm nur nicht etwa zu südlich zurück! –

In der Hoffnung bald einen Brief von Dir zu erhalten, grüße ich Dich herzlichst & verbleibe stets Dein treuer

B

Zürich d 12 Oct 48.|

PS.

Zollinger hat mir von Marseille aus geschrieben, er in den nächsten Tagen in hier ankomme. Er macht Miene die Wahl nicht annehmen zu wollen; er werde sich jedoch zuerst mit mir besprechen & meines Rathes pflegen. Ich habe ihm bereits geantwortet & hoffe einer großen Calamität vorbeugen zu können.

B