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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B0576 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

In: Jung, Aufbruch, S. 956 (auszugsweise) | Largiadèr, Rüttimann, S. 51–53

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, Zürich, Donnerstag, 21. September 1848

Schlagwörter: Attentate und Anschläge, Ausländische Einmischungen (Schweiz), Bundesrat, Bundesstadt (Wahl), Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Nationalrat, Regierungsrat ZH, Ständerat, Tagsatzung, Wahlen

Briefe

Zürich 21. Sept.1848.

Lieber Freund.

Da wir sehen, daß sich die Tagsatzung noch einigermaßen in die Länge ziehen wird, so können natürlich die Einleitungen der Wahlen in den Nationalrath nicht bis zu Eurer Rückkehr verschoben bleiben. Bei der ersten Berathung haben wir (Furrer, Bollier & ich) Deinen Entwurf zu Grunde gelegt & denselben mit wenigen untergeordneten Veränderungen dem Regierungsrathe als Antrag hinterbracht. Wir weichen nähmlich einzig darin von deiner Ansicht ab a) daß wir nicht mehr als drei Scrutinien zulaßen & im dritten Scrutinium nöthigenfalls durch Anwendung des relativen Mehrs abbrechen wollen und b) daß wir dafür halten, daß die Mitglieder des Ständeraths zum Voraus zu wählen & ihnen die gleiche Amtsdauer & die gleiche Entschädigung zuzuerkennen sei, wie den Mitgliedern des Nationalrathes. Wir finden, es soll der Ständerath nicht als ein bloßes Anhängsel des Nationalrathes behandelt; es soll nicht gewissermaßen offiziell zu verstehen gegeben werden, daß man Niemandem, der eine Aussicht auf eine Stelle im Nationalrath habe, die Annahme einer Wahl in den Ständerath zumuthen könne, vielmehr soll der Große Rath sich bemühen, tüchtige Repräsentanten des Kantons Zürich in den Ständerath aus zu mitteln. Würde man umgekehrt verfahren, so hätten die nachträglich gewählten Ständeräthe zu gewärtigen, daß man sagen würde, bei den directen Wahlen seien sie durchgefallen, sie besitzen das Vertrauen des Volks nicht u. s. f. |

Das zweite Frankfurter Attentat scheint ungefähr die gleiche Bedeutung gewonnen zu haben, wie das erste. Wichtiger sind die Ereignisse in Sicilien & in Ungarn. Wenn nicht Alles täuscht, so nimmt die Reaction alle die Positionen, die sie im Frühjahr en gros verloren hatte, ganz allmählig en détail wieder ein. Mit unsern Nachbarn (Frankreich ausgenommen) ist nun auch das alte Verhältniß oder ein noch schlechteres wieder vorhanden. In dieser Beziehung haben uns die öffentlichen Tagsatzungsverhandlungen nie etwas genützt. Ich hoffe, daß in Zukunft solche Dinge nicht von der Bundesversammlung, sondern von dem Bundesrathe behandelt werden. Denn eine Sprache, wie sie in parlamentarischen Verhandlungen häufig geführt wird, um Popularität zu erwerben, muß nothwendig die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Nachbarstaaten stören. Gegen das Großherzogthum Baden werden wir uns nicht helfen können, wenn nicht die neuen Bundesbehörden uns durch hohe Zölle auf Badische Producte (Markgräfer Weine, Getreide u. s. f.) beistehen. Was Radetzkys Maßregeln betrifft, so kann man freilich auch Repressalien üben, muß dann aber gewärtigen, daß er seine Anordnungen gegen Tessin auf die ganze Schweiz ausdehnt. Eine Beschwerde in Wien dürfte vielleicht zum Ziele führen, wenn sie etwas weniger categorisch lauten würde als die Abfertigung der von Radetzky verfaßten Noten.

Confidentiell theile ich Dir mit, daß Ludwig Snell Herrn Furrer aufgefordert hat, daß wir doch Alles aufbiethen sollen, um Zürich zur Bundesstadt zu erheben. Der Brief ist wunderschön geschrieben; es ist Schade, daß man ihn nicht | abdrucken darf. Aber Snell wäre, glaube ich, seines Lebens nicht sicher, in Bern, wenn man dort vernähme, wie er sich geäußert hat. Die Stadt Zürich wird allerdings auch Anerbiethungen machen: Abtretung des schönen Platzes hinter dem Stadthause, Wegschaffung der in der Nähe befindlichen häßlichen Gebäude, Geldbeiträge u. s. f. Natürlich kann Zürich es Bern nicht gleich thun, weil die Stadt Bern enorm reich, die Stadt Zürich eher arm & durch den Beitrag von 20,000 Kr. für die Universität beengt ist. Indeß, wenn die Stadt das Ihrige thut, wird (denke ich) der Kanton auch nicht zurück bleiben. Dessen ungeachtet wird wohl Bern mit all den Mitteln, die ihm zu Gebothe stehen, den Sieg davon tragen.

So eben hat der Reg.Rath unseren Antrag behandelt & den selben mit zwei Abänderungen angenommen. Fürs Erste dürfen nur diejenigen im Kanton Zürich wohnenden Schweizerbürger (die Züricher selbst inbegriffen) an den Wahlen Theil nehmen, welche das zwanzigste Jahr zurück gelegt haben (Art. 63. der B.Verf.). Zweitens soll Eine Wahlcommission für alle vier Wahlkreise gebildet werden. (Wie? ist noch nicht festgestellt).

Lebe wohl! Dich & H. Zehnder grüßt auf Freundlichste
Dein

J R