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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B0574 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 83 | Jung, Aufbruch, S. 968 (auszugsweise) | Largiadèr, Rüttimann, S. 53–55

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, Zürich, Montag, 9. [Oktober] 1848

Schlagwörter: Ausländische Einmischungen (Schweiz), Bundesstadt (Wahl), Flüchtlinge (Baden), Flüchtlinge (Italien), Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Nationalrat, Regierungsrat ZH, Ständerat, Wahlen

Briefe

Zürich 9. Sept. 1848.1

Lieber Freund.

Über den Gang & Ausgang unserer GroßrathsVerhandlungen sind Dir (so viel ich weiß) bereits Mittheilungen von Furrer2 & Bollier3 zugekommen. 4 Mit Beziehung auf die Wahlen hat sich das Bedürfniß einer Vorberathung wieder recht deutlich heraus gestellt. Zuerst war davon die Rede, Furrer & mich in den Ständerath zu wählen. Nachher fand man, es sei zu viel an zwei Mitgliedern aus dem Regierungsrathe; auch wurde hin & wieder der Wunsch geäußert, einen von uns dem Nationalrathe vor zu behalten. Furrer erklärte auf das Entschiedenste, keine Wahl in den Nationalrath an zu nehmen; somit war man bald darüber einig, ihn dem Ständerath bei zu geben; hingegen mit Beziehung auf das zweite Mitglied ergab sich bei der Wahl eine ziemliche Confusion. Das Gleiche hätte sich auch bei der Wahl eines Oberrichters gezeigt, wenn dieselbe nicht verschoben worden wäre. Über die Verschiebung war ich sehr froh; ich erhalte dadurch eine Bedenkzeit, die mir höchst willkommen ist.

Die Vorbereitungen für die Ernennung der Nationalräthe sind nun in vollem Gange. Wahllisten sind noch keine gebildet. Was die Eidsgen. Zeitung hierüber berichtet, ist ungenau & beruht bloß auf vorläufigen Besprechungen, welche während des Großen Rathes| Statt gehabt haben.5 Aus der Mitte des RegRathes bist zur Zeit Du allein proponirt. Bollier hätte großen Werth daraufgelegt, irgendwo auf die Liste zu kommen. Man setzt ihm nahmentlich entgegen, er sei in Zürich unentbehrlich. Allein ein solcher Zucker versüßt die Arznei nicht. Für den Rath des Innern haben wir einigermaßen dadurch zu sorgen gesucht, daß wir Hagenbuch zugezogen haben. Im December könnte der Große Rath mich im Regierungsrathe ersetzen & so wäre es am Ende wohl möglich, Bollier einige Zeit in Zürich zu entbehren. – Daß die Conservativen ganz ausgeschlossen werden sollen, gefällt mir je länger je weniger. Es scheint mir weder recht, noch billig, noch klug zu sein. Ich will indeß meine Meinung für mich behalten, da sie keinen Anklang finden dürfte. – Es zeigt sich auch hier wieder, daß wir gewissermaßen zu wenig & zu viel Leute für solche Stellen haben. Zu wenig hervorragende Leute, denen Jeder freiwillig den Vorrang einräumen würde & zu viele Leute, die einander gewissermaßen in zweiter Linie Concurrenz machen können. Z. B. im zweiten Wahlkreise6 ist, wie billig, von H. Wild7 (Vater) in Wald die Rede. Dieß erregt aber die Eifersucht des H. Stadtmann8 & seines Schwiegervaters ( Ryffel9 ). Ähnliches wird sich überall offen zeigen, oder im Verborgenen Unheil stiften.| Ich treibe daran, daß man den gegenwärtigen Monath benutze, um einige gesetzgeberische Arbeiten für die Winter-Sitzung des Gr. Rathes vorzubereiten. Ich habe ein von dem Gr. Rathe schon oft & nahmentlich in der letzten Sitzung wieder dringend verlangtes Gesetz betr. die Strafbefugniß der Verwaltungsbehörden entworfen & es ist vom Reg.Rathe an eine Commission gewiesen worden.10 Ebenso ein schon lange in meiner Hand liegender Entwurf eines Polizei-Strafgesetzes (verfaßt vom Staatsanwalt Rahn11 ), der aber bedeutender Veränderungen bedarf & mir trotz der erneuten Mahnung des Großen Rathes nicht so dringend zu sein scheint. Mehr liegt mir hingegen die Strafrechts-Pflege am Herzen. Aber es hält schwer, die Großraths-Commission vorwärts zu bewegen.

Deine Ansichten über das Verhältniß zwischen Tessin & der Lombardei muß ich ganz billigen. Mittlerweile scheinen sich ähnliche Händel an der teutschen Grenze an zu spinnen. Note des Reichsministeriums & Antwort des Vororts wirst Du den Zeitungen entnommen haben.12 Die Schwierigkeit besteht darin, daß wir es mit einer Regierung zu thun haben, die ebenso patzig & jung ist, wie unsere eigene Diplomatie. Da geschieht es leicht, daß die beiden Kämpen so an einander rennen, daß sie mit dem besten Willen nicht leicht wieder Friede machen können. Dießmahl ist gewiß von der Schweiz wenig gefehlt worden; aber die Art, wie die frühern teutschen Noten abgefertigt worden sind, gereicht uns zum Nachtheil. Die Teutschen sind voll Wuth über die Schweiz; wie weit sie es treiben werden, ist schwer voraus zu sagen. Aushungern können sie uns jedenfalls nicht & Alles, was sie vorkehren, thut ihnen wenigstens so weh, wie uns. Dieß ist mein Trost! – Die Vorgänge in Ungarn können auch bedeutenden Einfluß auf die| Weltlage ausüben. Man weiß aber immer noch nicht bestimmt, ob die Magyaren oder ob die Croaten Meister geblieben sind.13Keller empfiehlt sehr angelegen Dr. Göhrum14, Privat-Docenten in Tübingen, für den Lehrstuhl des teutschen Rechts. Er ist geneigt, mit ihm zu unterhandeln. Was ist zu thun? Ich finde meine Sudelei ist kaum würdig, an Dich ab zu gehen. Indeß will ich dem Geschreibsel Gnade für Recht ergehen lassen.

Grüße mir neben unsern Zürcherischen Kriegern doch nahmentlich auch H. Munzinger15. Sage ihm, daß ich ihm meine Liebe unmöglich entziehen könne, auch wenn er seine Stimme bei der Bezeichnung der Bundesstadt für Bern abgebe.16 H. Burki17 war letzthin hier. Wir haben wohl gemerkt, was die Uhr in Solothurn geschlagen hat!

Dein

J R

Kommentareinträge

1Die Datierung auf September ist wohl irrig. Aufgrund des Inhalts ist eine Niederschrift des Briefes im September auszuschliessen; der Poststempel trägt das Datum des 9. Oktober 1848.

2 Vgl. Jonas Furrer an Alfred Escher, 4. Oktober 1848.

3 Vgl. Rudolf Bollier an Alfred Escher, 12. Oktober 1848.

4Da lombardische Flüchtlinge vom Kanton Tessin aus Übergriffe gegen Österreich organisierten, reichte Josef Wenzel Radetzky (von Radetz) (1766–1858), der Oberbefehlshaber der österreichischen Armee in der Lombardei, eine Beschwerde bei der Tagsatzung ein. Diese betraute am 21. September 1848 Escher und Josef Munzinger mit der Aufgabe, für die Aufrechterhaltung der Neutralität im Kanton Tessin zu sorgen. Rüttimann übernahm während dieser Zeit für Escher den Vorsitz über die Zürcher Grossratsverhandlungen ( 3. und 4. Oktober 1848). – Zu Eschers Mission im Tessin Vgl. Fetscherin, Repertorium II, S. 70–73; Jung, Vom Wehen des Zeitgeistes, S. 66; Maissen, Sonderbund, S. 280–282.

5 Vgl. Eidgenössische Zeitung, 7. Oktober 1848.

6Für die Nationalratswahlen von 1848 wurde der Kanton Zürich in vier Wahlkreise eingeteilt. Vgl. Gruner, Nationalratswahlen I, S. 329.

7 Johannes Wild (1790–1853), Fabrikant und Spinnereibesitzer.

8 Hermann Stadtmann (1818–1864), Grossrat (ZH) und Bezirksrichter (Hinwil).

9 Heinrich Ryffel (1804–1880), Grossrat (ZH) und Spinnereibesitzer.

10Zum Gesetzesentwurf betreffend die Strafbefugnis der Verwaltungs- und Polizeibehörden verfasste Rüttimann einen Artikel für die «Neue Zürcher Zeitung». Vgl. NZZ, 4. November 1848.

11 Johann David Rahn (1811–1853), Staatsanwalt (ZH).

12Im April 1848 war es im Grossherzog Baden zu einem Aufstand der republikanischen Bewegung gekommen, der jedoch von den deutschen Reichstruppen niedergeschlagen wurde. Ein Grossteil der Aufständischen floh nach diesem Rückschlag in die Schweiz. Von Basel aus organisierten die deutschen Flüchtlinge im September 1848 einen zweiten Aufstand, der wiederum scheiterte. Am 4 Oktober 1848 ging bei der Tagsatzung eine deutsche Note ein, die sich über die Umtriebe der «dicht an der Grenze wohnenden Flüchtlinge» beklagte und die Entwaffnung und Entfernung der Aufständischen von der deutschen Grenze forderte. NZZ, 8. Oktober 1848. – Die Eidgenossenschaft lehnte in ihrer Antwort jegliche Verantwortung für den badischen Aufstand ab und beklagte sich über den Ton der deutschen Note, in der «die Spuren augenblicklicher Gereiztheit» zu erkennen seien. NZZ, 9. Oktober 1848.

13Im März 1848 kam es in Ungarn zu revolutionären Umwälzungen, die verschiedene gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Veränderungen mit sich brachten. Von einigen Bevölkerungsschichten – vor allem den Bauern und Nicht-Magyaren – wurden die Reformen als unbefriedigend empfunden. Die Auseinandersetzungen der Magyaren mit den Nicht-Magyaren (unter anderem den Kroaten) nutzte der kaiserliche Hof in Wien dazu, den Unabhängigkeitsbestrebungen Ungarns mit Gewalt entgegenzuwirken. Am 11. September 1848 wurde eine österreichisch-kroatische Militäraktion gegen Ungarn eingeleitet. Der militärische Konflikt dauerte bis zum Frühjahr 1849 an und endete mit der Niederlage Ungarns. Vgl. Fischer/Gündisch, Geschichte Ungarns, S. 109–116.

14 Christian Gottlieb Göhrum (1820–1888), Privatdozent an der Universität Tübingen.

15 Josef Munzinger (1791–1855), Landammann und Kantonsrat (SO).

16Im Zusammenhang mit der Umgestaltung der Eidgenossenschaft zu einem Bundesstaat wurde 1848 die Festlegung der Hauptstadt kontrovers diskutiert. In der Sitzung vom 28. November 1848 entschied der Nationalrat, Bern zur Bundesstadt zu ernennen. Vgl. Stadler, Hauptstadtfrage.

17Vermutlich Josef Laurenz Burki (1813–1878), Kantonsratspräsident (SO) und Amtschreiber in Solothurn.