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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Huggenberg

AES B0566 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#280*

Johann Jakob Huggenberg an Alfred Escher, Winterthur, Freitag, 28. Juli 1848

Schlagwörter: Finanzielle Unterstützungen, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Schweizerische Bundesverfassung

Briefe

Mein Hochgeachteter Herr u. Freund!

Versprochener Maaßen hab ich Ihnen einige Mittheilung über die Angelegenheit unsers sel. Freunds, Herrn Weiß, zu machen. - Nach Ihrem Wunsche nahm ich na mentlich über das künftige Verhältniß mit Frau Oberst Weiß Rüksprache, sie auf die besprochenen Punkte aufmerksam machend. Da sie gerade lezten Sonntag zu ihren Verwandten: Herrn Wolfensperger u Herrn Bader kam, so benuzte sie es, um zu vernehmen, weßen sie sich von dieser Seite bezüglich auf eine allfällige Aufnahme ihrer Person zu versehen habe; allein sie kam mit der entschiedenen Ansicht zurük, daß in dieser Beziehung da für sie nichts zu hoffen sey u. erklärte mir daher: nicht nur sey sie bereit, in die Umgebung von Zürich zu ziehen, um mit Emil eine Haushaltung zu bilden, sondern sie halte dieß in jeder Beziehung nun wirklich auch für das Zwekmäßigste u., sofern sich die Sache bewerkstelligen laße, für das Wohlfeilste. Sie verfertigte daher mit Emil einen Voranschlag der dießfälligen Umkosten, den ich Ihnen hier beylege u. dem ich einzig das beyzufügen habe, daß er gewiß unter der Wirklichkeit steht u. daß jedenfalls eine größere Summe, vielleicht gerade ein Mal größer, an genommen werden muß. Doch zu weit will ich auch nicht gehen u. nehme für einmal 500 fl an.

Könnte nun Frau Oberst Weiß ihr ganzes Vermögen von ca 7000 fl beziehen, so käme die Sache, in Verbindung mit einem Stipendium nicht übel zu stehen; leider aber zeigt sich, wenn sie den Nachlaß unbedingt übernihmt, ein weit ungünstigers Resultat; da wird ihr nicht viel mehr übrig bleiben, denn neben dem Ersaz, den sie an die bewußten Unterstüzungsgelder zu übernehmen hat, sind noch einige andere Paßiven zum Vorschein gekommen, wodurch ihr Vermögen gänzlich| reducirt wird; zudem fürchte ich bey der Liquidation größere Verluste, als die bereits vorausgesezten u.. in der Beschreibung berechneten. – Dieß bringt mich auf den Gedanken: es sey heilige Pflicht, mit den Creditoren, namentlich auch mit Herrn Bader, der 1500 fl zu fordern hat, ein ernstes Wort zu sprechen u. ihnen zu erklären: wenn sie ihre Forderung nicht mindestens auf die 1/2te reduciren, so werde Frau Weiß nicht antreten – u. dann erhalten sie gar nichts. Schon hätte ich diesen Schritt gethan, allein ich wünschte doch recht sehr, vorerst noch auch Ihre Ansicht hierüber zu vernehmen. Frau Weiß u. Emil sind einverstanden, daß den Creditoren ein Accomodemt proponirt werde. Meinerseits finde ich nicht das mindeste Unehrenvolle, wenn Frau Weiß erklärt: schuldig wäre ich nichts, allein ich will die Creditoren nicht ganz am Schaden laßen, sondern nach meinen Kräften ein Opfer bringen; nur muß man sich dabey gefaßt machen, daß einer oder 2 der Gläubiger die Sache auf die Spize treiben; da muß man es dann auch darauf ankommen laßen. Bühler z. B., ein Wucherer, soll sich erklärt haben: ja, es sey ihm gar nicht Angst (er hat ca 2000 fl zu fordern,) Hr Oberst habe zu gute Freunde, als daß man ihn fallen laße! – Mit dergleichen Leuten wird etwas ernstlich gesprochen werden müßen. –

Wegen der Unterstüzungsgelder kommt die Sache, nach meiner Rechnung etwas beßer heraus, als nach der Ihrigen. Es zeigt sich nemlich in einem Taschenkalender ein Verzeichniß der

Einnahmen von Herrn Weiß Hand, die beträgt fl 1358.37 [...?]
Vorhanden u. Ausgegeben sind " 835.11 "
bleiben zu deken fl 523.25 [...?]

Immerhin ein Räthsel, wohin diese Summe gekommen sey, denn Frau Oberst versichert: sie könne nicht die mindeste Auskunft geben u. könne keine Idee äußern, was mit dem Geld vorgegangen sey. Wie gesagt, die Sache ist mir sehr räthselhaft.| Könnten nicht etwa die 400 fl, die Herrn Daverio zukamen, sich etwa noch abrechnen; es ist dieß zwar nur ein Gedanken, an den ich, ich gestehe es, selbst nicht glaube. Frau Weiß erklärt, sie werde das Deficit jedenfalls übernehmen u wünsche, daß es nicht in die Beschreibung aufgenommen werde; dieß ist doch wirklich sehr zu wünschen u ich denke, Sie werden sich auch damit verstehen. - Die den 6. Apr gesandten 350 fl zeigen s. Verzeichniß als ganz richtig eingez.

Gerne will ich nun über die Angelegenheit Ihre Ansicht vernehmen; namentlich ersuche ich Sie mit möglichster Beförderung mir zu melden, was Sie zu dem Project eines Accomodemt sagen, damit unverzügl. Hand ans Werk gelegt werden kann.

Hier ist in der Politik alles ruhig; man bespricht die Bundesverfaßung u ist allüberall, so weit ich höre, mit dem Beschluße unsers Groß. Raths sehr zufrieden.

Von Frau Weiß u. Emil viele Empfehlungen an Sie, so wie auch von meiner l. Frau [...?] . Ebenso ersuch ich Sie, die Versicherung meiner unveränderlichen Hochachtung u Freundschaft zu genehmigen.

Winterthur 28. July 48.

Huggenberger
Praes.

Sonntags werde ich mit meinen beyden Knaben ein kleines Tournée auf'n Rigi antreten, vom dem ich aber Mittwochs oder Donnerstags wieder zurükgekehrt zu seyn hoffe.