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Korrespondenz: Alfred Escher – Gerold Meyer von Knonau

AES B0564 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#352*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 79 | Jung, Aufbruch, S. 189 (auszugsweise)

Gerold Meyer von Knonau an Alfred Escher, Zürich, Freitag, 21. Juli 1848

Schlagwörter: Regierungsrat ZH, Staatsschreiberstelle (Bund und Kantone), Zürichputsch (1839)

Briefe

Hochgeachter Herr!

Daß zu denen, welche sich über Ihre Ernennung zum Regierungsrath1 aufrichtig gefreut haben, der Unterzeichnete gehört, können Sie sich leicht denken, & Sie werden mir nunmehr Recht geben, daß ich mich nicht irrte, wenn ich Ihnen vor einem Jahre zuriet, die Staatsschreiberstelle anzunehmen, denn Sie werden es nie bereuen, auch diese Schule durchgemacht zu haben. Wirklich gab es früher auch nicht einen Staatsmann von Bedeutung bei uns, der nicht die Staatscanzlei besucht & sich in ihr für höhere Staatsämter zu befähigen gesucht hätte. Ich sah Sie oft in Ihrer Jugend & ich hatte Sie damals schon lieb gewonnen, & zwar so, daß ich Sie 1831 mitnehmen wollte, um Zeuge zu sein, wie Ihr theurer Lehrer Schweizer in Bubikon installirt werde2, allein Ihre verehrte Frau Mutter befürchtete, Sie möchten allzusehr von Wehmuth erfüllt werden. Ich wünschte mein verewigter Vater3 hätte noch erlebt, Sie in solcher Jugend schon in bedeutender staatsmännischer Wirksamkeit zu wissen, denn wir sagten oft zusammen, Sie können in Kellers Fußstapfen treten, nur haben Sie das voraus, daß bei Ihnen nicht| Schattenseiten das Licht verdunkeln.4 Ihr Auftreten ist zudem schwieriger, Keller trat hervor als alles begeistert war, in jener poetischen Zeit der Dreißigerjahre, bis sie in Prosa umschlug, & sich nicht sobald wieder, oder vielleicht nie mehr jenen Zuständen nähern wird, die auf Ihr für alles Schöne leicht empfängliche Gemüth einen so unauslöschlichen Eindruck machen mußten.

Möge es Ihnen stets glücken, das, wovon Ihre Seele so warm durchdrungen ist, verwirklichen zu können, & wenn sich Hindernisse aufthürmen, zugewartet zu haben, dieß nie bereuen. Eine noch schönere Wirksamkeit steht Ihnen bevor; & stets sei ein Heinrich5, ein Caspar Escher6, die beiden Consuln7, sowie der unvergleichliche Conrad Escher von der Linth8 Ihr Vorbild! Sie werden denken, ich sei recht anmaßend, daß ich so zu Ihnen spreche. Allein die Liebe mißt nichts zum Argen, & daß ich Sie liebe & zugleich von ganzem Herzen hochachte, muß Ihnen nicht sagen

Ihr ganz ergebene

Gerold Meyer von Knonau,
Staatsarchivar.

Zürich,
den 21 Juli 1848

Kommentareinträge

1Am 27. Juni 1848 wurde Escher in den Regierungsrat gewählt. Vgl. NZZ, 28. Juni 1848.

2 Schweizer wechselte 1830 als Pfarrer von Albisrieden nach Bubikon. Vgl. Helfenstein, Escher und Schweizer, S. 81.

3 Ludwig Meyer von Knonau (1769–1841), Zürcher Staatsmann, Jurist und Historiker.

4Mit den «Schattenseiten» spielt Gerold Meyer von Knonau auf Friedrich Ludwig Kellers Hang zu sexuellen Ausschweifungen und auf dessen Tendenz zur Habgier an. Vgl. Weibel, Keller, S. 283–287.

5 Heinrich Escher-Werdmüller (1626–1710), Zürcher Staatsmann und Kaufmann.

6 Hans Caspar Escher (1625–1696), Zürcher Staatsmann, Fabrikant und Bankier.

7Gemeint ist das Bürgermeisteramt von Stadt und Republik Zürich, das Heinrich und Hans Caspar Escher abwechselnd bekleideten. Vgl. Keller-Escher, Escher vom Glas, S. 101.

8 Hans Conrad Escher von der Linth (1767–1823), Zürcher Politiker und Geologe.