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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Bollier

AES B0559 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#124*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 78

Rudolf Bollier an Alfred Escher, Zürich, Sonntag, 11. Juni 1848

Schlagwörter: Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Regierungsrat ZH, Schweizerische Bundesverfassung, Staatsschreiberstelle (Bund und Kantone), Tagsatzung, Wahlen

Briefe

Mein lieber Freund!

Die Angelegenheit der Bundesrevision wurde in der letzten Sitzung des RRathes, jedoch nur im Allgemeinen behandelt. Der Staatsrath ist mit der Entwerfung der Instruktion beauftragt worden. – Allseitig einverstanden war man darüber, daß der Entwurf der Verfassung dem Volke vorgelegt werden soll & daß der Gr. Rath bei Vorlegung desselben sich darüber aussprechen soll, ob er demselben seine Zustimmung gebe oder nicht. Ich denke es wird dieß durch eine Proklamation geschehen, in welcher sowohl die Vortheile als auch die Nachtheile hervorzuheben wären.1 Obschon die Letztern namentlich in materieller Beziehung, für unsern Kanton gewiß größer sind als die erstern, so wünsche ich doch recht sehr, daß der Gr. Rath den Entwurf dem Volke empfehlend vorlege.2 Denn was würde folgen, wenn der Entwurf verworfen würde? Zurückkehren zu dem 15er Bund? Das glaube ich nicht? Durch die Tagsatzung ein neues Projeckt ausarbeiten lassen? Ich glaube es ebenfalls nicht? Einen| Verfassungsrath? Möglich; aber wird dieser so leicht zu Stande kommen?! Und wer garantirt dafür, daß dieser etwas zu Stande bringe, das allseitigen, oder auch nur den Beifall der großen Kantone findet! Werden dann Bern, Luzern usf. ihre Konsumogebühren aufgeben?3 oder es hinnehmen, wenn sie aufgehoben werden? Die Einheitsrepublick würde freilich all' diese Kantonal-Interessen beseitigen; allein nach meiner Ansicht ist die Zeit für diese noch nicht da! –

Welche Stellung unsere Konservativen einnehmen werden – darüber kann ich Dir in der That auch nicht das Geringste mittheilen. Man hört von denselben gar nichts. – Dagegen war ich letzten Sontag in Horgen & habe in dort vernommen, die Stimmung am See für den Entwurf – wegen der Consumogebühren nicht besonders günstig sei. Die Weinbauern eifern sehr dagegen. Dessenungeachtet hoffen die Einflußreichern in dort das Volk zur Annahme bestimmen zu können. –

Die Instrucktion für die Gesandtschaft anlangend, so sollte nach meiner Ansicht auf den Fall der Verwerfung durch unser Volk zur Zeit entweder gar keine, oder dann lediglich die Instrucktion gegeben werden, daß die Gesandtschaft ihre früher erklärte Zustimmung unter Ratifikationsvorbehalt – zurückziehe. Schon vor der Abstimmung durch das Volk, Instrucktion auf den Fall der Verwerfung zu geben, schiene mir nicht klug zu sein. – Zweckmäßiger dürfte es sein, wenn der Gr. Rath, insofern Verwerfung erfolgt, dann wieder zusammen treten würde.| Dagegen müssen allerdings Instrucktionen auf den Fall der Annahme gegeben werden. Die Frage, wann die Gesandtschaft die Verfassung, als für die ganze Eidgenossenschaft verbindlich erklären soll – würde ich dahin beantworten, daß dieselbe als angenommen zu betrachten sei, sobald die Mehrheit der Stände & des schw. Volkes die Zustimmung ertheilt habe. Hinsichtlich des letztern Punktes sollte es so gehalten werden, daß das Volk derjenigen Kantone, in welchen der Entwurf den Urversammlungen nicht vorgelegt wird, aber der Gr. Rath denselben genehmigt – als annehmend zu zählen wäre. – Betreffend nun die Bildung der Eidgen. Wahlkreise, so dürfte – nachdem durch die Tagsatzung entschieden sein wird, wieviel Repräsentanten jedem Kanton zukommen – für den Uebergang in den Kantonen überlassen bleiben, wie sie die Wahlkreise eintheilen wollen. Die definitive Regulirung dieses Punktes ist der Gesetzgebung der neuen Behörden vorbehalten. –

Dieß sind nun meine Ansichten; welche Anträge der RRth dem Gr. Rath vorlegen wird, weiß ich natürlich noch nicht. Morgen Nachmittag sei Sitzung des Staatsrathes & am Donnerstag des Rgierungsrths. Ich will dafür sorgen, dß der Instrucktionsentwurf Dir möglichst schnell mitgetheilt wird. –

Und nun eine Frage an Dich: Hast Du mit Staatsschbr Sulzer4 vor Deiner Abreise noch Rücksprache genommen, & welche Erklärung hat er Dir gegeben? Es liegt mir sehr daran dieses zu wissen, damit man sich danach zu benehmen weiß. – Bis jetzt hat sich außer Hagenbuch noch niemand gemeldet,| & soviel ich vernehmen konnte ist die Stimmung für ihn durchweg eine günstige. Allein würde Sulzer zurücktreten, so käme dann in Frage, wer an seine Stelle treten soll. In diesem Falle würde Bucher5 ohne Zweifel aspiriren, & es wäre dann unsere Meinung, daß Bucher als erster & Hagenb. als zweiter (womit dieser auch ganz einverstanden wäre) gewählt werden sollte. Man sollte also schon vor der Wahl des erstern wissen, was Sulzer thun will.6

Hr Stabsmajor Ott7 beschwerte sich bei mir darüber, daß sein College (Müller) Wehrli8 als Oberstlieutnt im Generalstab vorgeschlagen worden sei & er – Ott – nicht; während sie beide am gleichen Tage das Majorsbrevet erhalten haben. Wehrli habe zwar die Erfordernisse zum Avancement, welche nach dem Reglement gefordert werden, nicht; allein sollte derselbe dennoch gewählt werden, so würde es ihn sehr ärgern, daß nicht auch er in Vorschlag gebracht worden sei. – Willst Du Dich vielleicht bei Herrn Frei-Herosee9 erkundigen welche Chancen W. habe? Falls diese günstig wären, so sollte auch Ott vorgeschlagen werden, was die Gesandtschaft wohl von sich aus thun könnte. – Ebenso empfehle ich Dir dringend den Herrn Wild10 als Major in den Generalstab. Wild verdient gewiß diese Anerkennung im höchsten Grade. –

Neues von Bedeutung nichts. Daß Oberst Bürkli11 – wie E. G.12 sagt, wahrscheinlich wegen «religiöser Bewegungen» – geisteskrank ist, wirst Du wissen! –

Herzliche Grüße an die Herren Hoffmann13, Hungerbühler14 & Siegfried15. Dich grüßt & weilt im Geiste oft bei Dir Dein «unveränderter & sich nie verändernder»

J Bollier

Zürich d. 11/6/48.

Kommentareinträge

1 Jonas Furrer übernahm die Aufgabe, einen «Beleuchtenden Bericht» zur Verfassungsreform auszuarbeiten. Vgl. Furrer, Bericht BV 1848; Die Bundesrevision (1847/48), Absatz 25.

2In Zürich wurde am 6. August 1848 über die neue Bundesverfassung abgestimmt. Die Bundesrevision (1847/48), Absatz 25.

3Dem Bund wurden durch den Verfassungsentwurf weitgehende Kompetenzen im Zollwesen zugestanden. Die damit vorgesehene Aufhebung der kantonalen Komsumgebühren auf alkoholischen Getränken, die vor allem in den agrarisch geprägten Kantonen eine wichtige Einnahmequelle darstellten, war äusserst umstritten. Vgl. Kölz, Verfassungsgeschichte I, S. 589–594; Die Bundesrevision (1847/48), Absatz 17.

4 Johann Jakob Sulzer (1821–1897), zweiter Staatsschreiber (ZH).

5 Johann Jakob Bucher (1814–1905), Fürsprecher in Zürich.

6Am 27. Juni 1848 wurde Escher in den Regierungsrat gewählt und trat damit von seiner Staatsschreiberstelle zurück. Seine Nachfolge als erster Staatsschreiber trat Johann Jakob Sulzer an. Zum zweiten Staatsschreiber wurde Franz Hagenbuch bestimmt. Vgl. NZZ, 28. Juni 1848; Keller, Staatsschreiber, S. 25–39.

7 Hans Ott (1813–1865), Grossrat (ZH) und Kommandant der Zürcher Kantonspolizei.

8 Heinrich Wehrli (1815–1890), Major im eidg. Artilleriestab.

9 Friedrich Frey-Herosé (1801–1873), eidg. Oberst, Mitglied des Kleinen und Grossen Rats (AG).

10 Huldreich Wild (geb. 1818), Hauptmann im Generalstab und Grossrat (ZH). – Wild wurde 1848 zum Major befördert. Vgl. Jaun, Generalstab III, S. 197.

11 Johann Georg Bürkli (1793–1851), Seidenhänder und Offizier. – Bürkli war aufgrund seiner Gemütskrankheit in ärztlicher Behandlung. Vgl. Schiedt, Karl Bürkli, S. 37.

12Person nicht ermittelt.

13 Joseph Marzell Hoffmann (1809–1888), Grossrat und Kassationsrichter (SG).

14 Johann Matthias Hungerbühler (1805–1884), Mitglied des Kleinen und Grossen Rats (SG).

15 Samuel Friedrich Siegfried (1809–1882), Mitglied des Kleinen und Grossen Rats (AG).